NACHTLEBEN Im Rausch der weißen Nächte
Mick Jagger war hier und hielt Händchen mit einer Münchner Pfarrerstochter. Albert von Monaco ließ sich von den Klatschreportern mit einem einheimischen Nacktmodell ertappen. Helmut Berger verwechselte die Bar mit der Toilette und pinkelte gegen den Tresen. Und der amerikanische Starschauspieler Al Corley ("Der Denver-Clan") knutschte inmitten des Partytreibens mit »Flashdance«-Hauptdarstellerin Jennifer Beals: Die beiden hatten sich in einem Strandkorb versteckt.
Lauter schöne Erinnerungen an die tollen Nächte der achtziger Jahre. Noch toller aber sollen die Feste des Hausherrn in jener Zeit gewesen sein. Zur »Pennerparty« etwa ließ Michael Käfer die Diskothek in ein Obdachlosenlager verwandeln, für die »Metzgerparty« hängte er Schweineköpfe an die Wände, und zur »Römerparty« im Juli 1985 schlug er gleich einen Jesus-Darsteller ans Kreuz: Ein junger Mann, engagiert beim »Studentenschnelldienst«, verbrachte den Abend an zwei übermannsgroße Holzbalken gefesselt - und konnte den aufgekratztesten der Partygäste dabei zusehen, wie sie sich, animiert durch den auf eine Leinwand projizierten Softporno »Caligula«, gegenseitig die Togen vom Leib rissen und in den Swimmingpool auf der Terrasse sprangen.
»Die Partys waren die beste PR für uns«, sagt Michael Käfer, »immer fielen uns Sachen ein, über die die Leute noch wochenlang redeten«- und mit denen Käfer seiner Diskothek, dem »P1«, zu internationalem Ruhm verhalf. Ganz so berühmt und berüchtigt wie das amerikanische Vorbild war Käfers Laden nie: wie jenes »Studio 54« in New York, in dessen Glanzzeiten Ende der siebziger Jahre Bianca Jagger auf einem Schimmel durch den Saal ritt, Andy Warhol sich die hübschesten Jungs von der Tanzfläche angelte und Truman Capote genausogut hätte Miete zahlen können.
An die legendären Jahre des Studio 54 (SPIEGEL 37/1998) erinnert der gleichnamige US-Film, der nun in den deutschen Kinos angelaufen ist; der reale New Yorker Nachtclub wurde 1980 zugesperrt. Das P1 aber gibt es noch immer - in neuen Räumen, aber im gleichen Gebäude und unter der gleichen Adresse: Prinzregentenstra-ße 1, von den amerikanischen Besatzern nach 1945 zu »P one« verkürzt. Das Gebäude ist das »Haus der Kunst« und hieß ursprünglich »Haus der Deutschen Kunst«.
Der grobianisch-klassizistische Museumsbau, von Hitler beim Architekten Paul Ludwig Troost in Auftrag gegeben, sollte München, die »Hauptstadt der Bewegung«, zur Kunstmetropole des Dritten Reichs machen - und präsentierte zur pompösen Eröffnung durch den Bauherrn Hitler am 18. Juli 1937 die erste »Große Deutsche Kunstausstellung«, der im benachbarten Galeriegebäude die Ausstellung »Entartete Kunst« gegenübergestellt wurde. Nach Kriegsende nutzten die Amerikaner den von den Bombenangriffen der Alliierten kaum beschädigten Klotz als Offizierskasino, seit 1949 dient er wieder als - derzeit von dem Schweizer Christoph Vitali erfolgreich geleitete - Kunsthalle.
Im Ostflügel des Kunstbaus residierte schon in den Fünfzigern ein Jazzclub, später ein schummriges Nobel-Etablissement, in dem, so ein Zeitzeuge, »alle auf dem Boden krochen und sich gegenseitig ,Fiffi' nannten«. Zu Beginn der achtziger Jahre huldigten neue Betreiber mit Neonlampen und kühlem Design dem damals schicken New-Wave-Zeitgeist - dann machte Gerd Käfer, Begründer des gleichnamigen Feinkost-Imperiums, den Laden seinem Sohn Michael zum Geschenk.
»Als ich anfing«, erinnert sich der heute 40jährige, »lag hier alles im Dornröschenschlaf.« Sofort allerdings sei ihm aufgefallen, welche Vorzüge der kleine Raum mit Galerie und einer Kanzel für den Diskjockey bot: »Hier bekam man an jedem Abend mühelos die Tanzfläche voll.«
»Alles, was im alten P1 passierte, war vom Körper bestimmt«, bestätigt Lupo, 41, bürgerlich Lutz Ludwig und von 1983 bis 1994 Stamm-Diskjockey des Hauses, »da fanden keine schöngeistigen Gespräche statt. Es ging nur ums Tanzen - und darum, schön zu sein und sexy.«
Bald standen fast allabendlich ein paar hundert Menschen vor dem Eingang und ließen sich von strengen Türstehern auf Partytauglichkeit und angemessene Garderobe prüfen. Auch wenn im P1 für schimmelreitende Jet-set-Stars der Platz fehlte, bot Hausherr Käfer den Eingelassenen ein imposantes Programm. Im P1 präsentierte die amerikanische Sängerin Whitney Houston ihr erstes Konzert vor europäischem Publikum, Tina Turner feierte Geburtstag, und die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis legte Platten auf. Und auch Politiker verirrten sich in den Club: Oskar Lafontaine etwa hat im P1 noch immer ein Bier offen - die Rechnung hängt seit Jahren eingerahmt im Büro.
Die Achtziger erwiesen sich als goldene Jahre der Münchner Schickeria, denen Helmut Dietl in »Kir Royal« 1985 ein Fernsehdenkmal setzte: Werber, Magazinmacher und Filmmenschen riefen die Stadt zur Spaßhauptstadt der Bundesrepublik aus; in den Musikstudios der Stadt mieteten sich amerikanische und britische Stars ein. Und während bei »Schumann's« echte und selbsternannte Künstler mit Journalisten und Adabeis an dunkelgebeizten Holztischen palaverten, während im »Romagna Antica«, dem realen Vorbild des Kino-»Rossini«, Bernd Eichinger und Konsorten von Hollywood träumten, galt das P1 als Ort des sinn- und sorgenfreien Vergnügens: »Alle waren sie hier«, schwärmt Diskjockey Lupo, »die tollsten Models, die Ölscheichs, der Sohn vom Delon, die Popstars.«
»Das P1 war einfach unglaublich«, sagt Fabrice Morvan, P1-Stammgast, bevor er als Teil des Duos Milli Vanilli erst weltweit berühmt und dann - weil die beiden Milli-Vanilli-Jungs auf ihren Platten gar nicht selbst gesungen hatten - weltweit verlacht wurde. »Ich war in Diskotheken in vielen Ländern, aber so wie hier war es nirgends: die hübschesten Mädchen, die besten Typen und jede Menge Prominenz. Wir, mein Milli-Vanilli-Partner Rob Pilatus und ich, wohnten quasi im P1, wir waren so eine Art Maskottchen und tanzten auf den Lautsprecherboxen. Im P1 haben wir geübt, berühmt zu sein, bevor wir es tatsächlich wurden.«
Logisch, daß bei all dem Spaß Drogen mit im Spiel waren. Von »weißen Nächten im P1« berichtete der österreichische Sprechsänger Falco schon 1985 in seinem Lied »Munich Girls«. Um wenigstens den Schein zu wahren, »sind die Leute aufs Klo gegangen«, erinnert sich Club-Geschäftsführer Klaus Gunschmann, 33, »für 30 Mark hat die Klofrau ein Auge zugedrückt«.
Seit 1992 die Polizei zu einer Razzia anrückte und »eine kleinere Menge Haschisch sowie mehrere leere Kokain- und Heroinbriefchen« aufspürte, wie die amtliche Pressemitteilung vermerkte, gelten strengere Regeln: Heute haben die Toilettendamen Anweisung, unter dem Türspalt durchzugucken, falls ein Gast auffällig lange in seiner Kabine verweilt - und wer im Laden mit Drogen erwischt wird, bekommt Hausverbot.
Mit der großen Zeit des Clubs ging es schon in den Jahren zuvor allmählich zu Ende. Seit 1989 die Berliner Mauer gefallen war, verlor nicht nur der Politik- und Wirtschaftsstandort München mehr und mehr an Glanz, sondern auch die Schickeria der Stadt - und mit ihr das P1.
Verändert habe sich in den Jahren allenfalls der Stil, in dem sich die Menschen nachts amüsieren, sagt Michael Käfer, »aber es ist Quatsch, die Vergangenheit zu glorifizieren«. Habe man früher nach der Devise gefeiert: »Laßt uns jetzt alle unsere Gläser nehmen und auf den Boden schmettern, weil es halt gerade so ist« (Käfer), so vergnügen sich die Jungen und Schönen heute eher gesittet. Immerhin sei das Lokal auch heute, fünf Jahre nach seinem Umzug in die Kellerräume des Westflügels, gut besucht, Jahr für Jahr vertrinken die Gäste allein 4000 Liter Wodka.
Der langjährige P1-Diskjockey Lupo urteilt harscher: »Das heutige P1 ist nur noch eine Cocktailbar mit Tanzmöglichkeit - und Barkeepern, die schon deine Eltern bedient haben.«
Am Freitag vorvergangener Woche gab es in München eine große Party anläßlich des deutschen Kinostarts von »Studio 54«. »Dress spectacular«, forderte die Einladung. Viele Gäste - darunter Hauptdarstellerin Salma Hayek - waren der Aufforderung gefolgt. Grace Jones sang live »I Need A Man«, die New Yorker Party-Queen Diane Brill ritt auf einem weißen Hengst, und die Belegschaft arbeitete halbnackt.
Ort der Feier war die Münchner Diskothek »Park-Cafe«. Fünf Straßen weiter, im P1, herrschte an diesem Abend normaler Betrieb.