Archäologie Ruinen unterm Radar
Bodenverhaftet und erdenschwer - so präsentiert sich der traditionelle Altertumsforscher. Ein Krümelpuler und Scherbenfeger sei er, heißt es, der mit Lupe und Pinzette arbeitet. Immer nah am Artefakt, ständig von Verfall umgeben.
Doch auch Ruinen läßt sich fortschrittlich begegnen. Alexander Koch vom Römisch-Germanischen Museum in Mainz geht mit High-Tech zu Werke. Sein wichtigstes Arbeitsgerät, die optoelektronische Kamera Moms-02P, schwebt 350 Kilometer hoch im Orbit.
Der in Deutschland gebaute Hochleistungsapparat befindet sich an Bord der russischen Raumstation Mir. Vom Startplatz, umgeben von einem Meer blühender Tulpen, war am 5. Mai eine Sojusrakete aus der Steppe von Baikonur aufgestiegen, um das optische Gerät ans Ziel zu bringen. Vorletzte Woche kletterten die Mir-Kosmonauten ins All hinaus und installierten die Kamerabox außen am Raumschiff. Ihre tellergroßen Linsen wiegen bis zu 30 Kilogramm.
Mit dem Argusauge (Auflösung aus dem Weltraum: fünf Meter) will der Archäologe Koch die pompösesten Friedhöfe des Erdenrunds erkunden. Immer wenn die Raumstation Asien überfliegt, soll Moms die Schädelstätten von Xi'an ablichten.
»Insgesamt 18 chinesische Kaiser sind bei Xi'an in gewaltigen Mausoleen bestattet«, erzählt Koch. Wie eine Perlenschnur ziehen sich die Gräber auf einer Strecke von 150 Kilometern am Wei-Fluß entlang.
Schon wegen ihrer Ausmaße stufen die Gelehrten die Nekropolen als »Kulturzeugnisse von Weltrang« ein. Jedes Grabmal ist zehn Quadratkilometer groß und war einst von Mauern und Wehrtürmen umgeben. Prozessionsstraßen führen in die heiligen Bezirke. Diese »Geisterwege« werden von geflügelten Pferden und bis zu fünf Meter hohen Kriegerfiguren flankiert.
Den Megafriedhof, erbaut in der Tangzeit (618 bis 907 nach Christus), umgeben viele Gerüchte und wenig handfestes Wissen. Nur ein Grab wurde bislang geöffnet. Achtlos pflügen Bauern auf dem Gelände. Traktoren umfahren die steinernen Kolossalplastiken.
Mit dem nun gestarteten Spähflug will sich der Mainzer Experte Koch erst einmal einen Überblick über das weitläufige Totenareal verschaffen. Zugleich hofft er auf neue Entdeckungen: »Die Moms-Luftbilder können bislang verborgene Prinzengräber sichtbar machen.«
Solche Spurensuche aus dem Weltall ist in der Archäologie nicht mehr ungewöhnlich. Immer häufiger nutzt die Ruinenzunft Radar- und Infrarotaufnahmen aus dem Orbit, um schatzträchtiges Terrain zu erkunden. Sputnik statt Spaten lautet die Devise:
* 1991 entdeckten US-Forscher im Sultanat Oman die sagenhafte ___Weihrauchstadt Ubar. Radarfotos von dem Nasa-Shuttle Challenger ___hatten den Wissenschaftlern den Weg gewiesen.
* Münchner Luftbild-Archäologen stießen bei ___Schmiedorf-Osterhofen auf kreisförmige Bodenstrukturen - ___Fundamente einer 6800 Jahre alten Sonnenkultanlage.
* Letzten Herbst wurde die Wüsten-Metropole Ausan in ___Südarabien vermessen. Eine weltraumgestützte ___Multispektralkamera hatte die Spur aufgetan.
Solche Erfolgsmeldungen haben nun auch die konservativen Gelehrten überzeugt. Vor allem in den USA wird das »remote sensing« - die Fernerkundung aus dem All oder dem Flugzeug - zunehmend als erster Schritt der Geländeprospektion eingesetzt.
Die Technik hilft der Zunft aus einem Dilemma. Unter Tonnen von Geröll liegt die altägyptische Sonnenstadt Heliopolis verborgen. Uruk, die Metropole in Mesopotamien, ist zu 95 Prozent von Sand bedeckt. Doch wo lohnt sich das Schaufeln?
»Früher haben wir aufs Geratewohl einen Suchgraben angelegt, dann wurde gebuddelt«, erklärt der Tübinger Frühgeschichtler Rolf Rottländer. Heinrich Schliemann benötigte Hunderte von Helfern, um seine Schätze in Troja und Mykene freizulegen.
Die neue Sparte der High-Tech-Wissenschaftler geht zeit- und kräftesparend vor. Bevor der Spaten angesetzt wird, sondieren die Forscher das Gelände großflächig mit elektromagnetischem Spezialequipment. Zugewehte Straßen, Flußläufe oder architektonische Strukturen werden auf Satellitenfotos sichtbar.
»Über einer 5000 Jahre alten Palisadenwand wächst Getreide etwa drei Millimeter höher«, sagt der Münchner Archäometriker Helmut Becker. Solche Vegetationsunterschiede - bedingt durch den erhöhten Nährstoffgehalt des Bodens in der Umgebung des verrotteten Holzes - werden von den sensiblen Spähkiebitzen erfaßt.
Wie erfolgversprechend das Verfahren ist, hatte bereits 1988 der Zürcher Geoarchäologe Eberhard Zangger gezeigt. Mit Hilfe alter Landsat-Bilder gelang es ihm, das Rätsel der Hydra zu lösen, eines Ungeheuers, das der Sage nach vom Halbgott Herakles im Lernäischen See bezwungen wurde.
Doch wo lag dieses Gewässer? Historische Quellen machen nur vage Angaben. Anhand der Satellitenbilder konnte Zangger den ausgetrockneten See schließlich auf dem Peleponnes orten. In der Antike, so die Analysen, wurde der See von Quellflüssen gespeist, die immer wieder hervorbrachen (wie die nachwachsenden Köpfe der Hydra) und das Umland in einen »unpassierbaren Sumpf verwandelten« (Zangger).
Als besonders hilfreich haben sich Aufnahmen mit langwelligem Radar erwiesen. Diese Strahlen dringen bis zu fünf Meter tief in den Boden ein. Verborgenes läßt sich wie durch Zauberhand sichtbar machen.
Mit solch einem Wundergerät im Gepäck hob das amerikanische Space Shuttle im vorletzten Jahr zu ersten Testflügen ab. Drei archäologische Stätten standen auf dem Programm. Das Projekt wurde zum orbitalen Triumphzug, der den Altertumsforschern viele neue Details lieferte.
Zuerst ermittelte das »Spaceborne Imaging Radar« (Sir) den Verlauf der Seidenstraße in der Wüste Taklamakan. Die Trasse, von Kamelfüßen zu feinstem Sand zermahlen, hob sich deutlich auf den Satellitenfotos ab.
Dann nahm der Kundschafter die Chinesische Mauer ins Visier. Ergebnis: Neben dem Schutzwall verläuft ein Vorläufermodell aus dem 6. Jahrhundert. Vom Boden aus ist diese völlig erodierte Urmauer nicht zu erkennen.
Am interessantesten aber war der Shuttle-Spähflug über der Tempelstadt Angkor in Kambodscha. Wie verwunschene Dornröschenpaläste ragen die verschnörkelten Bauwerke aus dem Dschungel. Erbaut wurden sie von Khmer-Völkern vor rund tausend Jahren.
Bisher gingen viele Forscher davon aus, daß die Tempelstätte ausschließlich kultischen Zwecken gedient hat. Reliefs mit religiösen Motiven überziehen das 65 Meter hohe Hauptgebäude Angkor Wat.
Die Nasa-Fotos, auf einer Konferenz an der Princeton University präsentiert, zeigten ein anderes Bild: Angkor war einst eine urbane, mit Leben gefüllte Großstadt, in der bis zu einer Million Menschen lebten.
Anlaß für die Neudeutung sind die unzähligen Wasserreservoire, die sich auf den Weltraumfotos zeigten. Dämme, Kanäle und Straßen ziehen sich wie ein Spinnennetz um die Tempelanlagen. Die Experten sprechen von einem »gigantischen Bewässerungssystem«, mit dem die Bauern Wasser auf die Felder lenkten.
Der erfolgreiche Spähflug des Nasa- Shuttles hat auch die Weltraumingenieure von der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen angestachelt. Auch sie wollen nun ins Dunkel der Prähistorie vordringen. Ziel ist es, die DLR-Spähausrüstung über den Schicksalsberg der deutschen Archäologie zu lenken: Troja.
Um die Dardanellenstadt tobt in der Gelehrtenzunft seit Jahren ein heftiger Streit. 100 000 griechische Soldaten hatte Homer gegen Troja anrennen lassen. Doch Heinrich Schliemanns Grabungen ergaben, daß die Stadt allenfalls 9000 Quadratmeter groß war. Noch Ende der achtziger Jahre stufte der Tübinger Chef-Ausgräber in Troja, Manfred Korfmann, den Ort als »Piratennest« ein.
Anhand von Magnetometer-Messungen mußte diese Meinung revidiert werden. Die Geräte orteten voluminöse Stadtmauern, die sich in weitem Kreis um den Burghügel ziehen: Die Stadtfläche betrug mindestens 200 000 Quadratmeter.
Was aber befindet sich in der Ebene vor dem Hisarlik, jener verschlammten Riesenbucht, die direkt ans Meer stößt? Liegt hier eine »hochartifizielle Hafenanlage« im Sediment verborgen, wie der Geoarchäologe Zangger vermutet? Experte Korfmann lehnt diese These kategorisch ab.
Doch Zangger, der vor Jahren mit seiner Arbeitshypothese »Troja gleich Atlantis« für Wirbel sorgte, läßt nicht locker. Gemeinsam mit dem DLR-Spezialisten Wolfgang Noack will er nun modernes High-Tech-Geschütz auffahren, um seine Vermutung zu verifizieren.
Mit einer Dornier 228 wird das Team die Rätselebene aus der Luft kartographieren. »Das Flugzeug fliegt in 3000 Meter Höhe«, sagt Noack »an Bord haben wir ein Spezialradar, das bis zu 5 Meter tief in den Boden dringt.«
Gehemmt wird das Projekt noch durch Geldmangel, es fehlen 300 000 Mark. Doch die Trojasucher hoffen auf Sponsoren, zumal auch die Amerikaner schon wieder neue Entdeckungsflüge aushecken.
John Stubbs, Programmdirektor des World Monuments Fund, hat den Nasa-Leuten bereits eine Wunschliste von Spähzielen präsentiert. An vorderster Stelle stehen das Katmandu-Tal in Nepal und die 2600 Jahre alte Stadt Butrint im heutigen Albanien.
Auch die geheimnisvolle Osterinsel sollen die Nasa-Detektoren abtasten. Was hat es mit den mysteriösen Riesenköpfen auf sich, die das Eiland zieren? Mit traditionellen Techniken ist dem Rätsel nicht beizukommen. Die Baumeister der Zyklopengesichter sind unbekannt.
[Grafiktext]
Chinesische Mauer - Radarfoto aufgenommen v. Bord der Space-Shuttle
Endeavour im April 1994
[GrafiktextEnde]