Kult in heiligen Hütten
Im Herbst vergangenen Jahres legte der Prager Archäologe Miroslav Verner in Abusir, dem Friedhof der Sonnenkönige aus der 5. Dynastie, eine zerbröselte Pyramide frei. Plötzlich stieß er auf eine Leiche.
»Die Frau war etwa 25 Jahre alt, hatte grazile Finger und schlanke Beine«, beschreibt Verner seinen Fund. »Vom Bauch abwärts ist der Körper völlig intakt.« Auch die Identität der Toten glaubt der Forscher ermittelt zu haben: »Es war die Königin Reput-Nub.« Die Dame starb vor rund 4400 Jahren.
Steht den Mumienforschern damit eine kleine Sensation ins Haus? Der bislang älteste erhaltene Schrumpfkörper Ägyptens liegt im Grab des Hofsängers Nefer in Sakkara. Wahrscheinlich war es der Schwiegersohn des Musikus. Der Mann verschied rund 50 Jahre später als Reput-Nub.
Bei seiner Autopsie, über die in Fachblättern noch nicht berichtet wurde, ermittelte Verner weitere Merkwürdigkeiten: »Die Frau wurde einer Excerebration unterzogen.« Im Klartext: Die Balsamierer hatten der Verstorbenen mit einem Kupferhaken das Gehirn aus den Nasenlöchern gezogen. Diese Präparationstechnik war bislang nur aus viel späterer Zeit bekannt.
Seit ihrer Entdeckung lagert die vertrocknete Leiche in einem verplombten Magazin. Ein C-14-Labor erhielt winzige Gewebeproben, um eine Datierung vorzunehmen. Verstorbene Ahnen außer Landes zu bringen gilt in Ägypten mittlerweile als Kapitalverbrechen.
Das war nicht immer so. Wohl Zehntausende der Wickelkörper wanderten in den letzten Jahrhunderten übers Mittelmeer nach Europa. Zerstampft und pulverisiert boten Apotheker sie als heilkräftiges »Mumia« feil.
Raubbau an den Nil-Zombies begingen aber auch die Archäologen selbst. Unzählige der im 19. Jahrhundert ins Abendland verfrachteten Leichen vergammelten wegen unsachgemäßer Lagerung in den Museen. Sie setzten Schimmel an, ihre Binden zerfielen.
Dennoch sind noch viele der umwickelten Schattenwesen erhalten. Im Mumiensaal des Museums in Kairo (Eintritt: 13 Mark) sind neun der schönsten Königsmumien des Neuen Reichs aufgebahrt. Die weniger ansehnlichen liegen im Lager. Auch das Ägyptische Museum in Berlin besitzt knapp 70 altägyptische Leichen.
Die mit Harz und Bitumen gesalbten Toten zeugen von der postletalen Fürsorge, welche die Ägypter ihren Verstorbenen angedeihen ließen. Wohl keine Kultur hat je solch einen Aufwand betrieben, um das Verfallsdatum ihrer Ahnen hinauszuschieben.
Schon in der 1. Dynastie, vor knapp 5000 Jahren, scheint sich die Balsamierkunst zum Handwerk ausgebildet zu haben. Versteckt hinter Schakal-Masken, dem Zeichen des Totengotts Anubis, gingen die Präparatoren ans Werk. Bei der Dehydrierung der Leichen kam Kochsalz oder Natron zum Einsatz.
Danach wurde den Toten mit Obsidianmessern die Bauchdecke aufgeschlitzt. Die Präparatoren entnahmen die inneren Organe: Leber, Darm, Niere und Lunge plumpsten in Natronlösung, oder sie wurden, zu kleinen Würsten geformt, mit harzgetränkten Leinenstreifen umbunden und in flaschenähnlichen Gefäßen gesondert verwahrt.
Das Herz verblieb im Körper und erhielt noch eine steinerne Doublette, den Herz-Skarabäus. Hernach stopften die Anubis-Diener die leeren Bauchhöhlen mit Sägespänen voll.
An welchen Orten die Totengott-Priester ihre Leichenmanipulationen vornahmen, ist bis heute ungeklärt. Die Hamburger Mumienexpertin Renate Germer vermutet, daß die Balsamierung wegen des Wasserbedarfs und des Gestanks »in luftig konstruierten Holzbauten direkt am Nil« stattfand.
In diesen heiligen Hütten müssen die Präparationstische gestanden haben, auf denen sich der religiöse Ritus vollzog. Zwei dieser steinernen Spezialmöbel sind erhalten. Sie haben eine angeschrägte Arbeitsplatte, von der das Blut in ein Sammelbecken abtropfen konnte.
Nach erfolgter Dehydrierung ging es ans Wickeln. Die ausgetrockneten Leiber wurden mit Leintüchern verschnürt und mit Bienenwachs oder Bitumen bestrichen. Vor allem im Alten Reich gaben sich die Handwerker dabei große Mühe. Sie modellierten aus dem klebrigen Gewebe plastische Figuren: Brustwarzen und Geschlechtsteile wurden nachgebildet. Im Neuen Reich kam die Mode auf, die Toten in bemalte Särge zu legen.
Um den Leichengeruch zu überdecken, setzten die Präparatoren allerlei Duftstoffe ein. Wacholderbeeren, Moose und Duftflechten kamen als Ingredienzen in die Leichenpakete. Eine Röntgenaufnahme des Pharaos Ramses II. brachte eine Überraschung. Dem König stecken Dutzende - aus Indien importierte - Pfefferkörner in der Nase.
Der Jenseits-Kult der Nil-Bewohner erstreckte sich nicht nur auf den menschlichen Leib. Auch Spezereien wie Rindfleischscheiben und Hühnchen wurden mit Kiefernharz haltbar gemacht und den Toten als Freßpakete mit ins Jenseits gegeben.
Im Neuen Reich (1542 bis 1069 vor Christus) nahm die Sache fast groteske Züge an. Im großen Stil wurden nun für heilig erachtete Tiere balsamiert. Zum Mumienzoo der Ägypter gehörten Ibisse, Affen, Gazellen und Schlangen. »Sogar Frösche und Eidechsen«, erzählt Mumienforscherin Germer, »wurden konserviert.«
Prinz Chaemwese, ein Sohn Ramses II., trieb den Kult am weitesten voran. Er legte im Königsfriedhof von Sakkara unterirdische Galerien an, in denen Stiere in riesigen Steinsarkophagen beigesetzt wurden. In Kom Ombo legten die Archäologen eine große Zahl von Särgen frei. Sie waren gefüllt mit Krokodilmumien.
Dem leidenschaftlichen Konservierungswahn verdankt die moderne Wissenschaft wichtige Hinweise auf die Lebenswelt, aber auch auf die Krankheiten der alten Ägypter. Mit Röntgenapparaten und Kernspintomographen ließen sich den Leichen viele Geheimnisse entlocken.
Fadenwürmer, Trichinen und Bilharziose-Erreger konnten die Mumienmediziner als verbreitete Quälgeister im Niltal feststellen. Tuberkulose kam im Neuen Reich auf, die Lepra ist erst aus spätrömischer Zeit belegt.
Nach den Ursachen der merkwürdigen Hautpusteln des Pharaos Ramses V. fahndeten die Forscher jedoch vergebens. Das Gesicht dieser Mumie ist wie ein Streuselkuchen mit Pickeln übersät. War der König an den Pocken verendet? Trotz intensiver Analysen konnte das entsprechende Virus nicht nachgewiesen werden. Die Hauterscheinung bleibt einstweilen rätselhaft. _(* Im Computertomographen. )
Mumie aus dem Nefer-Grab: Duftstoffe gegen den Leichengeruch
B. BEHNKE
Mumifizierte Hand der Königin Reput-Nub Ältester Schrumpfkörper der Welt?
M. VERNER
Mumienautopsie: Klebriges Gewebe
GANET / GAMMA / STUDIO X
Mumienuntersuchung*: Schattenwesen in bemalten Särgen
S. HALOWKA / GAMMA / STUDIO X
* Im Computertomographen.