Strandgut des Fortschritts - DER SPIEGEL
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KINDER Strandgut des Fortschritts

Gestern waren sie noch ein Symbol für das Elend der Dritten Welt, jetzt hat ihre Zahl durch den Umbruch der Gesellschaften Osteuropas enorm zugenommen: Bis zu 200 Millionen Straßenkinder schlagen sich als Bettler und Babystricher, Diebe und Dealer durch.
• aus DER SPIEGEL 52/1997
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Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Er hatte wenig zu beißen, und einmal, als große Theuerung ins Land kam, konnte er auch das täglich Brot nicht mehr schaffen. Er sprach zu seiner Frau: »Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?«

»Weißt du was, Mann«, antwortete die Frau, »wir wollen Morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist: da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus und wir sind sie los.«

180 Jahre nachdem die Brüder Grimm die Erlebnisse der Holzfäller-Geschwister aufgeschrieben haben, ist die Drohung aus dem Märchen in vielen Teilen der Welt Wahrheit geworden.

Sie heißen nicht Hänsel und Grethel, sondern Touch und Wanjiru. Sie schlagen sich auch nicht im Wald mit der Hexe herum. Sie versuchen, in den Gossen der Metropolen zu überleben.

Bevor Touch, 17, nach Phnom Penh kam, wohnte er mit seinen Eltern an der kambodschanisch-thailändischen Grenze. Doch die Familie zerbrach, seine Mutter zog mit den fünf Kindern in die Hauptstadt. Touch mußte fortan für sich selbst sorgen. Jetzt schläft er unter einer Plastikplane in der Botum-Vaddey-Pagode im Zentrum, ganz nahe beim Königspalast.

Zunächst wusch Touch Autos. Doch dann lernte er einen Ausländer kennen, der Geld für Sex anbot. »Mir sind Fremde lieber, die zahlen mehr als die Khmer«, sagt der junge Stricher. Einen Teil seines Lohns gibt er den Geschwistern ab, die er hin und wieder besucht, damit wenigstens sie Schulbücher kaufen können.

Wanjiru, 15, hat eine besondere Art entwickelt, auf der Mama Ngina Street im Zentrum der kenianischen Hauptstadt Nairobi gutgekleidete Frauen und Touristen zum Spenden zu nötigen: Sie streift eine Plastiktüte über die rechte Hand, greift in einen stinkenden Haufen menschlicher Exkremente und hält sie Passanten unter die Nase: »Die Scheiße schmier' ich dir ins Gesicht, wenn du mir kein Geld gibst.«

Extreme Armut zwingt Millionen von Minderjährigen rund um den Globus, frühzeitig selbst dafür zu sorgen, daß sie nicht verhungern. Noch nie gab es mehr Straßenkinder. Schätzte Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, sie Anfang der neunziger Jahre vorsichtig auf 80 Millionen, so sprechen Experten heute von bis zu 200 Millionen.

Und längst sind herumstreunende Jungen und Mädchen kein Drittweltphänomen mehr. Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa trieb Hunderttausende Minderjährige aus ihren Familien fort: Blanke Not und der plötzliche Verlust sozialer Institutionen ließ allein in Rußland und Rumänien (siehe Seite 108) über 1,1 Millionen Kinder zu Ausgestoßenen werden.

Aber auch in den reichen europäischen Sozialstaaten verlieren immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene den Halt im Elternhaus, in der Schule und in der Gesellschaft. Zwar ist es meist noch nicht Hunger, der in Deutschland zwischen 3000 und 7000 Kids in die Szene treibt, nicht nur in Berlin (siehe Seite 106) oder Hamburg, sondern auch in Kleinstädten. Doch steigende Arbeitslosigkeit vor allem im Osten und die mangelnden Chancen ließen in Deutschland gerade »Frauen und Kinder zu den Hauptverlierern der Wiedervereinigung« werden, so die im Auftrag der Europäischen Kommission erstellte Studie zur Familienpolitik in Europa.

Immer jünger sind die Kinder, wenn sie auf der Straße landen, fand Unicef heraus. In einigen Ländern Lateinamerikas und Afrikas sowie in Indien fühlen sich die wohlsituierten Bürger derartig bedroht von jungen Armen, daß sie diese einfach beseitigen möchten und zu diesem Zweck Killer anheuern. 1996 wurden in Rio 659 Kinder (1995 waren es 596) ermordet, mehr als ein Drittel von ihnen war unter elf Jahre. Und die Täter bleiben meist unbestraft.

Im April befragte der populäre Fernsehsender TV-Globo seine Zuschauer, was mit einem Straßenkind geschehen solle, das im Film in eine Wohnung eingebrochen war und die Besitzerin bedroht hatte. Mehr als die Hälfte der Befragten waren für »sofort umbringen«.

Zum Schlafen finden sich die Kids in Gruppen zusammen. Die sind für sie Ersatzfamilie, Überlebens- und Stammesgemeinschaft - häufig konkurrieren die Mitglieder um die Gunst eines Anführers. In der Bande kommen die Streuner oft in Kontakt mit Drogen, die Hunger, Kälte und Angst betäuben. In Manila schnüffeln sie Nagellackentferner, in Rio Schusterleim, in Mexiko-Stadt rauchen sie Crack. Der Kokainverschnitt Basuco ruiniert die kolumbianischen »gamines«, wie dort Straßenkinder heißen, ihre indischen Leidensgenossen dröhnen sich mit gestrecktem Heroin zu.

Zunächst waren Hilfsorganisationen davon ausgegangen, daß ihre Klientel am dringendsten Suppenküchen und Schlafplätze braucht. Inzwischen haben Untersuchungen gezeigt, daß die Mehrheit der herumstreunenden Jungen und Mädchen nachts zu den Eltern oder Verwandten zurückkehrt. »Mit dem Etikett Straßenkinder bezeichnen wir alle Minderjährigen, die den größten Teil ihrer Zeit auf der Straße oder im Viertel verbringen und dort möglicherweise auch arbeiten«, erklärt Bertil Lindblad von der Unicef.

Nur einige fallen langsam ganz aus der Familie heraus, weil der Heimweg aus der Metropole in die Slums zu weit ist, weil sich sechs bis zehn Geschwister mit den Eltern eine Matte als Bett teilen, weil sie mit Prügeln davongejagt oder von den Vätern gar vergewaltigt werden.

Männer schlagen häufig nicht nur ihre Frauen, sondern behandeln Kinder als ihr Eigentum, dessen Leben sie nach Gutdünken beenden dürfen. Mädchen neigen dazu, noch viel mehr und länger physische Gewalt, selbst Vergewaltigung durch Verwandte oder Partner der Mütter zu ertragen, bevor sie mit allen Regeln ihrer Erziehung brechen und sich allein in die Welt wagen. Deshalb sind die weiblichen Straßenkinder noch in der Minderzahl.

Doch wenn Mädchen auf der Straße landen, sind sie besonders verletzlich. 50 000 Minderjährige schaffen in schäbigen Bordellen oder auf düsteren Plätzen in Brasilien an, um die 100 000 sind es auf den Philippinen. Auch innerhalb der Straßenkindergruppen müssen sie oft ertragen, in einer Art Initiationsritus von den männlichen Bandenmitgliedern vergewaltigt zu werden.

Die meisten Straßenkinder sind keine Waisen. Doch die Kriege und Naturkatastrophen in Afrika haben Zehntausenden ihre Väter und Mütter geraubt. In Ruanda wurden 100 000 Kinder von ihren Eltern getrennt, die meisten sind zwischen zwei und acht Jahren und zu klein, um sagen zu können, woher sie kommen. Die Aids-Epidemie, die auf diesem Kontinent Frauen und Männer in gleichem Maße dahinrafft, hat weltweit schon neun Millionen Aidswaisen zurückgelassen.

In rasant wachsenden Megastädten wie Nairobi, Kinshasa oder Lagos strandeten in den vergangenen Jahrzehnten Zehntausende vom Land - auf der irregeleiteten Suche nach einem leichteren Leben. Die Neuankömmlinge finden meist keine Arbeit und landen oft in den Slums. Dort fehlt der althergebrachte Zusammenhalt in der Großsippe.

Landflucht hat auch in Lateinamerika und Asien die Städte aufgebläht und um die Metropolen Slumgürtel wuchern lassen. Wenn die Städte weiter so wachsen, dann werden im Jahr 2025 sechs von zehn Kindern in den Entwicklungsländern Städter sein, die Hälfte von ihnen wird in Elendsvierteln wohnen.

Und die Städte vergrößern sich nicht allein durch Zuwanderung. Gerade die Ärmsten vermehren sich rasant. Ungebildete Väter lehnen vielerorts Verhütung ab, weil sie zum Beweis der Manneskraft ihre Frauen so oft wie möglich schwängern wollen. In den Entwicklungsländern ist nicht selten über die Hälfte der Bevölkerung unter 16 Jahre.

200 Millionen Kinder leiden nach dem soeben veröffentlichten Uno-Bericht zur Situation der Kinder in der Welt 1998 unter chronischer Mangelernährung. Und das, obwohl seit 1990 alle Staaten - außer Somalia und den USA - die Uno-Konvention über die Rechte des Kindes unterzeichnet haben. Darin verpflichten sich die Regierungen, dem Wohl der unter 18jährigen Vorrang einzuräumen. Ein internationales Komitee soll die Fortschritte überwachen - eine Farce. Denn wirklich durchsetzen kann es die schönen Ideen nicht: Ein Viertel der Weltbevölkerung muß pro Tag mit weniger als einem Dollar auskommen.

Besonders dramatisch verändert hat sich die Situation in den ehemals kommunistischen Ländern nach der großen Wende. Allein in der ehemaligen Sowjetunion ist die Zahl derjenigen, die unter dieser Armutsgrenze dahinvegetieren, von 4 Millionen auf 120 Millionen, das heißt ein Drittel der Einwohner, angewachsen. Seit 1989 haben über 13 Millionen Menschen ihre Anstellung verloren. Zwei Drittel der Familien mit Kindern im Alter bis zu sechs Jahren leben in Rußland inzwischen in Armut.

Verzweifelte Eltern überlassen immer häufiger ihre Kinder, besonders wenn diese mit Behinderungen zur Welt kommen, sich selbst oder der Fürsorge des Staats. Deshalb steigt die Zahl der in Heimen lebenden Kinder. Dabei ist die Erziehung dort höchst fragwürdig: Der Familienausschuß des russischen Parlaments stellte fest, daß jeder dritte ehemalige Zögling im ersten Jahr nach Entlassung obdachlos, jeder fünfte kriminell wird und jeder zehnte sich umbringt.

Zwar hat die Globalisierung der Wirtschaft den Staaten der Dritten Welt neue Chancen eröffnet. Doch nur eine Elite, die Vermögenden, Aktionäre und Hochqualifizierten, profitiert bislang vom makroökonomischen Wachstum. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.

So werden die explosionsartigen Wachstumsraten im boomenden Süden Chinas vor allem auf dem Rücken von Minderjährigen erwirtschaftet. Auf 50 Millionen schätzt selbst die Pekinger »Jugendzeitung« die Zahl der Heranwachsenden, die in den letzten zehn Jahren ihre Familien verlassen mußten, um sich in den Küstenregionen als Billigstarbeitskräfte zu verdingen. Natürlich ist da an Schulbesuch nicht zu denken. China stellt bereits ein Viertel der Analphabeten auf dem Globus.

Wenn die Fernzüge in den Pekinger Bahnhof einfahren, drängen sich ärmlich gekleidete Halbwüchsige mit verdreckten Plastiksäcken in die leeren Abteile. Die streunenden Kinder, Strandgut des Fortschritts, allein gelassen von ihren Eltern, die als sogenannte Wanderarbeiter durch die Städte ziehen, sammeln Plastikmüll und Flaschen, die sie an Händler für wenige Pfennige verkaufen.

Das Uno-Kinderhilfswerk kritisierte jetzt die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds, weil sie Entwicklungsländer häufig zu Haushaltskürzungen zwingen - obwohl die westlichen Experten wissen, daß dabei besonders die Sozialausgaben drastisch beschnitten werden. Nicht immer dürfe ein Etat-Ausgleich oberstes Ziel sein.

Angesichts der dramatischen Verschlechterung der Lebensverhältnisse für die junge Generation hat Unicef seine Programmstrategie für Straßenkinder geändert. Statt Kinder zu unterstützen, damit sie arbeiten und Geld für ihre Eltern verdienen, propagieren die Helfer jetzt Stipendienprogramme, die an regelmäßigen Schulbesuch gekoppelt sind. Statt Problemkinder von den versagenden Eltern zu trennen und in staatliche Obhut zu nehmen, tun die Kinderschützer nun alles, um sie wieder in ihre Familien zu integrieren.

Damit dies gelingen kann, »haben wir jetzt besonders Prävention großgeschrieben«, sagt Bertil Lindblad, der in New York das neue Unicef-Konzept entworfen hat. Er möchte Programme vernetzen, vom Training für Stadtteilpolizisten über die Ausbildung von Erziehern, von der Beratung für Eltern, Armutslinderung bis zum Drogenentzug, Sexualkundeunterricht und Aidsprävention. Einige Projekte, wie das im brasilianischen Salvador (siehe Seite 104) machen zumindest Hoffnung.

»Es wäre dringend, das Spendenniveau wieder hochzubringen«, fordert Lindblad, ein Schwede, »da wir doch weltweit die Herausforderungen erkannt haben.«

Auch in den USA sind 15 Millionen Kinder in Gefahr geraten, vor allem weil die Regierung von Bill Clinton Sozialprogramme strich: Sie leben in armen und kaputten Familien, in Vierteln, wo die Kriminalität hoch und die Schulen schlecht sind. Rund eine Million Minderjährige sind obdachlos, ein Viertel davon im Vorschulalter. Die meisten von ihnen sind mit ihren Eltern in Notunterkünfte gepfercht.

In einigen europäischen Staaten, die bis vor wenigen Jahren noch als Paradiese sozialen Ausgleichs galten, herrscht heute ebenfalls ein Hang zur Kürzung von Sozialleistungen, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Steigende Arbeitslosigkeit hat die Kassen geleert.

So hat sich in Großbritannien die Lage der Kinder seit 1988 stetig verschlechtert. Damals beschloß die Regierung der »Eisernen Lady« Margaret Thatcher, den unter 17jährigen den Anspruch auf Sozialhilfe zu entziehen. Im Jahr 1995 waren bis zu 300 000 junge Leute obdachlos. Stiftungen schätzen, daß ein Zehntel von ihnen ganz auf der Straße lebt.

In Deutschland kreiden die Autoren der EU-Vergleichsstudie an, daß die Bundesregierung »kein Konzept für Familienpolitik« hat. Folge: Die Familienarmut explodiert, 30 Prozent aller Eltern mit drei Kindern müssen mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens wirtschaften. Jeder dritte Sozialhilfeempfänger ist inzwischen ein Kind.

Besonders Alleinerziehende, in den allermeisten Fällen Frauen, geraten in Not. Jede fünfte ist auf ständige Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen, Tendenz steigend. Im Osten, wo vor der Wende über 90 Prozent der Frauen voll berufstätig waren und ihre Kinder ganztags in vom Staat finanzierten Einrichtungen betreut wußten, erlebten die Mütter eine »massive Schlechterstellung«, so Hanna Permien, eine der Autoren, die für das Deutsche Jugendinstitut gerade eine Studie über Straßenkinder abgeschlossen haben.

Bei Gesprächen mit den Kids in den Straßenszenen und mit ihren Betreuern stießen die Experten auf ein Muster für »Straßenkarrieren«. Es gibt, bei aller Individualität der Fälle, Konstanten, die den schleichenden Einstieg ins Straßenleben fördern und den Rückweg erschweren: Scheidung, Stiefeltern oder wechselnde Partner, eine sogenannte Patchwork-Familie, tragen besonders zur Entwurzelung bei, ebenso häufige Umzüge, Hinundhergeschiebe zwischen Heim und Zuhause. Die meisten Straßenkinder wissen wenig über ihre Väter, berichten von Gewalt und Mißbrauch, kennen niemanden, der beständig für sie da ist.

Wenn sich die Konflikte zu Hause zuspitzen und die Schule keinen Ausgleich bietet, finden gerade 10- bis 14jährige in den Hochhaussiedlungen am Rande der Städte, wo die meisten Sozialhilfeempfänger, Arbeitslosen und Ausländer leben, kein Freizeitangebot. So wird die Straße zunehmend ihr Lebensmittelpunkt.

Rechnet man solche Kinder hinzu, die zwar noch mit einem Bein im Elternhaus stehen, aber durch die tristen Verhältnisse schon am Rande einer »Straßenkarriere« angelangt sind, scheint die Schätzung des Kinderschutzbunds nicht mehr übertrieben. Der rechnet mit 50 000 Straßenkindern in Deutschland.

In den westlichen Industrienationen sind die gefährdeten Kinder häufig Scheidungswaisen, in afrikanischen Slums leiden sie unter den ständigen Seitensprüngen der Väter, in Lateinamerika verläßt der Macho die Familie, wenn das Leben schwierig wird, und zeugt mit der neuen Frau wieder Nachwuchs: Straßenkinder sind häufig ohne Väter aufgewachsen. Und eine weitere Gemeinsamkeit fällt ins Auge: das Versagen staatlicher Jugendhilfe. In Deutschland schätzen Experten den Anteil von Kindern und Jugendlichen gering ein, die vor Beginn ihrer Straßenkarriere noch nie etwas mit den Jugendbehörden zu tun hatten.

Die Mittel werden hierzulande zum Großteil von sogenannter Fremdplazierung, das heißt Heimen, betreuten Wohngruppen und Pflegefamilien, aufgezehrt. Aber die Jugendämter hätten allzuoft »kaum die Biographie, sondern nur die akuten Problemsituationen der Kids im Blick«, so stellen die Wissenschaftler vom Deutschen Jugendinstitut fest. »Das führt dazu, daß Jugendhilfe nicht selten Einstiege in Straßenkarrieren erleichtert, deren Verfestigungen nicht entgegenwirkt und Ausstiege erschwert.«

Wie sich die Bilder gleichen: Buiú, neun, wurde in Rio verhaftet, weil er mit Kokain dealte. Er kommt aus einer Favela, wie dort die Slums heißen, und schlägt sich, seit er sieben ist, auf der Straße durch. Dreimal wurde er aufgegriffen und in ein Heim der Febem - »Staatliche Stiftung zum Wohl der Minderjährigen« - gebracht. Sobald er konnte, floh er.

Die traditionellen Heime sind oft bis zum Vierfachen überbelegt, schlecht ausgestattet, verfügen kaum über erfahrene Erzieher. Kinder werden mit Kriminellen wie Vieh hinter Gittern weggeschlossen. Die Febems seien wahre »Schulen des Verbrechens«, schrieb das brasilianische Nachrichtenmagazin »Veja«.

Das schnelle Geld lockt Kids, die sich selbst überlassen sind, so steigen sie bei Dealer-Profis ein, zuerst in den USA, neuerdings auch in Rußland, Teilen Afrikas und Lateinamerikas.

Die Mafia, die den Kokainhandel in den großen Städten Brasiliens beherrscht, wirbt Straßenjungen als Späher, Wächter und Kuriere an und rüstet sie mit modernsten Waffen aus. Die Bosse ziehen Minderjährige vor, weil sie nicht strafmündig sind. Wenn sie nicht parieren oder zuviel wissen, werden sie einfach umgebracht.

40 Prozent der ertappten Drogenschieber in São Paulo sind unter 18 Jahre. Sie kommen für maximal drei Jahre ins Heim, brechen aber meist vorher aus. »Unsere bisherige Jugendstrafpolitik ist gescheitert«, klagen brasilianische Soziologen und Jugendrichter: »Wir werden uns noch nach den guten alten Straßenkindern sehnen.«

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