»Jedesmal gezittert« - DER SPIEGEL
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»Jedesmal gezittert«

• aus DER SPIEGEL 19/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Frau Lobner, Sie hatten Schulden von 400 000 Mark angehäuft, Ihr Haus sollte zwangsversteigert werden. Ist eine Bankrotteurin die Richtige, um verschuldeten Bauherren oder Wohnungskäufern zu helfen?

Lobner: Ich möchte meine Erfahrungen und Erlebnisse weitergeben. Die Leute wollen von ihren Schulden runter, und sie haben Vertrauen zu mir, weil ich genau das geschafft habe.

SPIEGEL: Ihr Buch »Allein gegen die Banken« ist ein überraschender Verkaufserfolg - warum?

Lobner: Mir schreiben viele Leser, daß sie sich in meiner Schuldengeschichte wiedererkannt haben. Allein das empfinden sie schon als hilfreich.

SPIEGEL: Banker dürften größere Identifikationsschwierigkeiten haben . . .

Lobner: Der Bundesverband deutscher Banken hat eine Medienagentur beauftragt, das Buch vorzustellen. In dem Text, den die Agentur dann an die Rundfunksender geschickt hat, ist von mir als der »Frau mit der Wut im Bauch« die Rede. So, als ob ich keinen Kopf hätte und nicht nachdenken könnte, als ob ich blindwütig gegen Banken vorgehe.

SPIEGEL: Wie haben Sie Ihre Schuldenzeit überstanden?

Lobner: Jede Nacht bin ich wach geworden und habe gerechnet und gerechnet: Wie kriegst du das in den Griff. Neben meinem Job als Sekretärin habe ich gekellnert, auf Schützenfesten habe ich noch nachts am Imbiß gearbeitet, bis ich selber wie ein Bratwürstchen roch. Vor lauter Schuldenstreß bekam ich Gallenkoliken.

SPIEGEL: Wie haben Freunde oder Kollegen reagiert?

Lobner: Ich habe versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Bei Betriebsfesten oder Geburtstagen habe ich mich immer mit irgendeinem Vorwand entschuldigt. Ich hatte schlicht kein Geld für einen Blumenstrauß. So habe ich mich natürlich immer mehr abgekapselt. Vor unseren Schulden hatten wir einen großen Freundeskreis, und plötzlich waren wir sehr allein.

SPIEGEL: Wie lange konnten Sie Ihre Schulden verbergen?

Lobner: Bis unsere Gehälter gepfändet wurden, danach natürlich nicht mehr.

SPIEGEL: Wie fanden das Ihre Arbeitgeber?

Lobner: Mein Mann arbeitete bei der Bundeswehr. Wegen unserer Schulden stand dann eines Tages jemand vom Militärischen Abschirmdienst auf unserer Matte und sagte zu meinem Mann: »Du bist ja für uns ein absolutes Sicherheitsrisiko.« Als wir unsere Schulden durch zähes Verhandeln über Vergleiche endlich los waren, kam der Mann von der James-Bond-Abteilung noch einmal. Der dachte wohl, wir hätten einen Scheck vom bösen roten Onkel gekriegt.

SPIEGEL: Wie bringt man mit so hohen Monatsraten seine Familie durch?

Lobner: Jeden Freitag, wenn wir versuchen mußten, bei der Bank das Haushaltsgeld für die nächste Woche loszueisen, haben wir gezittert. Am Küchentisch haben wir ausgewürfelt, wer gehen mußte. Manchmal haben wir die Kinder geschickt. Heute bedauere ich das, aber es hat auch dazu geführt, daß meine Kinder ein vorsichtiges Verhältnis zu Banken entwickelt haben.

SPIEGEL: Bekamen Ihre Kinder das Geld?

Lobner: Meine Töchter haben oft nur 80 Mark gekriegt. Da mußte ich am Montag noch mal hin. Vorher habe ich einen Piccolo getrunken, damit ich den Bankmitarbeiter irrsinnig anlächeln konnte.

SPIEGEL: Nachdem Ihr Fall geregelt war, was hat Sie da bewegt, anderen Schuldnern beizustehen?

Lobner: Den Auslöser, den Verein zu gründen, lieferten mehrere Finanzierungen der Bausparkasse Mainz. Ich habe die als so schamlos empfunden, daß ich dachte, so kann's nicht weitergehen. Geldinstitute können verkaufen, was sie wollen, und keiner haut ihnen das um die Ohren.

SPIEGEL: Welcher Fall hat Ihnen am meisten zu schaffen gemacht?

Lobner: Als eine geistig behinderte Frau von einer Bank um ihr ganzes Vermögen gebracht wurde, ein Vermögen im Wert von 1,5 Millionen Mark. Als sie Kreditverträge abschloß, hatte sie ihren Landbesitz als Sicherheit eingesetzt.

SPIEGEL: Warum akzeptierte die Bank bei den Kreditverträgen Unterschriften eines geistig behinderten Menschen?

Lobner: Man behauptete, man hätte sich vor Vertragsabschluß vom geistigen Zustand der Frau überzeugt. Obwohl das schon ein ungewöhnliches Verfahren ist, daß sich ein Notar durch Augenschein bei den Vertragsparteien davon überzeugt, daß sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind. Den Geisteszustand des anwesenden Bankdirektors hat er übrigens nicht überprüft. Die Frau galt so lange als geschäftsfähig, wie sie Vermögen hatte. Erst als die Zwangsversteigerung anstand, wurde ein Gericht tätig und stellte sie unter Vormundschaft. Das Gutachten, das dann vom Gesundheitsamt gemacht wurde, bescheinigte juvenile Demenz.

SPIEGEL: Was ist passiert, als Sie den Fall aufgedeckt haben?

Lobner: Genaugenommen nichts. Nachdem das Fernsehen über den Fall berichtete, hat sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, aber da war schon alles verjährt. Obwohl die Beweiskette dicht ist, kann man das Vermögen der Frau nicht mehr zurückholen.

SPIEGEL: Was hat Ihr Verein bislang erreicht?

Lobner: Mehr als tausend Leute haben sich bei uns beraten lassen. Und bei einigen wenigen Fällen erzielen wir auch mal ein Traumergebnis - wenn wir es mit Hilfe eines Rechtsanwaltes schaffen, jemanden von 200 000 auf 26 000 Mark Schulden runterzuvergleichen. Wir wollen in die Geschäfte von Banken mit ihren Kunden wieder eine andere Moral reinbekommen, ein neues Fair play.

SPIEGEL: Sie kritisieren einige Bankgeschäfte als »legalen Raub«.

Lobner: Das ist mehr als verbale Kraftmeierei. Ein Beispiel: In einer Hochzinsphase hat ein Bankmitarbeiter einem unserer Klienten einen Kreditvertrag über 300 000 Mark angedreht. Wenn der klar gesagt hätte: »Liebe Frau, der Zins liegt bei 13,5 Prozent«, dann hätte sie schnell ausrechnen können, daß sie eine Zinsbelastung von 40 500 Mark im Jahr hat. Bei einem Bruttoeinkommen, das genauso hoch ist, hätte sie das wohl nicht gemacht.

Aber wenn der Bankmitarbeiter nur die monatliche Anfangsbelastung nennt und sie trickreich auf 1147 Mark monatlich berechnet, hat der für mich den Kunden aufs Glatteis geführt. Denn diese Summe hat vielleicht nur im ersten Jahr Bestand, dann steigt sie. Der Bankmitarbeiter weiß das.

SPIEGEL: Ist eine Bank für die Dummheit von Kunden verantwortlich, wenn diese Verträge abschließen, die in eine Schuldenspirale führen?

Lobner: Es ist andersherum. Bausparkassen tarnen ihre Mogelpackungen wie kriminelle Vereinigungen ihre konspirativen Wohnungen. Allein die Vielfalt bankerischer Wortschöpfungen kann der Laie nicht mehr nachvollziehen. Für den ist Kredit Kredit. Was sagen ihm Begriffe wie Auffüll- und Zwischenkredit oder, noch schöner, Idealkredit?

SPIEGEL: Wie kriegen Sie die Banken dazu, auf Vermittlungsversuche Ihres Vereins einzugehen und Schuldnern hohe Summen zu erlassen?

Lobner: Die Banken haben erkannt, daß wir über genug Fachwissen verfügen, um ihre Finanzierungsmodelle zu überprüfen. Wenn Banken mit Sprüchen wie »Am Anfang steht das Vertrauen« werben und wir darstellen können, daß sie dieses Vertrauen schamlos ausgenutzt haben, ist das so rufschädigend, daß sie sich lieber auf Gespräche einlassen, um zu einer Regelung zu kommen.

SPIEGEL: Gibt es auch andere Reaktionen?

Lobner: Manchmal kaufen Banken den Kreditnehmern ihr Schweigen regelrecht ab. In einem Fall hat die Bausparkasse Schwäbisch Hall einer Familie sehr hohe Schulden erlassen. Dafür mußte sich die Familie verpflichten, ihren Fall nicht öffentlich zu machen. Denn sonst wären auf die Bank riesige Regreßansprüche zugekommen.

SPIEGEL: Mit der Parole »Der Traum vom Eigenheim - Schulden bis ins Grab« haben Sie mit hochverschuldeten Bauherren vor der Deutschen Bank in Frankfurt demonstriert . . .

Lobner: Da sind wir von der Straße weg zu Partyhäppchen in die oberen Etagen gebeten worden. Anschließend hat die Deutsche Bank erklärt, bei Finanzierungsnotständen wolle sie großzügig helfen, aber passiert ist nichts.

SPIEGEL: Sie fordern, daß Banken Schuldnerberatungsstellen aus einem Fonds finanzieren sollen.

Lobner: Da gilt für mich das Verursacherprinzip, wie in der Umweltpolitik. Wenn einer Müll produziert hat, muß er dafür geradestehen. Warum soll das nicht für die Schulden gelten, die durch schlechte Beratung von Banken produziert wurden? Y

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