»Meine Ampel stand auf Rot« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 92 / 116

KINO »Meine Ampel stand auf Rot«

Der amerikanische Regisseur David Lynch über Schaffenskrisen und seinen neuen Film »Lost Highway«, über den Reiz der Frauen und andere Rätsel, die nicht zu lösen sind
• aus DER SPIEGEL 15/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Mr. Lynch, in Ihrem jüngsten Film »Lost Highway« erzählen Sie von einem Mordverdächtigen namens Fred (Bill Pullman), der sich in der Gefängniszelle in einen anderen Mann mit Namen Pete (Balthazar Getty) verwandelt. Der eine soll seine Frau umgebracht haben, der andere wird von einer Frau zum Mord getrieben; und beide Frauen werden von Patricia Arquette gespielt, mal dunkel, mal blond. Lauter schizoide Charaktere - besitzen Sie etwa selber eine multiple Persönlichkeit?

Lynch: Natürlich. Jeder kennt diese Erfahrung: Man ist mit ein paar Leuten zusammen und verhält sich auf eine bestimmte Art. Dann trifft man auf andere - und benimmt sich, wie man es selbst nie für möglich gehalten hätte. Wir sind zu vielen Dingen fähig, die unsere momentane Persönlichkeit nie zulassen würde. Es sind viele verschiedene Menschen in uns.

SPIEGEL: Klingt beunruhigend - haben Sie sich jemals mit einem Psychiater über Ihre verschiedenen Charaktere unterhalten?

Lynch: Doch, ich war mal dort. Aber ich habe gleich gesagt: »Bevor wir anfangen - glauben Sie, daß das hier meine Kreativität beeinflussen könnte?« Er sagte: »David, um ehrlich zu sein, ja, es wäre möglich.« Ich habe seine Hand geschüttelt und war weg.

SPIEGEL: In »Lost Highway« zeigen Sie Terror und Brutalität als Produkt des Unbewußten. Die Personen werden gequält von ihrer eigenen Fähigkeit zu töten. Jeder ist offenbar sein eigener größter Feind ...

Lynch: ... wenn Sie so wollen, ja. Die meisten Menschen haben viel zu viele Entscheidungen zu treffen. Deshalb leben sie in ständigem Aufruhr, in einem fortwährenden inneren Krieg; in der Angst, einmal in die falsche Richtung zu gehen. Dabei ist es auch spannend, vollkommen verloren zu sein: Lost in darkness and confusion.

SPIEGEL: Erinnert an »Lost Highway« - schon der Titel ist ein Rätsel. Wie kann man eine Autobahn verlieren?

Lynch: Der Titel stammt aus Barry Giffords Buch »Night People«. Am Ende des ersten Kapitels unterhalten sich zwei Frauen, und eine macht den Vorschlag, den »lost highway« runterzufahren. Als ich das gelesen habe, wußte ich: Ich muß einen Film machen, der so heißt. Diese zwei Worte waren für mich wie ein Magnet, ein Traum von einem mysteriösen Ort, der einen fesselt. Ungefähr ein Jahr später erinnerte ich mich an eine Vision, die ich vor langer Zeit hatte: Ein Paar, das sich nichts mehr zu sagen hat, erhält von einem Unbekannten Videobänder, auf denen die beiden schlafend in ihrem Bett zu sehen sind ...

SPIEGEL: ... und nun erzählt Ihr Film genau diese Geschichte.

Lynch: Ja, die Vision lieferte das Grundgerüst für das erste Drittel des Drehbuchs - zusammen mit einer anderen Geschichte, die mir eines Abends passierte: Irgendwer klopfte an meine Haustür in Los Angeles und fragte über die Sprechanlage: »David?« Ich antwortete: »Ja.« »Dick Laurent ist tot.« Ich rannte zum Fenster, aber da war keiner. Das hat mich ziemlich lange beschäftigt.

SPIEGEL: Nun beginnt »Lost Highway« mit dieser mysteriösen Szene und diesem Satz. Anfang der Neunziger wurden Sie mit der nicht weniger mysteriösen TV-Serie »Twin Peaks« und dem gleichnamigen Kinofilm zum Kulthelden. Seither hat man nichts von Ihnen gehört. Wo haben Sie gesteckt?

Lynch: Schon als der »Twin Peaks«-Film im Kino anlief, spürte ich, daß ich in eine finstere Phase abrutschte. So ist das bei mir: Mal steht die Ampel auf Grün, und ich fühle mich groß und habe das Gefühl, daß mir alles gelingt. Aber dann wird es Gelb und schließlich Rot. Damals stand meine Ampel plötzlich auf Rot. Nichts ging mehr - das einzige, was in einem solchen Fall hilft, ist Geduld. So habe ich erst mal zwei Jahre lang viel gemalt und dann mit meinem Freund Bob Engels eine Filmkomödie geschrieben, »The Dream of the Bovine«...

SPIEGEL: ... was in etwa »Der Traum der trägen Rinder« - oder der Rinderwahnsinnigen - bedeutet.

Lynch: ... eine wirklich schlechte, dumme, abstoßende Komödie, aber ich fand die ganze Sache phantastisch.

SPIEGEL: In 20 Jahren haben Sie sieben Kinofilme gedreht - verglichen mit anderen Regisseuren ist das wenig. Liegt es daran, daß Sie gegenüber Studios und Produzenten zu eigensinnig sind?

Lynch: Ich brauche lange, bis ich mich in eine Filmidee verliebe. Wenn es dann aber endlich passiert, will ich den Film machen, der dieser Idee so nahe wie möglich ist. Deshalb bin ich ein Außenseiter in Los Angeles geblieben. Ein einziges Mal, 1984 für »Dune«, habe ich mich großen Produzenten ausgeliefert, Dino und Raffaela De Laurentiis. Das Resultat war ein doppeltes Desaster: ein kommerzieller Flop und ein persönliches Versagen.

SPIEGEL: Kritiker verehren Ihre Filme »Eraserhead« (1977), »Blue Velvet« (1986) und »Wild at Heart« (1990) als Meisterwerke.

Lynch: Das finde ich sehr nett von denen - aber nichts, was ich bisher gemacht habe, ist perfekt; nicht mal »Eraserhead«, an dem ich fünf Jahre lang gearbeitet habe.

SPIEGEL: Ihre Filme beschwören fast kindliche Ängste vor dem Bösen. War Ihre Kindheit so verstörend?

Lynch: Nein, ich war ein ganz normales Kind mit ganz normalen Eltern. Bei uns zu Hause war es solide, still und friedlich, meine Eltern haben sich nie gestritten. Es war fast zum Verzweifeln, manchmal hätte ich mir gewünscht, daß sie sich ein bißchen anbrüllen, damit Bewegung ins Haus kommt. Wahrscheinlich suche ich deswegen jetzt das Risiko und die Abgründe. Und vermutlich hat es mit dieser Kindheit zu tun, daß ich Coffee Shops liebe: Sie sind sicher, sauber, gut ausgeleuchtet, und genau dort kann ich über monströse und ekelhafte Dinge nachdenken.

SPIEGEL: Statt in den Straßenschluchten der großen Städte spielen fast alle Ihre Filme in Vororten und in Bungalows, statt für erzählerische Zusammenhänge interessieren sie sich für kleine, monströse Details. Warum?

Lynch: Ich ziehe den Mikrokosmos dem Makrokosmos vor. Ich mag keine Filme mit vielen Flugzeugen, dem amerikanischen Präsidenten und der CIA. Ein paar Häuser mit Vorgärten, eine Garage, ein Auto. Hier ein Mädchen, das gerade umzieht, dort eine Familie, in der der Vater irre ist. Das reicht mir. Ich möchte die Abgründe hinter dieser Oberfläche erforschen. Deswegen ist Hitchcocks »Fenster zum Hof« einer meiner Lieblingsfilme. James Stewart verläßt nie seinen Rollstuhl, und trotzdem wird ein unglaublicher Mordfall erzählt. Dieser Film kondensiert eine riesige Geschichte, bis sie in eine Zigarettenschachtel paßt.

SPIEGEL: Wie »Blue Velvet« und »Wild at Heart« ist auch »Lost Highway« mit jeder Menge Popsongs unterlegt. Wie wichtig ist der Soundtrack Ihrer Filme?

Lynch: Musik ist extrem wichtig. Der Ton macht die Hälfte der Wirkung eines Films aus, er ist nicht nur eine funktionale Beigabe. Mit den drei Komponisten, die an »Lost Highway« mitwirkten, funktionierte das so: Wir sprachen Szene für Szene durch, der Musiker spielte, und nach und nach war die richtige Stimmung da. Oder umgekehrt: Ich hörte einen Song, und mir fiel eine Szene für den Film ein. Selbst am Drehort ließ ich die Songs über Lautsprecher einspielen, damit die Schauspieler und der Kameramann den Rhythmus der Szene fanden.

SPIEGEL: Wie sind Sie ausgerechnet auf die deutsche Gruppe Rammstein verfallen, von der zwei Songs in »Lost Highway« zu hören sind?

Lynch: Schon seit Jahren schickt mir die Band ihre CDs. Ich habe sie nie angehört. Aber dann habe ich zufällig ihr letztes Album aufgelegt - und es war genau das, was ich für »Lost Highway« brauchte. Das ganze Team war verrückt danach: Rammstein mußte 70 CDs losschicken - eine für jeden in der Filmcrew.

SPIEGEL: Wollten Sie jemals selber Musiker und Popstar werden?

Lynch: Nein, ich habe Angst vor all den Frauen, die einem dann nachlaufen.

SPIEGEL: Auch die Frauen in Ihren Filmen sind stark und gefährlich. Renee und Alice, die beiden von Patricia Arquette dargestellten Heldinnen von »Lost Highway«, verwirren die Männer, dominieren sie sexuell und treiben sie sogar bis zum Mord. Ist das alles Ausdruck Ihrer Angst vor Frauen?

Lynch: Meine Geschichten sind Visionen der Innenwelt, Produkte eines mentalen Prozesses. Im übrigen: Es gibt Frauen, die so sind wie die beiden im Film, aber es gibt auch andere. Das ist meine Vorstellung vom Kino - Gegensätze und Dualitäten, die miteinander tanzen. Daraus entstehen Geschichten. Wenn jeder nett wäre und alle gleich, würde ich auf der Stelle einschlafen.

SPIEGEL: Die dunkelhaarige Renee ist verschlossen und abweisend, die blonde Alice verführt die Männer, sucht den Sex, gibt ihnen aber zu verstehen: Du wirst mich nie bekommen. Bevorzugen Sie selbst dunkel oder blond?

Lynch: Ganz klar: dunkel!

SPIEGEL: Wie würden Sie den Charakter von Perdita Durango in »Wild at Heart« - gespielt von Ihrer Ex-Freundin Isabella Rossellini mit blonder Perücke - beschreiben?

Lynch: Ein gefährlicher, wunderschöner Typ. Man sollte sich besser davon fernhalten.

paulhofer
Zur Ausgabe
Artikel 92 / 116