Trinksprüche auf die toten Freunde - DER SPIEGEL
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HOLOCAUST Trinksprüche auf die toten Freunde

Die Häftlinge des ersten Transports nach Auschwitz treffen sich regelmäßig in Polen. Sie alle quält die Frage, warum sie und nicht ihre Freunde überlebten. Mit nüchternen, emotionslosen Analysen wollen sie das Grauen aufarbeiten.
• aus DER SPIEGEL 27/1997
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Es war fünf Uhr morgens, als die Häftlinge vor der alten jüdischen Badeanstalt der polnischen Stadt Tarnów zusammengetrieben wurden. Der Tag versprach sonnig zu werden, und die 728 jungen Männer, fast alle zwischen 16 und 25 Jahre alt, schöpften nach wochenlangem Arrest, unterbrochen lediglich von den brutalen Verhören durch die Gestapo, wieder Hoffnung.

Etliche ihrer Mitgefangenen, ebenfalls eingekerkert als »Politische«, waren hingerichtet worden. Doch diejenigen, die sich nun an diesem 14. Juni 1940 in Reihen zu formieren begannen, lebten immerhin. Das war das Wichtigste.

Schrecklicher, glaubten die meisten, könne es nicht mehr werden. Vielleicht würden sie in die Freiheit entlassen, schlimmstenfalls aber »ins Reich« deportiert werden, um dort Zwangsarbeit zu verrichten.

Deutsche Polizisten eskortierten die Polen zum Bahnhof. Verstohlen blickten einige Anwohner hinter den Gardinen hervor und verschwanden schnell. Manchmal schossen die Deutschen auf die Fenster. Dann flog zum Abschied ein Strauß roter Blumen auf die Straße und wurde vom Stiefel eines Aufpassers zertreten.

57 Jahre später, die Badeanstalt ist längst verwittert, versammeln sich 30 alte Männer vor einer steinernen Gedenktafel, in die ein Dreieck gemeißelt wurde. Einige tragen blauweiße Tücher und haben sich Nummern an ihre Jacketts geheftet. Die Sonne scheint - wie damals. Ein blauer »Polski Fiat« knattert vorbei.

Die Männer, die schweigend einen Kranz niederlegen und der Toten gedenken, sind die letzten der 728 Häftlinge, deren Weg in eine ungewisse Zukunft einst hier begann. Jetzt kehren sie einmal jährlich an diesen Ort zurück.

»Wir wurden in einen Zug gepfercht«, erinnert sich Stanislaw Ryniak, 82, »und da erfuhren wir zum erstenmal, wohin wir fahren würden: in irgendein Lager in der Nähe von Krakau.« Der Name, der von Abteil zu Abteil geraunt wurde, war niemandem ein Begriff. Die Männer wußten nicht, daß sie die ersten sein würden, die in eine nationalsozialistische Todesfabrik kamen, die wie keine zweite zum Inbegriff des Terrors wurde: Auschwitz.

»Es ist ein Wunder, daß wir überlebt haben«, sagt Ryniak. »40 konnten fliehen, 67 wurden entlassen. Insgesamt überstanden aus unserer Gruppe 267 Personen das KZ.« Er meint, das seien viele gewesen. Teilnehmer anderer Transporte wurden bisweilen gleich nach der Ankunft im Lager liquidiert. Der Rest wurde zu Tode gefoltert oder gehängt. Andere starben an Entkräftung, Hunger oder Seuchen.

Die Nummer, welche die Nazis ihm gaben, trägt Ryniak wie alle anderen bis heute. Sie wurde ihm in den linken Unterarm eintätowiert. Es ist die Nummer 31. Ryniak war der erste registrierte Auschwitz-Häftling.

Die Nummern 1 bis 30 erhielten deutsche Verbrecher, die als »Kapos« aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen nach Auschwitz deportiert worden waren, um dort die Lagerinsassen zu quälen. »Schon, als wir das Lager erreichten, standen sie mit Knüppeln Spalier und droschen auf uns ein.«

»Ihr seid hier nicht ins Sanatorium, sondern in ein deutsches Konzentrationslager gekommen«, bellte SS-Hauptsturmführer Karl Fritzsch die Ankömmlinge an, »aus dem es keinen anderen Ausgang gibt als durch den Schornstein des Krematoriums.« Worte, die keiner der Überlebenden vergessen hat.

Auch Fryderyk Czop, 73, kennt sie bis heute auswendig. Er war 16, als er ins Lager kam, seine Häftlingsnummer ist 198. »Es waren die Jungen und Intelligenten, die zuerst verhaftet wurden. Sie machten regelrecht Jagd«, erzählt der hagere Mann regungslos.

Czop nahmen sie mit, weil er Plakate gegen die Besatzer geklebt hatte. Andere wurden wahllos während der Straßenrazzien eingesammelt. »Warum nur?« hat er sich häufig genug gefragt. Eine andere Frage aber sei noch quälender gewesen. »Warum habe ausgerechnet ich überlebt?« Eine Antwort darauf hat er nicht.

Die Erinnerung, sie ist wie ein Fluch. Auch wenn sie nach so vielen Jahren etwas an Schrecken verloren hat. Fast emotionslos berichtet Czop von den Qualen im Lager, von harter Arbeit, die ständig im Laufschritt verrichtet werden mußte, von Ohnmächtigen, die von ihren deutschen Peinigern mit Urin übergossen wurden, von Hunden, die Aufseher auf die Häftlinge hetzten. Wie unter Zwang erzählen sich die Überlebenden gegenseitig ihre Lagergeschichte.

Abends, als alle zusammensitzen, steht einer nach dem zweiten Trinkspruch auf und erhebt sein Glas auf »Professor Liebermann, der sich selbst erhängt hatte, nachdem ihm die SS-Männer etliche Rippen gebrochen hatten«.

Józef Hulanicki, 76, ist extra aus Australien angereist, um seine ehemaligen Mithäftlinge wiederzusehen. Es ist erst das dritte Treffen, an dem er teilnimmt. Lange Zeit hat er es nicht ertragen, mit der Vergangenheit konfrontiert zu werden. »Ich wollte davon nichts hören und nicht daran denken. Es gab keinen Grund für mich, mir das Leben noch nach dem Lager zur Hölle zu machen«, erklärt der Mann mit der Nummer 443. Jetzt, endlich, kann er wieder dar-über reden.

Ryniak, Czop und Hulanicki haben sich erst in der Freiheit kennengelernt. Vielleicht waren sie einmal in demselben Arbeitskommando oder in einer Lagerbaracke. Doch daran können sie sich nicht erinnern. »Man war doch auf sich allein gestellt«, sagt Czop, »von seiner Umwelt nahm man nicht viel wahr.« Und Ryniak ergänzt, daß »ohnehin alle gleich aussahen, die gleiche blau-weiß gestreifte Häftlingskleidung trugen, das Haar kurzgeschoren hatten«. Sie waren nicht nur für die Sadisten von der SS zu Nummern degradiert worden. Auch untereinander erkannten sich die Häftlinge oft nur an der Zahl auf der Jacke.

Hulanicki kennt mittlerweile »etwa 20 Leute aus dem ersten Transport«. Mit denen ist er heute gut befreundet, obwohl man sich nur selten sieht. »Wir haben das gleiche erlebt, und wir haben es überlebt.«

Nach dem Trinkspruch auf Professor Liebermann erhebt sich die Gruppe. Einer beginnt, dann singen alle mit. Zuerst »Schwarz-braun ist die Haselnuß«, dann »Lili Marleen«. Lieder, welche die deutschen Bewacher den polnischen Gefangenen einst einprügelten, bis sie diese beherrschten. Lieder, welche die gemeinsame Erinnerung wachhalten. »Von morgens bis abends mußten wir singen«, sagt Wanda Tarasiewicz, 76. »Wir haben keine Zeile vergessen.«

Vor ein paar Jahren, berichtet die Frau, habe eine Gruppe deutscher Touristen gefragt, wie es komme, daß sie so gut deutsch spricht. »Oh, ich hatte eine gute Schule«, antwortete sie da: »Ich war im Konzentrationslager Auschwitz.« Wortlos hätten sich die Fremden umgedreht und seien gegangen. Dabei sei jetzt die Zeit der Versöhnung gekommen. »Es gibt doch ein Lied, in dem es heißt: ,Im Leben geht alles vorüber, im Leben geht alles vorbei.'«

Jeder hat seine eigene Methode entwickelt, das Leid zu verarbeiten und mit der Tatsache zu leben, daß er und nicht die Freunde und Familienangehörigen überlebten. Einige haben versucht zu vergessen, andere haben Bücher geschrieben, manche fahren gelegentlich nach Deutschland, um mit Jugendlichen über ihre Erlebnisse zu diskutieren.

Tadeusz Sobolewicz, 74, Nummer 23053, sucht die Auseinandersetzung mit der neuen Generation aus dem Land seiner Peiniger. Welches Verhältnis er zu den Deutschen habe, wollten die jungen Leute wissen. »Damals oder heute?« habe er zurückgefragt, um dann zu antworten: »Früher war ich entschlossen, ihnen das anzutun, was sie mir angetan haben. Aber heute ist das anders.« Er werde niemals vergessen. Aber verzeihen könne er.

Sobolewicz kam erst mit einem späteren Transport nach Auschwitz. Dennoch kommt er jedesmal, wenn sich das Datum des ersten jährt. »Von allen, die Auschwitz überstanden, leben nur noch wenige. Vor einigen Jahren kamen noch 100 bis 150 Leute zu den Treffen.«

Wie jedes Jahr besuchen sie auch das Konzentrationslager. »Auschwitz I« wurde es genannt, seit in »Auschwitz II"/Birkenau die europäischen Juden vernichtet wurden. Sie schreiten durch das Tor, auf dem immer noch der zynische Spruch steht: »Arbeit macht frei«. Das Tor, durch das sie jeden Morgen zur Arbeit getrieben wurden und durch welches sie jeden Abend erschöpft zurückkehrten. Sie passieren den Galgen gegenüber von Block 17, an dem am 19. Juli 1943 zwölf Leidensgenossen gehenkt wurden, weil sie drei Lagerinsassen zur Flucht verholfen haben sollten.

Sie erinnern sich an Janusz Pogonowski, Nummer 253, der den Deutschen nicht den Triumph seiner Ermordung lassen wollte und den Schemel, auf dem er stand, selbst mit den Füßen wegstieß, noch während Lagerkommandant Rudolf Höß das »Urteil« verlas. Sie alle mußten damals zusehen, wie ihre Kameraden, von denen drei mit dem ersten Transport nach Auschwitz gebracht worden waren, öffentlich hingerichtet wurden.

Als vor der Exekutionswand Kränze niedergelegt werden, deutet Józef Hulanicki auf eine der knapp zwei Meter hohen Eisenstangen, die den Platz säumen. »Da habe ich auch einmal gehangen. Eine Stunde lang. Sie wollten meinen Willen brechen.«

»Pfahlbinden« hieß das im Lagerjargon, wenn ein Häftling, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, baumeln mußte - oft, bis ihm die Schultersehnen rissen. Eine Strafe, die deshalb oft zum Tode führte, weil viele Opfer danach als nicht mehr arbeitstauglich galten und ermordet wurden. Hulanicki hat auch diese Tortur überlebt, noch heute erinnern Narben am Handgelenk daran.

»Wir hatten alle nur Glück. Der Tod griff sich seine Opfer nach dem Zufallsprinzip«, meint er lakonisch. Nach einem Fluchtversuch wurden er und fünf weitere Häftlinge in den »Bunker« im Block 11 geschickt und dort gefoltert. Hulanicki war einer der wenigen, die diesen Teil des Lagers wieder lebend verließen.

Im November 1944, als die Rote Armee näher rückte, wurde er von den Nazis nach Buchenwald gebracht. Am 11. April 1945, der Krieg war längst verloren, obwohl noch gekämpft wurde, flüchteten die meisten SS-Männer. Die Zurückgebliebenen wurden von aufständischen Häftlingen gefangengenommen. An jenem Tag wurden 21 000 Gefangene aus dem größten KZ auf deutschem Boden befreit. Hulanicki war einer von ihnen.

Nur für kurze Zeit kehrte er nach Polen zurück. Nach der Ausbildung zum Elektroingenieur arbeitete er in verschiedenen europäischen Ländern, ehe er gemeinsam mit seiner Frau vor 25 Jahren nach Australien auswanderte.

»Damals konnten wir gar nicht weit genug fort«, sagt Hulanicki. Er habe den Abstand benötigt und Menschen, die mit dem Krieg und den Lagern der Deutschen nichts zu tun hatten. Lange habe diese Phase gedauert. »Jetzt, nach so vielen Jahren, packt mich manchmal das Heimweh.«

»Fünfmal«, sagt Stanislaw Ryniak, »bin ich nur sehr knapp dem Tod entronnen.« Einmal, als er zu schwach war, um zur Arbeit zu gehen, versteckte er sich in der Baracke, die prompt von SS-Männern durchsucht wurde. 30 »Arbeitsscheue« wurden nach und nach aus ihren Unterkünften gezerrt und sollten zur Strafe in den Todesblock 11, wo die Häftlinge teils ermordet wurden, teils ließ man sie ersticken oder verhungern.

Als die Liste gefertigt wurde, rückte Ryniak immer näher an die Mithäftlinge heran, die als Schreiber die Nummern der zu Bestrafenden notieren mußten. Er wurde einfach übersehen. Die 29 anderen sah er nie wieder.

Nach dem Krieg ließ er sich in Breslau als Architekt nieder. Es hat lange gedauert, bis Ryniak wieder einmal nach Deutschland fuhr, und es hat lange gedauert, »bis ich begriff, daß nicht alle diese Menschen schlecht waren, daß es in diesem Land eine neue Generation gab«.

Bis vor acht Jahren lud man ihn noch regelmäßig ein, um mit Schülern oder Studenten zu sprechen. Er tat es gern, weil er vor Rassismus und Faschismus warnen wollte. Doch in letzter Zeit erlahmte das Interesse. »Vielleicht will man die alten Geschichten nicht mehr hören.«

Nach zwei Monaten Lager wog Fryderyk Czop nur noch 29 Kilo. Von den Nazis verordnete sinnlose »sportliche Übungen« hatten seinen Körper ruiniert. Dann wurde er - bis heute weiß er nicht, warum - als Schuster eingeteilt. Das rettete ihm das Leben.

Czop ist einer der wenigen, die aus dem Lager entlassen wurden. Am 21. Mai 1942 wurde er in den Block 11 überstellt. Anderthalb Monate saß er bereits in der Zelle und rechnete mit seiner Hinrichtung, als man ihn einen Vordruck unterschreiben ließ, der ihn verpflichtete, nie ein Wort über Auschwitz zu verlieren. Danach durfte er das Lager durch das Tor »Arbeit macht frei« verlassen.

Die anderen mußten auf ihre Befreiung noch fast drei Jahre länger warten. Sie mußten luftdichte Türen bauen (Hulanicki: »Da wußte ich: Jetzt wollen sie die Juden vergasen"), sie sahen in Birkenau den Rauch aus den Krematorien aufsteigen, und sie rochen den Tod. »Da rechneten auch wir ständig mit unserer Ermordung.«

Czop kehrte zurück nach Nowy Sacz und fand eine Anstellung bei der Eisenbahn. Jeden Donnerstag hatte er sich bei der Gestapo zu melden. »Du bist immer noch Häftling«, hieß es, »Häftling in Zivilkleidung.« Als die Eisenbahnverwaltung erfuhr, daß Czop Insasse eines Konzentrationslagers gewesen war, verlor er den Job.

»Aus meiner Familie überlebten nur zwei Menschen Krieg und Lager«, sagt Fryderyk Czop, »dennoch empfinde ich keinen Haß mehr.« Er erinnert sich an jedes Detail, doch die Gefühle blieben in den letzten fünf Jahrzehnten verschüttet. Was bleibt, ist die Abstraktion, der Versuch, das Grauen durch eine nüchterne, emotionslose Analyse der menschlichen Psyche begreifbar zu machen.

Geblieben ist auch die Erkenntnis, daß sich die Menschen doch nicht ändern. »Blicken Sie doch nach Bosnien, was dort passiert ist. Und hat die Welt nicht auch bei diesem Massaker lediglich zugesehen?«

Es hat lange gedauert, bis Czop sich im neuen Polen eingerichtet hatte. Kurz nach dem Krieg klopften die Machthaber mit dem roten Stern an seine Tür und steckten ihn für 48 Stunden ins Gefängnis. Sie wollten von ihm wissen, warum man ausgerechnet ihn freigelassen hatte. Doch da wußte er noch nicht, daß sich ein »Reichsdeutscher namens Alexander« für ihn eingesetzt hatte.

Später arbeitete Czop als Direktor einer Baufirma. Vor zwei Jahren zahlte ihm eine deutsch-polnische Gesellschaft eine »Entschädigung« für die Zeit im Lager: 2400 Zloty (etwa 1330 Mark). Das sei eine einmalige Zahlung gewesen, wurde er beschieden, weitere Ansprüche könne er nicht geltend machen.

Als die alten Männer und Frauen an diesem 14. Juni das Lager wieder durch das Tor mit dem Leitspruch »Arbeit macht frei« verlassen, da fängt Stanislaw Zygula, 82, Häftlingsnummer 682, plötzlich an zu singen. Ganz leise, nur für sich. »Im Lager Auschwitz war ich zwar, Holladri, Holladro, so manchen Monat, Tag und Jahr, Holladri, Holladro, doch denk' ich frohgemut und gern an die Liebsten in der Fern.«

Es war ihr Lagerlied.

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