Kryonik PHÖNIX AUS DEM EIS
Ich möchte Unsterblichkeit einfach dadurch erreichen, daß ich nicht sterbe.
Die Wüstenmetropole Phoenix im US-Staat Arizona zählt knapp eine Million Einwohner. Zu ihnen gehören auch 28 Personen, deren Leben »suspendiert« ist. In einem Tiefkühl-Bad aus flüssigem Stickstoff treiben sie - teils in voller Größe, teils nur als Köpfe ohne Körper - der erhofften Wiedererweckung entgegen.
Das Lager der Untoten liegt versteckt im rückwärtigen Teil des »Acoma«-Bürokomplexes in der Nähe des Flughafens. Behälter, die großen Spaghetti-Töpfen gleichen, bergen die 17 Tiefkühl-Köpfe (Fachterminus: Neuro-Patienten). 11 Komplettmenschen schwimmen paarweise in »Bigfoot Dewars«, knapp drei Meter hohen Thermosflaschen auf Rollen. Mit den Eingeschlossenen frieren ein paar Hunde und Katzen, auf die ihre Besitzer auch in Zukunft nicht verzichten mögen.
»Die Dewars sind hervorragend isoliert«, sagt Stephen Bridge, Präsident der Tiefkühl-Stiftung Alcor, die das Lager betreibt. »Da drinnen ist es rund 220 Grad kälter als hier in der Halle.« Er tätschelt liebevoll einen Dewar, als gelte die Bewegung nicht dem Metallkanister, sondern dem Hintern des oder der Suspendierten: »Nichts zu spüren.«
Bridge und seine Mitarbeiter eifern dem Sagentier nach, das der Wüstenstadt ihren Namen gab: Kaum im Jenseits, erwacht der Vogel Phönix aus seiner Asche zu immer neuem Leben. Das von Alcor perfektionierte Verfahren, das dem Tod seine Endgültigkeit nehmen soll, heißt »kryonische Suspension"***.
Weltweit haben sich 400 Alcor-Mitglieder für diese letzte Hilfe entschieden. *** Von griech. kryos = Kälte und engl. suspen- _(sion = Aufhängung, Aufschub. ) ** Der SPIEGEL-Beitrag basiert auf dem Bericht _("KryoKonserven« von Gundolf S. ) _(Freyermuth, der im Kursbuch 119 ) _("Verteidigung des Körpers« erscheint. * ) _(Bei der Tiefkühl-Stiftung Alcor in ) _(Phoenix (US-Bundesstaat Arizona). ) Sie soll die Sterbenden statt ins Hospital, wo man ihnen nach heutigem Wissensstand nicht mehr helfen kann, in die Zukunft transportieren. Und zwar um so viele Jahrzehnte oder nötigenfalls Jahrhunderte, bis die Nachfahren Krebs, Aids und auch das Altern besiegt haben werden.
Ob der Komplettkörper oder nur der Kopf allein die Reise in die Zukunft antritt, ist dabei vor allem eine Frage des Preises. Für die Konservierung und Aufbewahrung des ganzen Menschen berechnet Alcor 120 000 Dollar, die gleiche Behandlung des abgetrennten Schädels ist bereits für 50 000 Dollar zu haben. Wer Alcors Dienste außerhalb der USA in Anspruch nehmen will, muß bei beiden Varianten einen Aufschlag von 10 000 Dollar zahlen.
Den Kieler Klaus Reinhard, 35, schreckte das nicht. »Ich glaube, niemand stirbt gern«, sagt der Diplominformatiker. »Die Wahrscheinlichkeit ist gering, daß die Medizin noch in meiner Lebenszeit den Durchbruch zum unbegrenzten Leben schafft. Ich mußte etwas finden, um die Zeit zu überbrücken.«
Im Schulunterricht hatte er gelernt, daß bei den Temperaturen, die flüssiger Stickstoff erzeugt, alle chemischen Reaktionen aufhören. In Science-fiction-Romanen las er von der dazu passenden Anwendung: dem Einfrieren ganzer Raumschiffbesatzungen, die so den Trip zu anderen Sonnensystemen überbrücken, wo sie auftaufrisch eintreffen. Im Kieler Deutsch-Amerikanischen Institut besorgte Klaus Reinhard sich die Adresse von Alcor, wurde Mitglied und schloß eine Lebensversicherung zugunsten des Vereins ab, mit deren Betrag seine Suspension finanziert wird.
Mit einem Kieler Begräbnisinstitut hat Reinhard für den unvorhergesehenen Todesfall eine Vereinbarung geschlossen: »Die legen mich sofort auf Eis, um weitere Schäden zu verhindern.« Unter den Händen eines kryonisch ungeschulten Leichenbestatters jedoch könnte der Tod ein für allemal eintreten. Reinhard baut deshalb darauf, daß ein Alcor-Rettungsteam rechtzeitig einfliegt, um ihn vom Leben ins Eis zu begleiten. »Die warten an meinem Krankenbett. Und nach meinem Tod können sie sofort den ersten Teil der Gefrierschutzbehandlung vornehmen.«
Leiterin von Alcors mobiler Einsatztruppe ist Tanya Jones. Die schmächtige Blondine _(* Oben: bei der Tiefkühl-Stiftung Alcor ) _(in Phoenix (Arizona); unten: vor den ) _(Alcor-Thermosbehältern. ) hat sich während ihres Studiums intensiv mit Computern, Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Science-fiction beschäftigt. Bis heute schreibt sie Geschichten aus der Zukunft. Ihr Geld verdiente sie als Assistentin eines US-Senators, danach arbeitete sie für das Pentagon. Vor vier Jahren hörte die Informatikerin zum erstenmal von Alcors Existenz. Sie kündigte ihren Job und meldete sich bei Alcor.
Drei, vier Tage vor dem erwarteten Ableben eines Patienten, so schildert die Do-it-yourself-Medizinerin ihren Einsatz, nimmt das Suspensionsteam mit den behandelnden Ärzten Kontakt auf, um im Vorfeld bürokratische und ideologische Widerstände zu brechen. Wenn der Herzstillstand eintritt, ist Eile geboten. Ungefähr zehn Minuten nachdem die Durchblutung des Gehirns aussetzt (Ischämie), treten chemische Reaktionen auf, von denen die Zellen geschädigt werden. Wann der Verfall irreversibel wird, ist umstritten.
Hat sich das Krankenhaus zu einer Todeserklärung im Schnellverfahren bereit erklärt, können Tanya Jones und ihr Team binnen weniger Minuten nach Eintritt des klinischen Todes loslegen. Zu diesem Zweck führen sie ein eigens entwickeltes »Mobile Advanced Life Support System« (MALSS) mit sich, eine Art fahrbaren High-Tech-Operationstisch.
Kaum haben die Krankenhausärzte aufgegeben, heben Alcor-Helfer den Patienten aus dem Sterbebett in die eisgefüllte Plastikwanne des MALSS. Eine Pumpe läßt das Schmelzwasser um die (un-)sterblichen Überreste zirkulieren. Eine Art Herz-Lungen-Maschine preßt ihren schweren, gepolsterten Arm rhythmisch auf den Brustkorb. Tanya Jones setzt einen Luftröhrenschnitt und führt einen Tubus ein. Sauerstoff wird in die Lungen gezwungen, das Blut durch die Adern gepumpt. Dem leblosen Körper werden intravenös Nährlösungen (Glukose) zugeführt sowie diverse Medikamente injiziert.
Als nächstes öffnet Tanya Jones den Oberschenkel und verbindet seine Arterie mit einer speziellen Blutpumpe. An die Stelle des Eigenbluts des Patienten tritt Milliliter für Milliliter Viaspan, eine Lösung, die normalerweise zur Konservierung von Spenderorganen für Transplantationen benutzt wird. Übliche Organspenden wie Herzen und Nieren halten sich in ihr 18 bis 24 Stunden frisch.
Nach rund 4 Stunden ist der Flüssigkeitsaustausch beendet. Die Körpertemperatur liegt nun um die zwei Grad Celsius. Der Patient wird in eine metallene Kiste gehievt, deren Inneres mit einer polsternden Gummischicht verkleidet ist. Die Metallbox wird mit Trockeneis aufgefüllt und in einer schützenden Holzkiste verstaut. Dem Abtransport des Patienten zum Alcor-Hauptquartier steht nichts mehr im Wege.
Wer immer sich in der Kiste befindet, ist nach Ansicht der Schulmedizin gestorben. In den Augen des Alcor-Teams, das sich im Wettlauf mit der Zeit um die Konservierung seiner Person bemüht, ist er jedoch lediglich »deanimiert« - vorübergehend entseelt.
»Obwohl wir die Auffassung der Mediziner für falsch halten«, sagt Stephen Bridge, »sind wir natürlich sehr dankbar für die Möglichkeiten, die sie uns eröffnen.« Ohne offizielles Ableben der betreffenden Alcor-Mitglieder nämlich wäre die kryonische Praxis nicht denkbar. »Da wir keine Ärzte sind, dürfen wir Lebende nicht behandeln.« Außerdem käme kein Geld herein: Die Lebensversicherungen zahlen nur, wenn der Patient für tot erklärt ist.
Aber enthält der Zellhaufen, den die Kryoniker so sorgsam präparieren, noch rekonstruierbares Leben? Das Schwinden der Gewißheiten hat vor dem menschlichen Körper nicht haltgemacht. Auch der Tod ist relativ geworden. Zu welchem Zeitpunkt und in welchem Zustand einer als gestorben gilt, entscheidet sich heute wesentlich danach, wo und unter welchen Umständen er seine letzten Atemzüge macht. In der afrikanischen Steppe wird jemand schon begraben, um dessen Leben man auf der technisch hochgerüsteten Intensivstation eines großstädtischen Krankenhauses weiterhin kämpft. Die von der modernen Medizin gezogene Grenze zwischen Leben und Tod wird vom medizinischen Fortschritt womöglich weiter verschoben werden.
Der Traum, den eigenen Tod zu überleben - wie es die Kryoniker verheißen -, spielte offenbar in vielen Kulturen eine Rolle. Ex-Drogenpapst und Alcor-Mitglied Timothy Leary meint, bereits den Pharaonen sei es um die Speicherung von Körper und Persönlichkeit gegangen. Die ägyptischen Grabmale sieht er als »Reanimationskapseln": »Sie haben die damals höchstentwickelte Technik benutzt. Heute können Mikrobiologen von den Bio-Resten die DNA gewinnen. Der ägyptische Plan hat also funktioniert. In zehn Jahren werden wir die Pharaonen klonen können.«
In späteren Jahrhunderten pflegte man simplere Utopien: »Ich wünschte, man könnte eine Methode zur Konservierung ertrunkener Personen entwickeln, so daß sie später wieder zum Leben erweckt werden könnten«, schrieb der Erfinder des Blitzableiters und amerikanische Politiker Benjamin Franklin 1773. »Ich selbst würde mich am liebsten in einem Faß Madeira aufbewahren lassen.«
Zwei weitere Jahrhunderte verstrichen, bis ein anderer US-Bürger, der Physiker Robert Ettinger, weniger alkoholische Konservierungspläne schmiedete. Der berühmt-berüchtigte Kern seines Pamphlets »The Prospect of Immortality« ("Die Aussicht auf Unsterblichkeit") von 1962 lautet: »Wir müssen nur dafür sorgen, daß unsere Körper nach unserem Tod in entsprechenden Kühltruhen abgelagert werden, bis eine Zeit gekommen ist, in der die Wissenschaft uns helfen kann.«
Ettinger gilt als Gründervater der Kryonik. Ihr erster »Patient« wurde der kalifornische Psychologe James Bedford. Am 12. Januar 1967 starb er an Krebs. Freunde froren ihn ein. Da es noch keine funktionierende Kryonik gab, sorgte die Familie für die Kühlung des Patienten. »Anderthalb Jahrzehnte hatte niemand eine Ahnung, was aus Dr. Bedford geworden war«, sagt Stephen Bridge.
Reporter, die an einem Bericht über Alcor arbeiteten, stöberten den Verschollenen schließlich in einer kleinen Miet-Lagerhalle auf. »Alle zwei Wochen nahmen sich seine Frau oder sein Sohn oder seine Schwiegertochter frei, fuhren zu dem Lager und warteten auf den Laster, der den Stickstoff-Nachschub anlieferte.« Der Alcor-Präsident schüttelt den Kopf: »Die taten das aus Anhänglichkeit, obwohl sie selbst nicht an die Kryonik glaubten.«
Sie machten es auch gegen den Widerstand der restlichen Familie, die das Experiment abbrechen und den Alten endlich begraben wollte. Die Zukunft des ersten kryonischen Patienten schien so gut wie zu Ende. Da entschloß sich Alcor, den Pionier unter seine Obhut zu nehmen. »Seit 1989«, sagt Stephen Bridge, »haben wir Dr. Bedford in unserem Lager.«
Zwischen dem Patienten-Lager und den Büroräumen liegt Alcors Operationssaal. Der frischgeschrubbte OP-Tisch hat Wannenform. Die hohen Ränder verhindern, daß Tauwasser und die diversen Körperflüssigkeiten des Patienten auf den Boden fließen. An der Längsseite des OP-Tisches steht ein Computer. Er steuert die Infusion des Frostschutzmittels in die Blutbahn und berechnet, wie das Mittel ins Gehirn eindringt.
Wenn die Ankunft eines Patienten bevorsteht, kontrolliert Tanya Jones ein letztes Mal die Ausrüstung: die stationäre Herz-Lungen-Maschine, den Vorrat an Medikamenten und Frostschutzmitteln, das Handwerkszeug für den Chirurgen, einen gelernten Tierarzt, den Alcor anheuert, um in den schwierigen Phasen das Skalpell zu führen.
Der Eingriff dauert knapp zwei Stunden. Die Brust des Patienten wird geöffnet, der Miet-Chirurg legt einen Herz-Bypass an und kappt die Verbindungen zur Lunge. Ein effektiverer Kreislauf wird so direkt vom Herzen zum Gehirn und zurück etabliert. Erneut muß ausgetauscht werden, was durch die Adern des Untoten fließt. An die Stelle des zuvor eingepumpten Organkonservierungsmittels tritt das Frostschutzmittel Glycerin. Rund fünf Stunden läuft die Perfusion.
Ungefähr eine Stunde nach Beginn der Glycerin-Zufuhr bohrt der Chirurg ein Guckloch in den Schädel des Patienten. Es dient der Beobachtung möglicher Ödeme im Gehirn. Bei idealem Verlauf kann das Team durch die Öffnung beobachten, wie sich das Gehirn vom Schädel zurückzieht: Zeichen für die Trockenlegung der Zellen. Am Ende hat sich zwischen Schädeldecke und Gehirn eine Kluft von zwei bis drei Zentimetern aufgetan.
Im Falle der Neuro-Patienten ist nun der Moment gekommen, in dem der Kopf vom Körper getrennt wird. Den Schnitt setzt der Chirurg zwischen dem sechsten und siebten Halswirbel. Anschließend heftet er den offenen Nacken zum Schädel hin mit einer Art Hautklammer zusammen. Der so verschlossene Schädel wird in ein automatisches Gefriersystem gesteckt. Es wurde eigens für Alcor entwickelt und ähnelt einer Jumbo-Camping-Kühlbox. Da der Restkörper randvoll ist mit Frostschutzmittel, fällt er unter Sondermüll. »Die Überreste der Neuro-Patienten können wir nicht einfach begraben«, erklärt Tanya Jones. »Am besten und billigsten ist Verbrennung.«
Hat der Patient hingegen für eine Ganzkörper-Präservation bezahlt, wird ihm die Brust wieder zugenäht, sein Körper wird in eine Plastikplane eingewickelt und langsam in ein Silikonöl-Trockeneisbad getaucht, das in einer Art Badewannensarg vorbereitet wird.
Die fürs erste angestrebte Abkühlung auf minus 97 Grad Celsius dauert darin ungefährt 36 Stunden. Danach wird der Patient in einen Plastikschlafsack gehüllt und Zentimeter für Zentimeter in ein Stickstoff-Bad gesenkt. Nach zwei Wochen ist die Endlagertemperatur von minus 196 Grad erreicht. Sie stellt alle biologischen Abläufe still. Über Tausende von Jahren wird, wie bei Ötzi, im Innern des konservierten Körpers keinerlei Veränderung stattfinden. Seine Eiszeit beginnt, und mit ihr das lange Warten auf die Wiedererweckung.
Außerhalb der eisigen Heimstatt des Patienten läuft das Leben weiter. Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte verstreichen. Heute unheilbare Krankheiten werden heilbar. Den Genforschern gelingt es, das Wachstum von Zellen zu kontrollieren. Der Alterungsprozeß kann angehalten werden. Nanotechniker entwickeln winzige Bio-Roboter. Sie vermögen beschädigte Zellen innerhalb des Körpers zu reparieren. Bereits vollzogenes Altern kann rückgängig gemacht werden. Forever young und unrettbar gesund, erinnern sich die zukünftigen Menschen - allen voran die Mitglieder von Alcor - der kryonautischen Zeitreisenden aus dem 20. Jahrhundert.
Wenn die Stunde ihrer Wiederauferstehung gekommen ist, beginnt - so ist es jedenfalls gedacht - die Rekonstruktion des Gehirns in der »Revival Unit«, einer halb organischen, halb anorganischen Maschine. Die Temperatur des Kühl-Kopfes wird auf minus 130 Grad angehoben. Mikroskopisch kleine Reparatureinheiten räumen die Blutbahnen von Eis frei, bis neue Kühlflüssigkeit ungehindert zirkulieren kann.
In ihr navigieren Trillionen knapp zellgroßer Bio-Roboter und beseitigen die Gefrierschäden an den Zellen. Die Roboter entnehmen DNS-Proben. Aus ihnen wird die intakte Erbsubstanz rekonstruiert. Reparatur-Enzyme setzen im Schädel die Reprogrammierung der DNS in Gang. Zellanalysen liefern alle notwendigen Informationen, um für die Neuro-Präservierten im Bio-Labor einen neuen, genetisch verbesserten Körper heranwachsen zu lassen. Schließlich wird der aufgetaute Schädel mit dem rekonstruierten Körper vereinigt.
So jedenfalls will es die Alcor-Utopie. Damit dieses Tiefkühl-Märchen dereinst wahr wird, müßten zwei »Techniken der Unsterblichkeit« weiterentwickelt werden: Gen-Manipulation und Nanotechnologie. Die jüngsten Fortschritte auf beiden Gebieten scheinen den Kryonikern vielversprechend.
Insbesondere die DNS-Decodierung geht schnell voran. Durchschnittlich jeden Tag wird ein weiteres Gen identifiziert - von jenen, die die Augenfarbe bestimmen, bis zu jenem, das zum Darmkrebs disponiert. Am Ende dieser Entwicklung könnte nicht nur die Rekonstruktion ausgestorbener Gattungen aus ihrer DNS a la Jurassic-Park stehen, sondern auch die Rekonstruktion des verstorbenen Körpers aus der DNS des kryonisch »überlebenden« Schädels.
Für Alcor rangiert die Produktion eines neuen Körpers jedoch an zweiter Stelle der Dringlichkeitsliste. Vorrangig ist die Reparatur der Gefrierschäden am Gehirn des Kryonauten. Für sie sind Fortschritte in der Nanotechnologie entscheidend.
Ziel dieser Technologie ist die Manipulation der Materie im Bereich der Atome. »Soweit ich erkennen kann«, meinte der spätere Nobelpreisträger Richard Feynman 1959, »sprechen die Prinzipien der Physik nicht gegen die Möglichkeit, die Dinge Atom für Atom zu bewegen.«
In seinem bahnbrechenden Buch »Engines of Creation« entwickelte der amerikanische Ingenieur Eric Drexler 1987 das Konzept molekularer Maschinen. Da sich auf der molekularen Ebene ein Tisch und ein Gehirn lediglich durch die verschiedene Anordnung ihrer Atome unterscheiden, könnten Molekular-Roboter theoretisch jede Struktur der materiellen Welt nachbauen, sei sie belebt oder unbelebt. Voraussetzung dafür wäre die Kenntnis des jeweiligen atomaren Bauplans.
In der Praxis ist die Nanotechnologie von der Produktion solcher Molekular-Maschinen noch weit entfernt.
Niemand wagt zu schätzen, wieviel Zeit vergehen wird, bis Nanoroboter, kaum größer als ein Virus und mit der Rechenkraft eines heutigen PC, in den menschlichen Blutbahnen kreisen, um dort Krebszellen Atom für Atom wegzuräumen - oder um irgendwann die Gefrierschäden in den Gehirnen derer zu reparieren, die in Alcors Kühltanks treiben. Y
*** Von griech. kryos = Kälte und engl. suspension = Aufhängung,Aufschub. ** Der SPIEGEL-Beitrag basiert auf dem Bericht"KryoKonserven« von Gundolf S. Freyermuth, der im Kursbuch 119"Verteidigung des Körpers« erscheint. * Bei der Tiefkühl-StiftungAlcor in Phoenix (US-Bundesstaat Arizona).* Oben: bei der Tiefkühl-Stiftung Alcor in Phoenix (Arizona); unten:vor den Alcor-Thermosbehältern.