Die Streber des Rock'n'Roll - DER SPIEGEL
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Pop Die Streber des Rock'n'Roll

• aus DER SPIEGEL 29/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das verächtliche Grinsen auf den Lippen des Rock''n''Roll ist eine altehrwürdige Tradition, die schon bei Elvis dem Stolz eines armen Jungen Ausdruck verlieh, der es nach ganz oben geschafft hatte, und in jüngerer Zeit bei Lou Reed dem Selbsthaß - doch bei den Eagles war etwas ganz Neues im Spiel: totale Überheblichkeit.

Die Eagles entsprachen immer dem Bild der perfekten Südkalifornier; trotz Don Henleys Versuchen, diesem Image mit Songs wie »Hotel California«, »Life in the Fast Lane« und »The Last Resort« Morbidität und Bitterkeit zu verpassen. Keiner aus der Originalbesetzung kam wirklich aus Kalifornien - sie stammten aus Michigan, Texas, Nebraska und Minnesota. Von Anfang an waren sie Surfer, die ohne Wellen und Bretter auskamen - kurz: Adler. Ihnen konnte keiner das Wasser reichen, sie taten, was sie wollten, sie brauchten nichts und niemanden. Wie

Greil Marcus, 50, lebt im amerikanischen Berkeley; zuletzt erschien in Deutschland sein Buch »Im faschistischen Badezimmer«.

sie es in »Earlybird«, einem ihrer ersten

Songs, ausdrückten: »The eagle flies alone/ He is free.«

Sie kamen aus demselben Countryrock-Milieu, das auch Jackson Browne und Warren Zevon hervorgebracht hatte, doch im Gegensatz zu Leuten wie denen zeigten die Eagles kaum Anzeichen für Selbstzweifel oder Angst, daß die Welt aus Problemen und Horror bestehen könnte, vor denen sie klein beigeben müßten. Das machte die Eagles so attraktiv, so verführerisch.

Der Kritiker Kit Rachlis schrieb einmal: »Ich haßte die Eagles mit derselben jugendlichen Wut, mit der ich die Wichtigtuer am College verabscheute« - die Starathleten, die Streber, die reichen Jungs mit den neuen Autos - »und größtenteils aus denselben Gründen: Angst, Politik, Stil, Neid.« So ging es vielen, doch diejenigen, die jede Note und jedes Wort der Eagles wie Wasser schlürften, waren noch viel zahlreicher.

Wer in den Spiegel schaute, während ihm die Eagles versprachen: »She can''t teach you any way/ That you don''t already know«, konnte beinahe dabei zuschauen, wie er attraktiver, kräftiger und mächtiger wurde und seine Dummheit und Hilflosigkeit nach und nach verlor.

Von Anfang an, seit 1972, wurde der Eagles-Song »Take it Easy« im Radio gespielt. Er läuft immer noch - auf Hunderten von Radiosendern im Siebziger-Jahre-Rock-Format. Seit 1974 hielten sich die Eagles in den Top ten, mit vier Alben und fünf Nummer-eins-Singles. 1976 betrachteten die Eagles (oder vielmehr Don Henley) die Welt, vielleicht sogar sich selbst, etwas genauer - möglicherweise angeregt durch die nervöse, nihilistische, deutlich komplexere Musik Warren Zevons, eines überzeugten Kaliforniers aus dem San Joaquin Valley, also aus tiefster Provinz, in der es nichts gab, womit Teenager den Tag rumkriegen konnten.

Das Ergebnis war »Hotel California«. Der Titelsong mit den Gitarrenarrangements von Don Felder war das erste Eagles-Stück, das als visionär bezeichnet werden konnte; »Life in the Fast Lane« zündender Radio-Rock''n''Roll, beißende Satire und komisch zugleich. Plötzlich hatte die Band eine Zukunft vor sich.

Dann brauchten sie drei Jahre, um eine Platte von betäubender Stumpfheit herauszubringen, die den Namen »The Long Run« trug. Darauf verkündeten die Eagles, daß sie wegen ihres riesigen Selbstbewußtseins und ihrer Coolness auf lange Sicht unschlagbar seien. Im folgenden Jahr löste die Band sich auf.

Als sie sich 1994, 14 Jahre später, wiedervereinigten und ihre »Hell Freezes Over«-Tournee starteten, deren zweiter Abschnitt sie nun nach Deutschland führt, hatte sich die Welt natürlich verändert. Nach 12 Jahren republikanischer Regierung in den USA war der Demokrat Bill Clinton, ein Freund Don Henleys, zum Präsidenten gewählt worden. Er wollte der Herrschaft der Reichen und dem Herumtrampeln auf allen Nicht-Reichen ein Ende machen. Punk und Rap haben seither den sogenannten Mainstream-Rock''n''Roll an die Wand gedonnert, und damit genau die kultivierten, weißen, gitarrenorientierten Balladen, die auch die Eagles spielten. Die Eagles waren also eigentlich ein Anachronismus - und doch ist ihr Comeback ein überwältigender Erfolg. Massen von Menschen zahlten Unsummen, um sie spielen zu sehen.

Die Musik war, 14 Jahre später, eher lau. Timothy B. Schmits fader, farbloser Gesang klang schon bei »I Can''t Tell You Why« von 1980, dem letzten Top-ten-Hit der Eagles, wie Begräbnismusik; Joe Walsh, sonst der geborene Rocker, wirkte vollkommen fehl am Platz. Glenn Freys Augen waren tot. Nur Don Henley als Bandleader war voller Leben, voller Verve. Aber was tat er hier, nachdem er sich 14 Jahre lang eine ordentliche Solokarriere aufgebaut hatte? Der einzig gute neue Song, den die Band ablieferte, war von ihm - doch »Get over it« war ein Rückfall in die Zeit von »Peaceful Easy Feeling« und »Take it to the Limit": das Manifest von fünf weißen Millionären, die die Menschen ermahnten, sie sollten aufhören zu nörgeln und die Schnauze halten.

Die Welt hatte sich verändert - und auch wieder nicht. Die neue Macht des Punk durch Nirvana, Sonic Youth und Tausende anderer Bands und die neue wackelige, aber immer noch vielversprechende Bill-Clinton-Regierung hatten eines gemein: Viele Menschen weigerten sich, ihre Anwesenheit überhaupt wahrzunehmen oder zu akzeptieren. Sie taten so, als hätten hinter ihrem Rücken plötzlich alle möglichen seltsamen, anrüchigen, bedrohlichen Leute die Macht ergriffen. Und so war das Comeback der Eagles und einer Musik, die die Rückkehr von Individualismus und männlicher Dominanz versprach, nicht nur ein Rock''n''Roll-Ereignis. Es hatte auch nichts mit Nostalgie zu tun.

Genauso wie die Amerikaner sich bei den Kongreßwahlen von 1994 millionenfach zu den Republikanern flüchteten und damit gegen Bill Clinton und all die Schwarzen und Frauen wandten, die in seiner Regierung eine so große Rolle spielen, strömten sie in Scharen zu den Eagles. Deren Musik war schon 1972 reaktionär, und das ist sie heute noch.

Die Eagles sind über diese Parallele sicher nicht glücklich. Don Henley ist politisch alles andere als ein Republikaner. Dennoch gestattete ihre Musik den Menschen, zu glauben - und sich darüber zu freuen -, daß die Welt sich nicht verändern müsse, daß sie immer im Recht sein würden und daß, wer sich beschwert, gefälligst den Mund halten solle. »Jetzt kriegen all diese Fotzen und Nigger, was sie verdienen«, erklärte der konservative Philosoph Allan Bloom 1980 im Suff, in der Nacht, als Ronald Reagan das erstemal zum Präsidenten gewählt wurde. Die Eagles gab es damals schon nicht mehr, aber sie hatten die Falle mitgebaut, in die sie und der Rest ihres Landes gingen.

Die Großspurigkeit des Slogans »Hell Freezes Over« klingt ein bißchen müde. Eiszeit in der Hölle? Schließlich ist dies die Ära der Comebacks, und jeder hat sein Motto. Bei den Sex Pistols ist es die »Filthy Lucre Tour« (Schnöder-Mammon-Tour) - obwohl angesichts der aggressiven Attitüde der Band »Geld oder Leben« ein viel passenderer Titel gewesen wäre. Wie sollen wir also die Eagles-Tournee betiteln? Nicht »Money for Nothing« nach Art der Dire Straits - die Leere der Musik, die die Eagles machen, enthält echte Substanz. Nicht »Money Changes Everything« nach Art der Brains - verändert hat sich nichts. Vielleicht einfach: Business as Usual.

Greil Marcus, 50, lebt im amerikanischen Berkeley; zuletzterschien in Deutschland sein Buch »Im faschistischen Badezimmer«.

Greil Marcus
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