ARCHITEKTUR Der alte Mann und der Berg
Ein malerisches, verwunschenes Tal in den Wäldern um Kyoto, wild, schön, unzugänglich, darin, inselartig, eine Bergkuppe wie der Rücken eines Drachens: Nur Träumer oder Verrückte kommen auf die Idee, hier zu bauen. Oder Schwärmer von der Glaubensgemeinschaft Shinji Shumeikai, deren 400 000 Mitglieder Harmonie, Ästhetik und Gastfreundschaft als göttliche Prinzipien hochhalten.
Die frommen Schöngeister beauftragten 1993 den durch seine Louvre-Pyramide berühmten US-Architekten Ieoh Ming Pei, 80, mit einem Museumsbau für ihre beachtliche Sammlung asiatischer, graeco-romanischer und persischer Kunst. Ein kühner Plan: Behörden mußten überzeugt, halbe Berge samt Vegetation abgetragen und wieder aufgeschüttet, Tunnel gegraben und Brücken gebaut werden. Doch jetzt ist das »Miho-Museum« aus Kalkstein und Glas, das so organisch wirkt wie eine gewachsene Felsformation, vollendet - für 370 Millionen Mark, das Doppelte dessen, was Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao gekostet hat (SPIEGEL 43/1997).
Terrain und Auftraggeber waren dem Architekten vertraut. Schon 1990 hatte er auf der anderen Seite des Tales einen schlanken Glockenturm für Shinji Shumeikai gebaut. Der sollte sein Alterswerk einläuten: Er wolle, sagte Pei damals, nur noch kleine, überschaubare Projekte planen, die seinem Spieltrieb entsprächen.
Die ungewöhnliche Aufgabe bei Kyoto erinnerte den Architekten an eine Legende aus seiner chinesischen Kindheit: Ein Fischer folgt einem Flüßchen aufwärts, bis zur Quelle in einer Felshöhle, an deren Ende ein silbernes Licht schimmert. Er durchquert die lange Höhle und findet ein verlorenes Paradies: eine Welt, in der die Zeit stehengeblieben ist.
Ein ähnliches Wunder will Pei den Museumsbesucher erleben lassen. Durch den Berg, der ursprünglich den Zugang zu dem versteckten Areal blockierte, wurde ein geräumiger Fußgängertunnel gegraben, der aus der Entfernung wenig einladend wirkt. Sobald der Besucher ihn aber betreten hat, bemerkt er die matt schimmernde Aluminiumbeschichtung der Tunnelwände, die das Licht aus halbkreisförmigen Wandleuchten reflektiert.
Das Gewölbe scheint ins Nichts zu führen. Aber nach einer sanften Biegung gibt es überraschend den Blick frei auf eine 120 Meter lange Brücke und schließlich auf die tempelartige Eingangshalle des Museums - eine geschickte Inszenierung. Die Brücke wiederum, die über einen tiefen Taleinschnitt führt, ist mit Stahlseilen elegant am Oval des Tunnelendes aufgehängt.
Der Treppenaufgang zum Museum und die Silhouette des Glasdachs erinnern an japanische Tempel - wie auch die Nord- und Südflügel. Konsequent vollzieht Pei das Auf und Ab der Landschaft nach, die durch große Glasfronten auch optisch ins Museum dringt. Die Ausblicke, die sich dem Museumsbesucher eröffnen, wirken wie frühe chinesische Landschaftsgemälde, die immer mehrere Ebenen haben und niemals alles enthüllen.
Wie kommt es, daß keiner der hervorragenden japanischen Baumeister hier zum Zug kam? »Meine japanischen Kollegen«, erklärt Pei, »seien es Kenzo Tange, Fumihiko Maki, Arata Isozaki oder Tadao Ando, sind allesamt westlicher als ich, sie haben ihren eigenen Wurzeln den Rücken gekehrt. Das mag legitim sein. Aber ich bin nun einmal asiatisch geblieben, auch wenn ich seit über 60 Jahren in den USA lebe.«
Die japanische Architektur mit ihrer geometrischen Strenge hat ihn schon immer interessiert. Für das Miho-Projekt fand er in den Walmdächern der Region ein sinnvolles Vorbild für die großzügigen gläsernen Dachkonstruktionen des Museums.
»Wenn die Besucher die Ausstellungskabinette mit ihrem gedämpften Licht und den meist kleinen Objekten verlassen und etwa von Flügel zu Flügel gehen, sollen sie immer wieder nach oben schauen und die ziehenden Wolken beobachten können«, sagt Pei. Sonnenblenden spielen zudem raffiniert mit dem Schatten auf eigens aus Frankreich herangeschafftem Kalkstein, der für warmes Licht sorgt.
Auch das sind Zitate aus der japanischen Tradition. Die hölzernen vertikalen Blenden im uralten Horyuji-Tempel von Nara hatten Pei beeindruckt. Weil die Feuerschutzbestimmungen hölzerne Blenden nicht zuließen, ließ er ein Material entwickeln, das aussieht wie Holz und sich auch so anfühlt. In Wahrheit handelt es sich um beschichtetes Aluminium.
I. M. Pei hat, auch ein alter Traum des Architekten, den Garten selbst gestaltet. In den entlegensten Gegenden Japans suchte er Steine, Bäume und Pflanzen, um die vorhandene Vegetation zu ergänzen - vor allem dort, wo das Gebäude unter riesigen Erdmengen zu verschwinden hatte, weil die Landschaftsschützer das so wollten. 85 Prozent des Baus sind jetzt im Berg versteckt - eine besondere Herausforderung bei der Erdbebengefahr der Gegend.
Am Morgen des Eröffnungstages kletterte Pei noch einmal ganz allein auf die höchste Stelle des Geländes. Aber statt den Ausblick auf die von ihm versetzten Berge, seine Glasdächer und den Glockenturm auf der anderen Seite des Tales zu genießen, suchte er nach Fehlern. Er fand auch einen: Ein Baum war etwas zu weit links gepflanzt worden. Im übrigen, so sagt er, sei er in Gedanken ohnehin längst in Berlin, wo er das »Schauhaus« zum Deutschen Historischen Museum bauen wird.