Geld Kein Fleisch, kein Gesang
Auf dem kleinen Metallschild am Haus Lange Straße 54 in der niedersächsischen Kleinstadt Sulingen stehen neben der Klingel nur die Initialen VfK. Hinter dem Kürzel verbirgt sich der »Verein für Kreditgeschädigte«.
Es sind durchaus rechtschaffene Schuldner, die auf die Klingel drücken: Ihr Geld haben sie weder durch einen Bestellkoller angesichts irgendeines Versandhauskatalogs noch durch kriminelle Kredithaie verloren. Die Klienten des Sulinger Vereins sind beim Versuch, ihren Traum vom eigenen Heim umzusetzen, abgestürzt - und sahen sich zumeist in ein Horrorszenario versetzt.
Wenn Schuldner ihre Geschichte erzählen, leidet Christa Lobner bis heute mit. »Dort drüben«, sagt die 53jährige und weist aus dem Fenster zum gegenüberliegenden Amtsgericht, »lief die Zwangsversteigerung unseres Hauses.« Vor zehn Jahren hat sie den VfK gegründet, den das Land Niedersachsen ** Christa Lobner: »Allein gegen die Banken«. _(Heyne Verlag, München; 160 Seiten; 14,90 ) _(Mark. * Vor ihrem zwangsversteigerten ) _(Haus in Weddingstedt. ) als »modellhafte Schuldnerberatung für Baufinanzierungen« anerkannte und finanziell unterstützt.
Die Investition des Landes ist offenbar nötig: Während die Banken 1993 Rekordüberschüsse von 34 Milliarden Mark einfuhren, haben die Deutschen 1,1 Billionen Mark private Schulden. Und den Hauptteil machen Kredite für Häuser und Wohnungen aus (729 Milliarden).
Das eigene Schuldnerschicksal hat die Mutter von vier Kindern nun aufgeschrieben: »Allein gegen die Banken« heißt ihr erstes Buch, von dem derzeit täglich rund 800 Exemplare verkauft werden (siehe Interview Seite 130)**. Ihr Ratgeber, in dem sie vor unseriösen Tricks von Geldinstituten warnt, ist nicht nur für bauwillige Leser von hohem Nutz- und Unterhaltungswert.
Lobner schert sich wenig um schriftstellerische Eleganz. Mit derbem Humor zeichnet sie ihren Weg in den Bankrott nach, ohne mitleidheischendes Brimborium berichtet sie von fintenreichen und mitunter hilflosen Versuchen, den freien Fall ins Schuldenloch zu stoppen. Mahnbriefe beispielsweise warf sie ungeöffnet in den Kamin.
Sie reagierte zunehmend panisch, fühlte sich als Versagerin. Als die Zwangsversteigerung ihres Hauses in der Zeitung annonciert wurde, ging sie wie immer zur Arbeit in die Schulbücherei. Die Zeitung lag im Lehrerzimmer aus. Und alle hatten sie bereits gelesen.
»In dem Moment«, berichtet Lobner, »habe ich mich schrecklich gefühlt, es gab nur die Alternative: Voll nach vorn oder mich verstecken.« Die bislang eher Schüchterne wählte die Offensive, und sie hatte Glück. Gelder aus einem Versicherungsschaden wurden fällig, ein Freund lieh ihr in letzter Minute 10 000 Mark. Die bereits angesetzte Zwangsversteigerung ihres Hauses war abgewendet.
Vor ihrem Desaster war Lobner auf die Schönrechnerei der Banken hereingefallen: Die anfängliche Monatsbelastung von 950 Mark war nach vier Jahren auf 3900 Mark angewachsen. Doch nun las sie sich ins Bankrecht ein, studierte Finanzierungsmodelle - und plötzlich entdeckte die einst blauäugige Kreditnehmerin, daß ihr Wissen die Bankleute beeindruckte. Die zuvor unerbittlichen Banker ließen sich auf Vergleiche ein, die Lobners Gesamtschuld von 400 000 Mark halbierten.
Als sich Freunde und Nachbarn, die ebenfalls mit ihrer Hausfinanzierung eingebrochen waren, an sie wandten, gründete Lobner mit zwölf Gleichgesinnten den Verein. Denn, so sagt sie, oft seien Schulden das Ergebnis undurchschaubarer, falscher oder gar skrupelloser Beratung am Bankschalter.
Ursula Marsch beispielsweise schaltete den VfK ein, weil sie sich von den Banken hereingelegt fühlte. Die Belastungen für den Kredit in Höhe von 300 000 Mark, von den Banken schöngeredet, stiegen von Jahr zu Jahr: Nach fünf Jahren wurde ihr Haus, das sie 1981 in Weddingstedt in der Nähe von Husum gebaut hatte, zwangsversteigert. Noch heute ist sie mit rund 200 000 Mark verschuldet.
Den Beratungspfusch von Bankern belegt auch eine Untersuchung der Stiftung Warentest. Jeder dritten Bausparkasse, darunter Branchengrößen wie Wüstenrot, bescheinigten die Tester mangelhafte Beratung.
Mitunter jahrelang mühen sich die Opfer solch fragwürdiger Praktiken, ihre Schulden geheimzuhalten. »Zu uns kommt die Mittelschicht. Lehrer, Polizisten, Ärzte; einmal hatten wir sogar einen Gerichtsvollzieher«, berichtet Lobner.
Bevor die Schuldner versuchen, ihr Haus mit Hilfe des VfK zu retten, haben sie Erfahrungen mit Banken gemacht, die nur komisch finden kann, wer - gemäß dem Werbespruch einer Bausparkasse - noch auf eine Zukunft für sein Zuhause vertraut. Geld sparen, Kosten senken, rieten die Kreditgeber den Kunden in der Krise.
Die Frau müsse aus dem Gesangverein austreten, der Mann aus der Gewerkschaft, der Sohn aus dem Fußballklub. Modernes Ernährungsbewußtsein wurde einem durch seinen Hausbau in Not geratenen Arzt abverlangt. Zweimal Fleisch in der Woche, belehrte ihn ein Banker, sei ausreichend.
Über neue Spartips hat auch der VfK nachgedacht. Im Sommer erscheint Lobners zweites Buch, ein Kreditratgeber für Bauwillige. Die Autorin ist von der Qualität der Ratschläge überzeugt: »Ich habe gerade ein Doppelhaus gebaut - und diesmal lande ich ganz sicher nicht bei der Zwangsversteigerung.«
** Christa Lobner: »Allein gegen die Banken«. Heyne Verlag, München;160 Seiten; 14,90 Mark. * Vor ihrem zwangsversteigerten Haus inWeddingstedt.