Als im Bonner Politik-Betrieb noch nicht jede einzelne Ecke von Fernsehlampen ausgeleuchtet war, strich Josef, genannt Jupp, Darchinger immer wie beiläufig durch Lobby, Gänge und Restaurants, die Nikon-Kamera diskret über der Schulter: »Ein Auge für Bonn«, schrieb die »Zeit« halb verehrungsvoll, halb ironisch.
Das Auge sah, wie harmonisch es im Hause Brandt zugehen konnte, als die fröhliche Rut dem elegant-gelösten Kanzler Willy die Schleife zum Frack band. Es sah, wie selbstverständlich Brandt seinem Mitarbeiter Günter Guillaume das Ohr lieh, jenem Agenten der Stasi, der 1974 den ersten sozialdemokratischen Kanzler der Nachkriegsrepublik in den Rücktritt trieb. Es sah, wie schwellend selbstbewußt Helmut Kohl sich 1972, damals noch ein jugendlich wirkender Ministerpräsident in Mainz, in Positur setzte.
Bei mehr als 1000 SPIEGEL-Gesprächen hat Darchinger, 72, der Bauernsohn und gelernte Landwirt aus Bonn-Endenich, fotografiert. Er dirigierte Leonid Breschnew vorwärts und rückwärts, bis der sich auf den Moskauer Lenin-Hügeln endlich so darbot, wie es der einstige deutsche Panzersoldat haben wollte. Vom Schah von Persien verlangte Darchinger umstandslos: »Jetzt will ich einmal Zähnchen sehen, Majestät.«
Mehr als 300 Darchinger-Fotos, allesamt in Schwarz und Weiß, seinen Farben, zeigt das »Rheinische Landesmuseum« in Bonn seit Donnerstag voriger Woche, eine ganz eigenständige Chronik aus dem Leben der Bonner Republik, eine Enzyklopädie der handelnden Politiker seit 1949. Einer davon, der auch fürs Loben berüchtigte Helmut Schmidt, geriet ins Schwärmen über seinen »Freund Jupp": »He is simply the best.«