Auen statt Aufbau - DER SPIEGEL
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Auen statt Aufbau

Interview mit dem Flußexperten Emil Dister über die Zukunft des Oderbruchs
• aus DER SPIEGEL 32/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dister, 48, ist Leiter des Auen-Instituts des World Wide Fund for Nature im badischen Rastatt.

SPIEGEL: Herr Dister, was folgt aus der Empfehlung des Kanzlers: Gebt den Flüssen ihren Raum?

Dister: Wir müssen nach der Katastrophe an der Oder über neue Formen des präventiven Hochwasserschutzes nachdenken. Jetzt mit einem Wettrüsten im Deichbau zu beginnen wäre der völlig falsche Weg.

SPIEGEL: Aber wie sonst soll die Bevölkerung zukünftig geschützt werden?

Dister: Gegen eine Welle dieses Ausmaßes gibt es keinen absoluten Schutz. Zudem verschlimmern die Eindeichungen des Flusses und die Zerstörung der Auen am Oberlauf die Situation flußabwärts. Am Regen ist der Mensch nicht schuld, aber an den Folgen.

SPIEGEL: Wie das?

Dister: Es findet eine zunehmende Bebauung mit kostspieligen Gebäuden, Infrastruktur und industriellen Anlagen in hochwassergefährdeten Räumen statt. Das muß zurückgedreht werden. Wir müssen sogar prüfen, ob überflutete Gebiete wie die Ziltendorfer Niederung oder auch Teile des Oderbruchs zu halten sind. Das sind keine sicheren Siedlungsräume, sie gehören als uralte Auen- und Bruchwaldstandorte zum natürlichen Wasserpuffer des Flusses.

SPIEGEL: Wollen Sie etwa 20 000 Menschen die Heimat nehmen?

Dister: Natürlich nicht. Aber es ist doch die Frage, welche Perspektiven man den Leuten anbieten kann. Für Grünlandnutzung ist eine periodische Überschwemmung durchaus akzeptabel. Das gesamte Oderbruch liegt unter dem Niveau der Oder, wird derzeit indirekt durch aufsteigendes Grundwasser überflutet. Bei der nächsten Flut wird es möglicherweise direkt von der Oder gefüllt. Das Risiko ist in solchen Niederungen zu hoch.

SPIEGEL: Soll der Mensch weichen?

Dister: Stellenweise ja. Wer klug ist, beugt sich dem Stärkeren - wie der Weidenzweig dem Wasser. Langfristig stärker ist die Oder. Durch den gewaltigen Abfluß von etwa acht Milliarden Kubikmeter Wasser haben sich Sandbänke und Uferzonen verlagert. Wir wissen, daß die Oder in zwei Abschnitten in Polen ihr Flußbett verlassen hat. Da wird es nach dem Aufräumen noch böse Überraschungen geben.

SPIEGEL: Müssen die Karten neu gezeichnet werden?

Dister: Sie werden seit 250 Jahren neu gezeichnet. Seitdem gibt es nämlich gravierende Eingriffe im Odertal, Trockenlegung des Oderbruchs, Bau von 23 Staustufen - zwei weitere sind unterhalb von Breslau geplant -, Zerstörung von rund 80 Prozent der Auen. Siedlungs- wie Industrieflächen sind an den Fluß herangerückt.

SPIEGEL: Die gleichen Fehler wie an Rhein und Mosel?

Dister: Nicht in diesem Ausmaß, denn noch immer bildet die Oder unterhalb von Breslau bis zur Mündung eine halbwegs intakte Flußlandschaft. Allerdings bestehen bei den polnischen Wasserbauern bereits Pläne, auch die Oder zu einer Wasserstraße nach EU-Norm auszubauen.

SPIEGEL: Auenwälder schaffen keine Arbeitsplätze.

Dister: Volkswirtschaftlich sind sie dennoch eine gute Investition. Die Gesamtschäden durch die jetzige Flut werden auf zehn Milliarden Mark geschätzt. Ein kluges Flußmanagement hätte diese Schäden jedenfalls vermindern können. Ob sich der Wiederaufbau zerstörter Häuser in den Überflutungsgebieten wirklich lohnt, bezweifle ich ganz entschieden.

SPIEGEL: Ist Ihr Vorschlag realistisch?

Dister: Da werden hohe psychologische und politische Hürden zu überwinden sein. Aber es ist ein trügerischer Irrglaube, daß es sich an der Oder um eine Jahrtausendflut gehandelt hat und man deswegen für die nächsten tausend Jahre beruhigt die Hände in den Schoß legen kann. Ob Eindeichungen, Änderungen des Klimas oder der Landnutzung - alle Ursachen wirken auf die europäischen Flußsysteme ein. Die extremen Hochwasser werden aller Voraussicht nach zunehmen.

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