Deutschland im Frühling - DER SPIEGEL
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Deutschland im Frühling

• aus DER SPIEGEL 18/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war ein Mai mit allem, was dieser Monat verspricht, mit Sonne und blühenden Wiesen. Die Deutschen erlebten ihn auf einem Trümmerfeld: Verwüstetes Land, zerbombte Städte - was die Welt durch den Eroberungskrieg des Nazi-Reichs an Elend erlitten hatte, war mit voller Wucht auf sie zurückgeschlagen. Das »tausendjährige Reich«, das ihr Führer Adolf Hitler ihnen verheißen hatte, war erloschen. Besiegt war die deutsche Armee, die halb Europa bekämpft und besetzt hatte. Über 55 Millionen Tote forderte der Zweite Weltkrieg insgesamt, darunter etwa 7 Millionen Deutsche. 12 Millionen Wehrmachtsoldaten marschierten, oft für viele Jahre, in die Gefangenschaft. 9,5 Millionen Menschen waren auf der Flucht vor der Roten Armee von Ost nach West. Und doch konnte kein Zweifel sein: Dieser Mai 1945 brachte Frieden und Befreiung. Vorbei waren, wie der Schriftsteller und Emigrant Alfred Kantorowicz notierte, »zwölf Jahre, die die Verbrechen von tausend Jahren angehäuft haben«.
*GESCHICHTE-3 *

Um Europa von den Deutschen zu befreien und den Deutschen die Diktatur auszutreiben, bedurfte es einer gewaltigen Kriegskoalition aus höchst ungleichen Partnern. Die Russen verloren dabei etwa 14 Millionen Soldaten, bei den Westalliierten fielen rund eine Million. Kaum war die deutsche Wehrmacht bezwungen, driftete das Bündnis auseinander - wenn auch zunächst nur in Prestigefragen. Die Russen bestanden darauf, die bereits am 8. Mai besiegelte Kapitulation in ihrem Berliner Hauptquartier noch ein weiteres Mal zu vollziehen - einen Tag später.

Aber schon bald war offenkundig, daß die Sowjetarmee das einmal eroberte Territorium so rasch nicht wieder preisgeben würde. Mit deren Soldaten mußten die Deutschen nun leben, oft genug in Todesangst: Gewalt an Zivilisten und Vergewaltigung von Frauen waren alltäglich, während des Krieges und auch noch danach. Erst allmählich normalisierte sich der Umgang der Bevölkerung mit den sowjetischen Besatzern - die sich dann für einige Jahrzehnte an der »Friedensgrenze« zwischen den Machtblöcken festsetzten.

Wie die Amerikaner in Farbe, seinerzeit noch ungewöhnlich, hielten die Russen ihr Leben in Deutschland in schwarzweißen Aufnahmen fest. Bisher unbekannte Bilder schoß der damalige Tass-Fotograf Boris Puschkin. 400 seiner Fotografien erwarb jüngst das Deutsche Historische Museum in Berlin - von denen der SPIEGEL nun erstmals eine Auswahl veröffentlicht.

Überlebende im befreiten Konzentrationslager Dachau

R. STEININGER

Göring, nach seiner Festsetzung, bei einer Pressekonferenz

ULLSTEIN

Russischamerikanische

Verbrüderung an der Elbe, KZ-Opfer in Buchenwald (u.)

ULLSTEIN

ULLSTEIN

Deutsche Kriegsgefangene im Rheinland, zerstörte MAN-Werke bei Nürnberg (u.)

Ausgebombte Deutsche, Wasserzuteilung in Berlin (u.)

R. STEININGER

B. PUSCHKIN

Wehrmachtssoldat bei der Festnahme

R. STEININGER

Befreite Zwangsarbeiter in Berlin, abgestürzter deutscher Jäger (u.)

B. PUSCHKIN

NATIONAL ARCHIVES

R. STEININGER

R. STEININGER

Amerikanisches Lager für deutsche Kriegsgefangene auf den Rheinwiesen bei Bonn

R. STEININGER
*GESCHICHTE-3 *

Wo die Sieger sich trafen, gab es erst einmal Feiern. Doch Siegern wie Besiegten wurde nun auch offenbar, welches Ausmaß die nationalsozialistische Barbarei in den zwölf Jahren angenommen hatte. Über sechs Millionen Menschen, in der großen Mehrheit Juden, fielen dem NS-Rassenwahn zum Opfer.

Auf den Suchlisten der Alliierten standen die Namen von rund einer Million Deutschen, die als Kriegsverbrecher in Frage kamen. Doch keiner wollte es gewesen sein - nicht einmal einer der Hauptverantwortlichen für die großdeutschen Weltherrschaftsgelüste, der Hitler-Paladin und Reichsmarschall Hermann Göring.

Auf die Frage, ob er wisse, daß er als Kriegsverbrecher gesucht werde, antwortete Göring: »Nein. Das überrascht mich sehr, denn ich wüßte nicht, warum.« Allen Ernstes gab der Reichsmarschall noch bekannt, er wolle mit dem US-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower »von Mann zu Mann« über Deutschlands Zukunft verhandeln.
*GESCHICHTE-3 *

Die bedingungslose Kapitulation am 8. Mai 1945 war das Schlußwort zum größten Zusammenbruch Deutschlands in seiner Geschichte. Was von der Militärmaschinerie noch übriggeblieben war, kam in die Gewalt der Alliierten. Auf ihre Wirtschaft - die den Krieg in Gang gehalten hatte und schließlich durch ihn ausgezehrt worden war - konnten die Deutschen in dieser Stunde Null nicht mehr rechnen.

400 Millionen Kubikmeter Trümmer bedeckten das untergegangene Dritte Reich; Städte wie Köln, Dortmund oder Kassel waren zu zwei Dritteln zerbombt. »Staub, Puder der Zerstörung«, notierte der Schriftsteller Heinrich Böll, »drang durch alle Ritzen.« Versorgungs- und Verkehrsnetze waren kaum noch brauchbar.

Wo vor dem Krieg vier Deutsche zusammenlebten, drängten sich nun zehn, und aus dem Osten treckten Millionen Vertriebene heran. Zur Wohnungsnot kam der Hunger. Schwarzmärkte blühten auf, gehandelt wurde mit allem, was überleben half - doch es reichte bei weitem nicht. Ein russischer Augenzeuge schrieb auf: »Menschen essen Gras und Rinde von den Bäumen.«
*GESCHICHTE-3 *

Als Staat, als Macht und als Doktrin ist das Deutsche Reich völlig zerstört«, triumphierte Frankreichs Resistance-Führer Charles de Gaulle nach dem 8. Mai. Auf Gnade und Ungnade waren die Davongekommenen den Siegern ausgeliefert - und die hatten darüber, was aus den Besiegten nun werden sollte, sehr verschiedene Vorstellungen.

»Es muß den Deutschen klargemacht werden, daß Deutschlands rücksichtslose Kriegführung und der fanatische Widerstand der Nazis die deutsche Wirtschaft zerstört und Chaos und Leiden unvermeidlich gemacht haben«, so begründeten die Amerikaner das schon vor der Kapitulation beschlossene Umerziehungsprogramm. Aus den Untertanen sollten jetzt endlich gute Demokraten geformt werden. Ein hartes Stück Arbeit: »Schwere geistige Krankheit« hatte eine Forschungsgruppe um den emigrierten Sozialpsychologen Erich Fromm den autoritätsgläubigen Deutschen zugeschrieben und eine radikale Therapie empfohlen.

Moskaus Statthalter, angeführt von dem schon Ende April eingeflogenen Exil-Kommunisten Walter Ulbricht, hatten es da leichter: Aus Volksgenossen mußten nur Genossen werden. »Wer immer ein Gebiet besetzt«, so hieß das mit den Worten des Kreml-Herrschers Josef Stalin, »erlegt ihm auch sein eigenes gesellschaftliches System auf.«

Daß die Zukunft der besiegten Nation auf längere Sicht nicht allein in den Händen der Besatzer liegen konnte, machten sich Realisten wie der britische Premier Winston Churchill allerdings schon damals klar. »Wir werden nie in der Lage sein«, belehrte er seinen Außenminister Eden, »Deutschland ohne die Deutschen zu regieren.«

Bald nach dem Mai regte sich erneut politisches Leben zwischen den Ruinen. Und gut vier Jahre später hatten die Deutschen wieder ihre Regierung, diesmal gleich zwei.

Aus dem Patienten Deutschland war schließlich ein Bündnispartner geworden - gespalten, auf verschiedenen Seiten des Ost-West-Konflikts. Bis die Teilung, bittere Spätfolge aus dem großdeutschen Abenteuer, wieder überwunden war, vergingen 45 Jahre. Y

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