»Stadt im Schaufenster« - DER SPIEGEL
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Polen »Stadt im Schaufenster«

Von Hans-Joachim Noack
• aus DER SPIEGEL 18/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ehe der Hausherr die Sache selbst erläutert, sieht er sich genötigt, den Journalisten einen »dringenden Rat« zu geben: Wer immer über seine Stadt berichte, sagt der Bürgermeister Andrzej Telka, könne ihre Probleme nur dann richtig verstehen, wenn er ihr den zutreffenden Namen nicht verweigere. Korrekt heißt sie für ihn »Oswiecim . . . Auschwitz ist das Konzentrationslager«.

Nein, beharrt der 62jährige parteilose Kommunalpolitiker, eine unsinnige Unterscheidung sei das keineswegs; und auf seine Art hat er wohl recht damit. So gelingt es ihm, sich von jenem Ort, an dem das unerträglichste aller Menschheitsverbrechen geschah, zumindest semantisch ein wenig abzusetzen.

Wie weit Oswiecim, »ein Gemeinwesen von 50 000 Lebenden« (Telka), auf das mit anderthalb Millionen Ermordeten größte Nazi-KZ Rücksicht zu nehmen hat, ist seit Monaten Gegenstand heftiger Kontroversen. Es geht dabei um den Bau eines Supermarkts, der in der südpolnischen Kleinstadt dem »Muzeum Auschwitz« vis-a-vis liegt.

Läßt sich das nicht vertreten, wo doch der Investor, ein bestens beleumundeter Einheimischer namens Janusz Marszalek, nur die hehrsten Ziele zu verfolgen scheint? Aus den zu erwartenden Gewinnen möchte er ein von ihm geschaffenes Kinderdorf erweitern. Aber nach weltweiten Protesten, in die sich vor allem jüdische Organisationen einschalteten, sind bislang bloß die Grundmauern errichtet worden.

Denn das Projekt siedelt in einer 1962 gebildeten, 500 Meter breiten Schutzzone - ein seit eh freilich arg durchlöcherter Cordon. In der Bannmeile, die die Gedenkstätte vor dem Expansionsdrang von Handel und Industrie abschirmen soll, behaupten sich unbehelligt heruntergekommene Hinterhofbetriebe.

Warum also jetzt erst der Aufschrei etwa aus Israel, das KZ-nahe Terrain verwandele sich zusehends in ein »Disneyland«? Der gute Mensch Marszalek, den sogar der Papst seines sozialen Engagements wegen als beispielhaft pries, versteht das nicht.

Da werde »ein Vorgang künstlich aufgeblasen«, entrüstet sich nach einer Baustopp-Verfügung der gescholtene Pole und nennt die einstweilige Anordnung politisch motiviert. Gewiß liegt er damit nicht falsch - doch auch ihm hängt der Verdacht an, über das Projekt hinaus an tiefer wurzelnde Interessen zu rühren.

Wem »gehört« das nur durch eine Straße vom geplanten Bauwerk getrennte ehemalige Massenvernichtungslager? Im Gegensatz zu den Juden betrachtet eine Mehrheit der vor allem dem Katholizismus verbundenen Polen die Stätte des Holocaust als zentralen Schreckensort eigenen Leidens. »Zunächst einmal starben dort Hunderte meiner Landsleute«, argumentiert der Bürgermeister Andrzej Telka.

Als absurder Ausdruck eines dauerhaft schwelenden Streits darüber, wer Auschwitz mit welchem Recht für sich reklamieren darf, gilt dabei noch immer die Affäre um die Nonnen eines auf dem KZ-Gelände eingerichteten Karmeliterklosters. Zwar ordnete der Papst nach wütenden Protesten den Abzug seiner getreuen Dienerinnen höchstpersönlich an - aber als »Untermieter« logiert dort nun seit längerem der kinderliebe Marszalek.

Und natürlich kann der auch auf jene Sympathisanten bauen, die den ehemaligen polnisch-katholischen Vorposten zumindest symbolisch verteidigen. Tägliche Gebetswachen erinnern in Sichtweite eines stehengebliebenen mächtigen Holzkreuzes an die Ermordung der ersten eigenen Häftlinge. »Ihr Opfer«, verkündet der Text einer Gedenktafel, »wird fruchtbare Ernte bringen.«

Doch zur Zeit sieht es eher nach wachsender Verbitterung aus. Den vorläufigen Gipfelpunkt wechselseitig geschürten Mißtrauens markiert in Auschwitz ein bislang einmaliges Ereignis. Stiernackige Skinheads ziehen da an Ostern in schweren Springerstiefeln in das Stammlager ein. Der bleiche Nationalistenführer Boleslaw Tejkowski grüßt mit bebender Stimme »heilige polnische Erde«.

Genehmigt hat diese »Manifestation« unter Berufung auf die Versammlungsfreiheit der zuständige Woiwode Marek Trombski aus der Bezirkshauptstadt Bielsko-Biala - eine international scharf verurteilte Entscheidung. Da sei ihm dann doch »ein Fehler unterlaufen«, rüffelt ihn ziemlich sanft der Warschauer Regierungschef; aber selbst das hält Trombski für unangemessen.

Soll die Welt über ihn herfallen - er habe »nichts als die Rechtsstaatlichkeit geschützt«, versteift sich der in die Politik gewechselte Hochschulprofessor, und im übrigen weiß er mehr über den Aufmarsch: Nach seinen Recherchen haben dort keinesfalls bloß ein paar herbeigekarrte Kahlköpfe Flagge gezeigt, sondern »viele aus Auschwitz«.

»Die Stadt ist deprimiert«, entfährt es dem Woiwoden mit einem Unterton, der sein Verständnis dafür erahnen läßt. Zwar hat Trombski in Sachen Supermarkt den vorläufigen Baustopp verfügt - wird ihm aber der noch fehlende förmliche Beschluß des Kommunalparlaments überreicht, will er das Projekt »wieder freigeben«.

In Oswiecim nämlich muß nach Auffassung des Landrats (und nicht nur nach seiner) »Grundsätzliches« geklärt werden: Was darf eine Stadt, deren schweres historisches Erbe in die von der Unesco geführte Liste der Welt-Kulturgüter aufgenommen worden ist? Hat sie einen Anspruch darauf, die häufig beschworene »Normalität« für sich einzufordern?

Manches wäre sicher leichter, verknüpfte sich mit solchen Fragen nicht ein in Jahrzehnten aufgestauter genereller Frust. Und in dieses diffus wirksame Ressentiment schleichen sich zunehmend logische Brüche: Einerseits sucht das Gros der Bürger Oswiecims das »mumifizierte Grauen« von sich fernzuhalten; zugleich aber beklagt man zerknirscht, »aus dem Geltungsbereich Auschwitz ausgeschlossen« zu werden.

Die 1172 gegründete Stadt bemitleidet sich. »In einem Bruchteil ihrer langen Geschichte«, bedauert Telka, sei sie vom Schicksal geschlagen worden, und das solle nun auf ewig ihre Identität bestimmen. Andererseits: Von den jährlich 500 000 Menschen, die die verfallenden Reste der Krematorien und Gaskammern besichtigen, betreten das durchaus sehenswerte Oswiecim danach nur die wenigsten.

Wer da wen und warum meidet, erfährt man allenfalls in vagen Halbsätzen. Als 1939 die »Hitlerowscy« in der 14 000 Einwohner zählenden Stadt zu wüten begannen, beherbergte sie immerhin 8000 Juden in ihren Mauern - und heute noch einen. Über diese Katastrophe geht sie seltsam indifferent hinweg.

Aber darf man Oswiecim wirklich eine unzureichende Vergangenheitsbewältigung vorhalten? Ein halbes Jahrhundert lang am »größten Friedhof aller Zeiten« überdauert zu haben, rechtfertigt sich eine in der Schutzzone wohnende Rentnerin, fördere selbstverständlich auch den Hang zu verdrängen. Hat man in dieser bedrückenden Bannmeile nicht immer »leise gelebt«? Ist da »je ein Fest gefeiert worden«?

Und nun kommt die Weltpresse, erregt sich im Kulturhaus der Chemiewerke - vormals I.G. Farben - eine Besucherin, um die »ganze Stadt ins Schaufenster« zu stellen. Statt mit flotten Schlagzeilen Urteile zu fällen, empfiehlt sie den Berichterstattern, »die komplexe Lage« zu berücksichtigen.

Ziemlich vertrackt und allem voran von gegenseitiger Überforderung befrachtet ist die entstandene Situation tatsächlich. Die Polen empfinden sich als bevormundet - doch wer möchte den Juden verdenken, daß sie in Auschwitz unnachgiebig bleiben? Nichts soll dort zugelassen werden, was den ihnen heiligen Ort einer profanen Geschäftigkeit ausliefern könnte.

Nach der schaurigen Skinhead-Demonstration reagieren sogar die israelischen und polnischen Staatsspitzen. Warschau erlaubt, daß einem sogenannten Marsch der Lebenden - 5000 jungen Juden, die aus aller Herren Länder von Auschwitz nach Birkenau ziehen - die größtmögliche Sicherheit gewährt wird. Einen Tag lang führt, für alle sichtbar, der berühmte Geheimdienst Mossad Regie.

Oswiecim im Ausnahmezustand. Schweigend versammeln sich hinter massiven Absperrgittern Einheimische, die es schon immer wußten: Einen weitläufigen Teil ihrer Stadt habe sich halt »die von den Juden dominierte Weltgesellschaft angeeignet«.

Doch wo beginnt der? Um das herauszufinden, inspiziert der aus Warschau angereiste Justizminister Leszek Kubicki die umkämpfte Supermarkt-Baustelle. Die sei »ja gar nicht so nahe dran«, teilt er danach den örtlichen Behörden mit - obwohl der polnische Staatspräsident anderer Meinung ist.

Geht es nach Aleksander Kwasiniewski, soll der fromme Janusz Marszalek um des lieben Friedens willen sein Projekt zurückziehen; aber der tut das nicht. Eine Meldung der Warschauer Nachrichtenagentur PAP, der Vorgang habe sich erledigt, wird von ihm am vergangenen Mittwoch als »die übliche Stimmungsmache« dementiert.

Statt dessen setzen Marszalek und der ihn unterstützende Bürgermeister (der wiederum die Mehrheit Oswiecims hinter sich glaubt) auf den neuen polnischen Rechtsstaat. »In der Demokratie«, sagt Andrzej Telka, ein gewendeter Altkommunist, »ist das zu schützende Privateigentum auch eine heilige Sache.«

Einen Tag lang führt der Mossad im KZ-Lager Regie

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