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KRISEN »Augstein ist in Kuba«

Wie der SPIEGEL-Herausgeber im Hamburger Untersuchungsgefängnis seinen Karibikaufenthalt erlebte
Von Rudolf Augstein
• aus DER SPIEGEL 5/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Buch »Tauwetter« von Oleg Grinewski, in SPIEGEL 4/1997 von Rudolf Augstein vorgestellt, endet mit dem Hinweis auf die Kuba-Krise, Höhepunkt und Abgrund der Annäherung zwischen Kreml und Weißem Haus. Die Welt war starr vor Entsetzen, am Rande des atomaren Krieges. Am 16. Oktober 1962 erfuhr Präsident John F. Kennedy in Washington von den sowjetischen Raketen auf Kuba und bildete seinen Krisenstab. Am gleichen Tag bereitete in Bonn der damalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß seine Aktion gegen den SPIEGEL vor. Rudolf Augstein erinnert sich.

Als Nikita Sergejewitsch sich am 27. September 1959 von Präsident Eisenhower nach seiner Eroberung Amerikas verabschiedete, wünschte er sich noch viele Male das schöne amerikanische Wort »o. k.«, für immer weitere positive Verhandlungen. Hinter ihm stand sein Außenminister Andrej Gromyko, nicht als »Mister O. K.«, sondern als »Mister Njet« bekannt. Später schreibt Chruschtschow in seinen Memoiren: »Wir hatten Angst, regelrechte Angst. Wir fürchteten, das ,Tauwetter'' könnte eine Flut verursachen, die einzudämmen wir nicht mehr in der Lage wären, eine Flut, die uns mit sich risse, überschwemmte. Das Wasser würde über die Ufer des sowjetischen Flußbetts treten und eine Flutwelle erzeugen, die alle Barrieren und Stützmauern unserer Gesellschaft fortrisse.«

Im Mai 1960 überließ man es Chruschtschow, die so lange vorbereitete Konferenz über Europäische Sicherheitsfragen in Paris durch sein für westliche Begriffe ungehobeltes Benehmen zu sprengen.

Es gab skurrile Momente während dieses zum Maulwurfshügel geschrumpften Gipfels: so Chruschtschows Versuche, mit Hosenträgern und einer ukrainischen Bluse ausstaffiert, das Gras vor der Botschafter-Villa zu mähen. Sein dicker Bauch war ihm im Wege, und so warf er die Sense hin.

Eine andere Begebenheit war das Telefonat Mammie Eisenhowers aus Washington, in dem sie den hohen Blutdruck ihres Mannes durch die Bemerkung zu senken suchte, Chruschtschow habe den Besuch der Eisenhower-Familie in der Sowjetunion, der für den Juni vereinbart war, nicht aus politischen Gründen abgesagt, sondern nur deswegen, weil beider Sohn John den Eisenhower-Enkeln verboten habe mitzureisen.

Im Elysée schob Chruschtschow das Scheitern der Konferenz auf die Unentschlossenheit Eisenhowers. So habe der sich schon im Kriege immer benommen. Es falle schwer, dem Urteil nicht zuzustimmen, das Feldmarschall Montgomery und Churchill in ihren Memoiren über Eisenhower gefällt hätten.

De Gaulle begann, Eisenhower zu verteidigen, aber nur halbherzig. Wie von selbst, und hier können wir auf ehemals geheime Dokumente des französischen Außenministeriums über dieses Gespräch zurückgreifen, kam die Rede auf Stalin.

Chruschtschow: *___Ich denke, daß die öffentliche Meinung die Verantwortlichen auf ____jeden Fall verurteilen wird. Es gibt manchmal mildernde ____Umstände, die man der Leidenschaft oder Fehltritten zuschreibt; ____aber es gibt kein Beispiel in der Geschichte dafür, daß die ____Schuldigen nicht eine gerechte Strafe erhalten hätten, auch ____wenn es manchmal erst nach ihrem Tode dazu kommt. Es ist ____bekannt, daß die Bürger der Sowjetunion Stalin bewunderten und ____ihn ehrenvoll einbalsamiert haben. Allerdings hat er sich ____solche Dinge zuschulden kommen lassen, daß selbstverständlich ____über ihn gerichtet werden muß.

Darauf der große General de Gaulle: *___Jedenfalls ist es sicher, daß die Geschichte uns alle richten ____wird und daß wir uns dem unterwerfen müssen. Was Stalin angeht, ____so kann man sehen, daß sie über ihn hinweggegangen ist und daß ____noch kein endgültiges Urteil feststeht. Das gleiche trifft auf ____seine Nachfolger zu.

Ein majestätisches Wort im Geiste Ludwigs XIV., über den die Geschichte bis heute noch kein endgültiges Urteil abgeliefert hat.

Macmillan schrieb in sein Tagebuch: »So endete die Konferenz auf höchster Ebene, bevor sie überhaupt angefangen hatte.«

Am Morgen des 19. Mai reiste Chruschtschow mit seiner Delegation ab, sehr zufrieden lächelnd. Er ging die Paradetreppe der sowjetischen Residenz hinunter, als sich ihm Botschafter Sergej Winogradow protokollwidrig in den Weg stellte. »Nikita Sergejewitsch«, sagte er, »hier an der Wand hing ein Gobelin vom Beginn des 18. Jahrhunderts. Dieses Stück gehört zum nationalen Erbe Frankreichs. Aber Ihre Leute haben es abnehmen lassen.«

Tatsächlich war die Wand im zweiten Stock der Botschaft, wo früher der Gobelin mit einer Szene aus dem Leben Alexanders des Großen gehangen hatte, leer. Chruschtschow polterte seine Mannschaft an: »Sofort zurückbringen. Das ist ja empörend. In Moskau werde ich mit euch abrechnen.« Dieser Gobelin schmückt dank Sergej Winogradow heute noch die Paradetreppe der russischen Botschaft in Paris.

Recht hatte Chruschtschow mit seinem Verdacht, der Westen wolle eine Reihe von Konferenzen, vielleicht sogar eine »Ewigkeitskonferenz« anberaumen. Auch er hatte Zeit.

Aber da kam die Kuba-Krise dazwischen, mit der man weder in Washington noch in Moskau gerechnet hatte und deren bedrohlichste Phase zwischen dem 16. und 28. Oktober 1962 ablief.

Präsident John F. Kennedy fragte an, ob drei- oder vierhundert Millionen Opfer zu beklagen sein würden, Chruschtschow beschwerte sich - am 24. Oktober beinahe schon auf dem Rückzug -, daß er mit einem Manne verhandeln müsse, der sein Sohn sein könne.

Wie kam es zur Kuba-Krise? Fidel Castro, der sich niemals als Kommunist bekannte, hatte am 1. Januar 1959 den amerikahörigen Diktator Batista verjagt und sich zum Herrn Kubas gemacht. Man schenkte ihm zu Beginn weder in Washington noch in Moskau große Aufmerksamkeit.

Der russische Diplomat Oleg Grinewski meinte in seinem Buch »Tauwetter« sogar, Präsident Eisenhower hätte ihm nur seinen kleinen Finger reichen und ein Minimum an Wirtschaftshilfe anbieten müssen, dann hätte man sich all die Scherereien sparen können. Dies ist angesichts der exotischen und nicht gerade zur Vernunft neigenden Figur des Doktor Fidel Castro nicht sehr wahrscheinlich.

Auf jeden Fall, er wurde ins sowjetische Lager gedrängt, wo er erst Hilfe, dann Waffenhilfe und zum Schluß Raketen erhielt.

Eisenhower, kein großer Präsident, aber ein guter Diplomat, und ein Militär dazu, hatte sich schon vorher Gedanken gemacht. Was könnte passieren, wenn in Mexiko oder Kuba eine Revolution ausbrechen würde? Dann würden die Amerikaner zwangsläufig in den Konflikt hineingezogen. Zwischen Kommunisten, Sozialisten und Pazifisten sah man in Regierungskreisen keinen Unterschied.

Wie aber dachte man in Moskau, wie dachte Chruschtschow? Sehr logisch, aber auch sehr unvernünftig, wenn nicht gar ignorant.

Es stimmte, die Sowjetunion war ringsum von Atomraketen bedroht. Da mußte er nach den Spielregeln der Abschreckung gleichziehen. Den Versuch war das wert. Kostspielige Versuche, wenn man die Psychologie des Gegners falsch einschätzt und seine eigene Stärke überschätzt. Chruschtschow tat beides. Er wollte endlich gleichziehen mit den USA, und das konnte nur heimlich geschehen. Heimlich aber konnte auf Dauer nichts geschehen, so erstaunlich die ganze Operation von den Moskowitern in Szene gesetzt wurde. Sie schickten Frachter mit Atomraketen in Richtung Kuba. Da niemand ihnen eine solche Leistung zugetraut hatte, wurden die Raketen spät entdeckt.

Es war der 22. Oktober 1962, als Präsident Kennedy in einer bewegenden Rede die Stärke der Vereinigten Staaten vorführte. Er hatte alle Pläne verworfen, gegen die auf Kuba stationierten Sowjetraketen einen Überraschungsangriff zu befehlen; einige Zeit war er der mit der größten Verantwortung belastete Mensch der Geschichte, für kurze Zeit sogar allein gelassen von seinem ihm sonst blind ergebenen Bruder und Justizminister Robert Kennedy.

Die Seeblockade, für die er sich dann entschied (geschönt »Quarantäne« genannt), erwies sich als das taugliche Mittel, die Krise zu beenden. Zwar gab es unvorhergesehene Probleme mit sechs feindlichen U-Booten, die in der Karibik um den Flugzeugträger »Essex« herumstrichen.

Verteidigungsminister Robert McNamara, auf der Seite der beiden Brüder stehend, leistete sein Äußerstes an Krisenmanagement, als am 24. Oktober die ersten Meldungen eintrafen, es hätten etliche Schiffe vor der Quarantänegrenze abgedreht, andere aber mit verlangsamter Fahrt Kurs gehalten. Es kamen Hoffnungsschimmer auf.

Die Kennedy-Brüder hielten Chruschtschow, Pragmatiker, die sie waren, keineswegs für den Mann, der nur imstande sein würde, mit seinem Schuh auf Uno-Pulte zu hämmern. In Kennedys Augen war er nie nur die Gogol-Figur, der »grobe Clown«, für den viele ihn hielten. Nikitas plastische Redeweise beherrschte der junge Präsident nicht. Es wäre ihm kaum eingefallen, die entstandene Situation mit zwei dickschädeligen Ziegenböcken zu vergleichen, die sich auf einem schmalen Steg über einem tiefen Abgrund die Köpfe stoßen.

Wie kam nun aber ich nach Kuba? Nun, ich war nie in Kuba. Aber laut deutschen Aktenprotokollen muß ich doch dort gewesen sein. Es findet sich immer wieder der Satz: »Augstein ist in Kuba.«

Auf eine merkwürdige und vertrackte Weise war die größte Menschheitskrise mit einer relativ bescheidenen Krise in der Bundesrepublik verbandelt worden. Wer hatte da verbandelt? Das würde sich herausstellen.

Am Freitag, dem 26. Oktober, erhielt ich von meinem Bruder Josef, der in Hannover als Rechtsanwalt und Notar amtierte, den Anruf, die SPIEGEL-Redaktion sei besetzt, gegen mich liege ein Haftbefehl vor.

Ich hatte das Büro an diesem Abend etwas früher verlassen und mich nach Hause begeben. Der »Herr des Verfahrens« sei der »Erste Staatsanwalt« Siegfried Buback (1977 als Generalbundesanwalt von Terroristen ermordet), der ein anständiger Mann sei. Das war er.

Er, Josef Augstein, habe mit Buback verabredet, daß ich mich am Samstag, also am 27. Oktober, um zehn Uhr morgens im Polizeipräsidium Hamburgs einstellen solle. Ich sagte ihm, grundsätzlich ja, aber vor zwölf Uhr mittags könne ich nicht dort sein.

Ich erschien wie vereinbart und bekam vom Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof Wolfgang Buddenberg den Haftbefehl verlesen. Er versprach mir, ein - natürlich sorgfältig geprüftes - Radiogerät zur Verfügung zu stellen. Dies war vorerst die Hauptsache.

Der Grund meiner Verhaftung war der Artikel »Bedingt abwehrbereit«, verfaßt von dem Freund und Kollegen Conrad Ahlers. Das schien nicht zu passen, weil Strauß, an den ich natürlich zuerst dachte, mit Conny Ahlers beinahe befreundet war. Das Ergebnis der Recherchen hatte mich enttäuscht, weil er die von mir vermutete einseitige Atomwaffenbegehrlichkeit des Verteidigungsministers Franz Josef Strauß nicht bestätigte, und so hatte ich den Artikel nicht verantwortlich durchgesehen.

An diesem Samstag hörte ich im Radio von der Aussage eines Moskauer Sprechers, zweifellos würden die Männer zu sterben wissen. Die Männer, das konnten nur Besatzungen der sich dem Blockadering nähernden Schiffe sein.

Weiter hörte ich, es sei Conrad Ahlers in Torremolinos oder Malaga festgenommen worden. Der Erste Staatsanwalt Buback damals: »Das waren nicht wir!« Wer war es dann?

Es kam noch eine Meldung, die als strategischer Rückschritt bewertet wurde. Chruschtschow habe im Gegenzug die ausdrückliche und öffentliche Abziehung der mit atomaren Sprengköpfen versehenen Raketen aus der Türkei verlangt.

Mit den nötigsten Sachen versehen, wurde ich in mein neues Domizil gebracht, eine Zelle des Untersuchungsgefängnisses Hamburg. Der stellvertretende Direktor empfing mich wie einen Freund, und das ist ja schön. Aber er hatte zu meinem Leidwesen all die schweinischen Wandschmierereien übertünchen lassen. »Wenn Sie etwas wollen, wenden Sie sich an mich.«

Die Tür fiel zu. Ich wußte, um welchen Artikel es ging, fand das Wort »Landesverrat« aber nur lächerlich. Wie konnte man so etwas öffentlich tun? Mit Franz Josef Strauß hatte ich eine erbitterte Fehde. Nur, an welchem Hebel konnte er gedrückt haben? Als Journalist dachte ich an die Kuba-Krise. Noch war sie ja nicht erledigt. Den Chruschtschow hielt ich damals, etwas ungerechterweise, für verrückt.

Wie konnte man, 150 Kilometer von den USA entfernt, heimlich atomar bestückte Mittelstrecken-Raketen stationieren, im Hinterhof der Vereinigten Staaten? Denselben Gedanken hatte später auch Chruschtschow selbst, aber eben nur als »Pensionär« in seinen Erinnerungen. Wie konnte so etwas ohne Atomkrieg gutgehen, und welcher Atomkrieg konnte wohl gutgehen?

Je länger ich wach lag, desto mehr drängte sich mir der Gedanke auf, den nach Ende der SPIEGEL-Affäre Edward Kennedy hinsichtlich des zurückgetretenen Strauß gegenüber Claus Jacobi auf der Reeperbahn in lauschiger Nacht folgendermaßen ausgedrückt hat: »This son of a bitch, how could he think to come along with this.« Ich hingegen dachte in meiner Zelle nicht englisch und meinte in jenen Augenblicken auch nicht Strauß, sondern den in karibischen Gewässern abenteuernden Chruschtschow.

Und immer noch wußte ich nicht, daß ich eigentlich in Kuba hätte sein sollen.

Der katholische Gefängnispfarrer erschien und wollte mich für das Vatikanische Konzil in Rom begeistern. Ich interessierte mich lebhaft, und er brachte mir die erbetenen Schlafpillen.

Bevor ich einschlief, dachte ich an Berlin, wo ich mit Onkel und Tante viele vergnügte Stunden erlebt hatte. Nun gut, man würde wegen Berlin keinen Atomkrieg führen, wie man ohnehin keinen führen würde. Aber Berlin war verloren, wenn es irgendeine militärische Konfrontation geben sollte. Mir scheint heute, ich habe das damals gedacht.

Während ich schlief, ging eine Katastrophe an der Menschheit vorbei. Gemerkt habe ich davon nichts.

Was Kennedy gedacht haben muß, ist klar. Kein Präsident, ob logisch oder nicht, konnte zulassen, daß auf Kuba ein atomarer Stützpunkt der UdSSR errichtet würde. Das hat mit Gerechtigkeit wenig zu tun, viel aber mit der Frage, wer der Stärkere ist und wer in der besseren geographischen Position.

Je mehr die Kuba-Krise sich in den nächsten Tagen verflüchtigte, für mich blieb immer noch die Frage offen, war ich nun in Kuba gewesen, oder wenn nein, warum nicht?

Aufklärung kam so allmählich aus dem Radio. So wie die Exil-Kubaner und ihre mächtigen Industriefreunde es auf die Vernichtung Castros und seines sozialistischen Experiments abgesehen hatten, so gab es auch in der Bundesrepublik zwei mächtige Menschen, die den SPIEGEL erledigen wollten. Der eine stand zu hoch, um das in irgendeiner Form zugeben zu müssen, das war der Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer selbst. Man attestierte ihm, es sei ihm nicht zuzumuten, über eine so schmähliche Affäre den Bach hinunterzugehen. Der andere aber, noch jung, noch zukunftsträchtig, kämpfte mit untauglichen Mitteln um seinen Kopf.

Ich glaube noch heute, so, wie die Republik damals beschaffen war, hätte Strauß durch eine aufrichtige, wenn auch ziemlich blamable Erklärung sein Amt behalten können. Es war die Lüge, es war die dauernde Lügerei, die ihm schließlich zum Verhängnis wurde.

In seiner Raserei hatte er in der Nacht von Freitag, dem 26. Oktober, zum Samstag, dem 27., unbedingt seinen Freund Ahlers festnehmen lassen wollen. Er wußte, wo der sich aufhielt, und mißbrauchte den Madrider Militärattaché Achim Oster, einen Freund von beiden, indem er ihn veranlaßte, den kurzen Dienstweg zu benutzen. Oster, Sohn eines von den Nazis hingerichteten Widerständlers, widersprach nicht. Er nahm den Auftrag an.

Hier ging es darum, dem Begehren und den Befehlen des Ministers Geltung zu verschaffen; und sie wurden unterstrichen durch den Satz: »Augstein ist in Kuba.« Es soll auch noch von einem Unterseeboot die Rede gewesen sein, in dem ich meinen Weg nach Kuba zurückgelegt haben sollte, aber das konnte niemand beweisen.

Wahr bleibt, in einer Weltkrise war der deutsche Bundesverteidigungsminister, aus welchen Gründen auch immer, nicht bei Sinnen*.

Daß wirklich er es war, der die gesamte Vernichtungsstrategie gegen den SPIEGEL geleitet hatte, offenbarte er in Israel 1963, wo er wegen früherer Waffenlieferungen als Freund galt, auf deutsch dem Journalisten Amos Elon, der die Sprache gut verstand: *___Ich würde mich verpflichtet fühlen, genauso zu handeln, wie ich ____gehandelt habe. Die Frage, die auftrat, war eine neue ____Umschreibung der Pressefreiheit im Rahmen des Interesses der ____nationalen Sicherheit. Nicht ein einziges Mal hatte ich mit der ____ernstzunehmenden deutschen Presse irgendwelche Probleme, nur ____mit dem SPIEGEL. Sie sind die Gestapo im Deutschland unserer ____Tage. Sie führen Tausende persönlicher Akten - wenn ich an die ____Nazi-Ver-

* Augenzeugen sagten, er sei betrunken gewesen, als er auf einem Empfang des Bundespräsidenten mit einem Vorgehen gegen den SPIEGEL drohte. Auch Adenauer hatte ihn gewarnt, ab ein Uhr morgens noch etwas zu trinken. *___gangenheit von Deutschland denke -, fast jeder hat irgend etwas ____zu vertuschen, und das ermöglicht Erpressung. Ich war ____gezwungen, gegen sie zu handeln.

So weit, so schlecht.

Ganz anders die Kennedy-Administration. Sie war natürlich klug genug, ihre wichtigsten Verbündeten in Europa anhand ganz eindeutiger U-2-Aufnahmen von der Gerechtigkeit ihrer Sache zu überzeugen. Es gab niemanden, der den Amerikanern zumuten mochte, daß Washington binnen zwölf Minuten in Schutt und Asche hätte gelegt werden können. Über Moskau dachte man so nicht.

Der schwierigste Verbündete, Frankreichs Präsident de Gaulle, kehrte wieder den früheren Brigadegeneral heraus und war von den U-2-Aufnahmen fasziniert. Er ließ Kennedy freie Hand und rief mehrfach aus: »C''est formidable, c''est formidable!«

Und wie reagierte der Verbündete Konrad Adenauer in Bonn, damals 86 Jahre alt? Er, der Panikpolitiker, der bei der Eröffnung des John Foster Dulles, wegen Berlin müsse man sogar einen Atomkrieg riskieren, fast zusammengebrochen war, spielte nun den starken Maxen. Es ging ja nur um die Karibik.

Während Premier Macmillan in London und General de Gaulle in Paris durchaus in Kennedys Wunsch einstimmten, kein Blut zu vergießen, sah der Alte nichts weiter als die Chance, den Bolschewisten eine Niederlage zu bereiten. Wir wissen das von Horst Osterheld, dem außenpolitischen Berater des alten Indianers in Rhöndorf: *___Adenauer meinte, daß die Amerikaner zu lange geschlafen hätten ____und auch nicht energisch genug reagierten. Eine Blockade sei zu ____wenig; das Wichtigste sei, die Raketen wegzubekommen und die ____Basen zu besetzen.

Man kann nicht sagen, daß die Bundesrepublik damals von großen Staatsmännern regiert worden wäre, betrachtet man den Bundeskanzler Adenauer und den Verteidigungsminister Strauß. Beide handelten aus verschiedenen Motiven und auch gegeneinander. Beide mußten an einen Atomkrieg nicht unbedingt denken, wohl aber an ein Blutvergießen, in dessen Verlauf West-Berlin russisch geworden wäre, und sei es für drei Tage. Die gewohnte Nato-Welt wäre in Stücke gefallen.

Adenauers von Osterheld schriftlich festgehaltene Position ist schlichtweg verantwortungslos. Sarkastisch bemerkte denn auch John F. Kennedy gegenüber seinem Bruder Robert, daß gerade die verwundbarsten Nato-Mitglieder, die Türken und die Deutschen, sich besonders draufgängerisch gebärdeten. Dabei hatte er in seinem Brief, der Adenauer am 22. Oktober übergeben worden war, auf die unangenehmen Rückwirkungen in Berlin und Deutschland hingewiesen, die immerhin bedacht werden müßten. Dem Alten machte das nichts aus. »Er sei für beides«, erfuhr US-Botschafter Dowling, für »die Bombardierung« und für »die Invasion«.

Nun wußte ich aber in meiner Zelle immer noch nicht, warum ich Kuba überhaupt besucht hatte. Das kam erst heraus, als die Botschaftsangehörigen in Madrid sich erklären mußten.

Daß ein Machtkampf zwischen dem Außenminister Schröder und dem Verteidigungsminister Strauß, dem gerade unter Beschuß Geratenen, in Gang war, lag vor aller Augen. Aber der Außenminister hatte naturgemäß die besseren Karten und die besseren Zertifikate. Ich war der Bauer gewesen, der gebraucht wurde, um den Verfasser des Artikels »Bedingt abwehrbereit« dingfest machen zu können.

Die Vorbereitungen für die Aktion gegen den SPIEGEL begannen am 16. Oktober, am gleichen Tag, als Kennedy von den Raketen auf Kuba erfuhr und seinen Krisenstab bildete. Das Gespräch, das Franz Josef Strauß um seinen Posten und um seine Kanzlerzukunft brachte, wurde am 27. Oktober um 1 Uhr nachts geführt. Oster erfuhr telefonisch, »daß Herr Ahlers so schnell wie möglich festgesetzt wird, damit der Generalbundesanwalt durch Ahlers - Augstein sei in Kuba - erführe, wo das Loch im Verteidigungsministerium sei«. Kuba, das war das Stichwort, das alarmierte.

Strauß verlor sein Spiel, aber Nikita Chruschtschow das seine nur zur Hälfte. Zwar konnte er mit den USA weder in deren Hinterhof noch überhaupt gleichziehen. Aber eines erreichte er: Kennedy versicherte ihm, und alle Nachfolger haben sich daran gehalten, auf Kuba nicht mehr gewaltsam zu intervenieren. Das mag die Sowjetunion finanziell teuer zu stehen gekommen sein, aber es ging um ihr Prestige.

Es ging auch um das Prestige der beiden Brüder Kennedy. Sie trieben ein doppeltes, ein hartes Spiel mit verteilten Rollen. Robert Kennedy mußte den Russen versichern, es komme gar nicht in Frage, daß der Abzug der in der Türkei stationierten Atomraketen schriftlich in einem Abkommen festgelegt werde.

Sein Bruder, der Präsident, hingegen ließ eine Note vorbereiten, die der damalige Uno-Generalsekretär U Thant im Notfall als eigenen Vorschlag präsentieren sollte. Danach sollten die Raketen nicht nur aus Kuba, sondern auch aus der Türkei abgezogen werden.

Es kam nicht dazu. Die beiden amerikanischen Pokerbrüder gewannen. Präsident Kennedy konnte die von ihm ohnehin für nutzlos erachteten Jupiter-Raketen aus der Türkei abziehen, ohne daß darüber irgendein Abkommen vorgelegen hätte. Bemerkenswert ist, daß er sein Prestige für geringer erachtete als einen blutigen Krieg.

Ein Mann starb. Es war der U-2-Flieger Major Rudolf Anderson, der am 27. Oktober um 10.21 Uhr über Kuba abgeschossen wurde.

Ich denke, daß die öffentliche Meinung die Verantwortlichen auf

jeden Fall verurteilen wird. Es gibt manchmal mildernde Umstände,

die man der Leidenschaft oder Fehltritten zuschreibt; aber es gibt

kein Beispiel in der Geschichte dafür, daß die Schuldigen nicht

eine gerechte Strafe erhalten hätten, auch wenn es manchmal erst

nach ihrem Tode dazu kommt. Es ist bekannt, daß die Bürger der

Sowjetunion Stalin bewunderten und ihn ehrenvoll einbalsamiert

haben. Allerdings hat er sich solche Dinge zuschulden kommen

lassen, daß selbstverständlich über ihn gerichtet werden muß.

Jedenfalls ist es sicher, daß die Geschichte uns alle richten

wird und daß wir uns dem unterwerfen müssen. Was Stalin angeht, so

kann man sehen, daß sie über ihn hinweggegangen ist und daß noch

kein endgültiges Urteil feststeht. Das gleiche trifft auf seine

Nachfolger zu.

Ich würde mich verpflichtet fühlen, genauso zu handeln, wie ich

gehandelt habe. Die Frage, die auftrat, war eine neue Umschreibung

der Pressefreiheit im Rahmen des Interesses der nationalen

Sicherheit. Nicht ein einziges Mal hatte ich mit der

ernstzunehmenden deutschen Presse irgendwelche Probleme, nur mit

dem SPIEGEL. Sie sind die Gestapo im Deutschland unserer Tage. Sie

führen Tausende persönlicher Akten - wenn ich an die Nazi-Ver-

gangenheit von Deutschland denke -, fast jeder hat irgend etwas

zu vertuschen, und das ermöglicht Erpressung. Ich war gezwungen,

gegen sie zu handeln.

Adenauer meinte, daß die Amerikaner zu lange geschlafen hätten

und auch nicht energisch genug reagierten. Eine Blockade sei zu

wenig; das Wichtigste sei, die Raketen wegzubekommen und die Basen

zu besetzen.

* Augenzeugen sagten, er sei betrunken gewesen, als er aufeinem Empfang des Bundespräsidenten mit einem Vorgehen gegen denSPIEGEL drohte. Auch Adenauer hatte ihn gewarnt, ab ein Uhr morgensnoch etwas zu trinken.

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