JUGENDSZENE Kunst statt Knödel
Es ist eine ganz normale, ordinäre Freitag nacht im Kunstpark Ost. Und bevor die Tänzerin Penelope, 20, wieder so tun muß, als wäre das Leben in dieser Nacht besonders wild, bietet sie erst einmal dem nackten Kollegen Steven in der Garderobe Mandarinen und Bananen an.
Draußen vor der Tür, in dem Lokal namens New York Tabledance, feiert seit einer Stunde Klaus aus Garching seinen 21. Geburtstag; er darf, das haben seine Freunde finanziert, auf dem Laufsteg sitzen und sich von einer Tänzerin entkleiden lassen. »Der geile Klaus trägt gestreifte Unterhosen«, kreischt der Animateur im Minirock. Dann: »Wir müssen hier auf der Bühne gleich eine Riesensauerei wegmachen.« Schließlich: »Wollt ihr noch eine nackte Frau sehen?«
Ist ja keine Frage, wegen der nackten Frauen sind die Herren da. Deswegen wedeln sie mit Dollarnoten. Deswegen sabbern sie in ihr Beck's. Und deswegen halten sie sich auch besoffen am Geländer der Bühne fest, obwohl das verboten ist.
Es ist aus gutem Grund verboten. Penelope, Tänzerin aus Hamburg, macht nämlich nun nackig Spagat auf diesem Geländer und haut den Herrschaften dabei ihre Stilettos um die Ohren. Es entwickelt sich der übliche Dialog: »Komm doch her, Süße, kriegst einen Schein ins Höschen, was machste nachher, sieht doch super aus, die Maus, gell?« - »Klar, Mann, und dort ist die Tür.« Die Typen mit den kräftigen Schultern haben wieder gut zu tun im New York Tabledance. Und Wolfgang Nöth, 55, der Pate vom Kunstpark Ost, steht still in der Ecke und nickt.
Es darf schließlich nichts passieren, kein Körperkontakt, schon gar kein Geschlechtsverkehr, nichts, was das große Ganze gefährden könnte. Denn das große Ganze ist ein beispielloses Projekt, und ob ein Schuppen wie das New York Tabledance im Kunstpark Ost gut aufgehoben ist, weiß Nöth selbst noch nicht so genau.
Der Kunstpark Ost soll so etwas sein wie eine Insel der Jugendkultur im bürgerlichen München, eine bessere Welt für sich und für alle, die sich jung genug fühlen, ein Feierghetto mit Anbindung zum öffentlichen Nahverkehr - und zugleich eine Sammlung von Kreativen, ein Silicon Valley nach bayerischer Art.
Die meisten Gäste kommen natürlich mit ähnlichen Zielen wie amerikanische Familien in eine Shopping Mall. Hier wollen sie Bier und Musik konsumieren und eine Chance auf Sex. Und weil sie alle das gleiche wünschen, ist der Kunstpark zumindest nachts eine Art Robinson Club für Partygänger: Wer drin ist, muß mitmachen, denn er wird von der Masse vorwärtsgeschoben. Der fällt über Betrunkene, wird zwischen schwitzenden Menschen eingekeilt und in irgendwelche Diskotheken geschoben, wo gewaltige Lautsprecher das Wummern der Bässe in die Gehörgänge treiben. Niemand redet hier, alle tanzen, trinken, torkeln.
Und da Läden wie die Bongo Bar tatsächlich Niveau haben und andere, wie das Ultraschall, in Ranglisten der besten Clubs des Kontinents gewählt wurden, ist der Kunstpark die gelungene Synthese aus jugendlichem Drang nach Abgrenzung und dem Geschäft damit.
Das größte europäische Vergnügungszentrum für Nachtschwärmer entstand vor zwei Jahren auf den 80 000 Quadratmetern der einstigen Pfanni-Fabrik und wird vermutlich Silvester 2001 wieder verschwinden, weil dann die Pacht ausläuft und das Gelände auf den Immobilienmarkt geworfen werden soll. Es beherbergt 30 Clubs, 42 Bierabnahmestellen und am Wochenende bis zu 20 000 Menschen pro Nacht; es vereinigt Maler, Athleten und Nachtschwärmer.
So hat der Park in München ein paar Dinge verändert. Die Trennung zwischen coolen Menschen und Spießern wurde in keiner deutschen Stadt so scharf überwacht wie in München - im Kunstpark teilen sich nun alle zumindest so lange ein Geläuf, bis sich spät in der Nacht die Jungs vom Land mit den Fila-Pullovern im Babylon sammeln und die mit den rasierten Schädeln im Ultraschall.
Seit der Kunstpark existiert, gibt es auch keine Diskussion über Sperrstunden mehr in dieser Stadt, wo vor vier Jahren noch für den abendlichen Ausschank im Biergarten demonstriert wurde. »Man kann doch nicht Messe, Flughafen und das ganze Riesenzeug bauen und dann sagen: Aber um zwölf Uhr gehen wir alle ins Bett«, meint Kunstpark-Gründer Nöth. Das sah der Oberbürgermeister Christian Ude ganz genau so, und darum trifft nun die freie Theaterregisseurin Eos Schopohl, wenn sie morgens um sieben Uhr zur Arbeit geht, viele junge Mädchen, die stolz sind, weil sie erstmals eine Nacht durchgemacht haben.
Es scheint, als leuchte München wieder, zumindest flimmert da etwas. Denn der Kunstpark Ost hat jenen Charme, über den auch die Hamburger Fabrik oder die Hackeschen Höfe in Berlin verfügen: den der Zweckentfremdung, der scheinbaren Enteignung. Und er hat einen Vorteil: Er ist größer.
Deshalb gibt es in der Grafinger Straße 6 hinter dem Ostbahnhof die besten Techno-DJs im Ultraschall; dort befinden sich alle, die Tänzer und die, die auf den vielen Sesseln herumliegen, in einem wahnhaften Zustand. Und ein paar Meter weiter, in der Cohibar, gibt es Südseeschönheiten, die sich auf dem Tresen räkeln; es gibt elektronische Musik in der Werk-Bar, die »Sangria Nacht« im Matador Club und Veranstaltungen namens »Prima Saufen und Tanzen« im K 41; es gibt Cocktails auf SPD-Bierdeckeln in der Bongo Bar, wo in den ersten Monaten die Werber und Schauspieler verkehrten, die die Trends setzen, und wo es wieder witzig ist, seit diese wichtigen Menschen den Kunstpark für Massenware halten und nach Haidhausen oder Schwabing zurückgekehrt sind.
Und dann gibt es noch Läden wie das Shockers, eine Mischung aus Geisterbahn und Bar, in der Leichen in Plastiksäcken herumhängen und alle paar Minuten die Massenmörder ausbrechen.
Auf diesem Gelände hatte Johannes Eckart 1868 eine Dampf- und Konservenfabrik gegründet; hier erfand der Konsul Werner Eckart 1949 den Pfanni-Knödel. Dessen Sohn Otto verkaufte die Firma vor sechs Jahren an den amerikanischen CPC-Konzern, und der verschob die Produktion in den Osten der Republik. In München blieben 100 Meter lange Gänge und unbeheizbare Hallen zurück, ein Irrgarten von Gebäuden, die nicht zueinander passen. Wirtschaftswundermüll - »ideal«, wie Wolfgang Nöth fand.
Ein Makler bot 1996 das Gelände zur Pacht an. Alle Banken, die davon hörten, »wollten gleich einen Doktor schicken«, sagt Nöth. Aber er und seine beiden Partner hatten eine Ahnung.
Mathias Scheffel, 34, studierter Jurist und früher Diskjockey auf illegalen Partys, seine Gattin Gaby, 30, Tochter des Bauunternehmers Alfons Doblinger, und Nöth träumten zwar zunächst »von einem Blindentheater und solchem Quatsch« (Gaby Scheffel). Aber daß es nach dem Ende der Partyzeit auf dem stillgelegten Flughafen Riem, inzwischen Heimat der Messe, dringenden Nightlife-Bedarf gab, daß sie es also nur geschickt anstellen mußten, das wußten sie sofort.
Sie schalteten nicht einmal eine Anzeige, sondern nannten nur ihre Telefonnummer für eine Geschichte in der »Süddeutschen Zeitung« ("Das Geschenk des Knödelkönigs"). Jeden Tag führte Gaby Scheffel dann 15 mögliche Investoren und Mieter, »darunter viele Schwervermittelbare« (Nöth), durch die Ruinen, und bald hatten sich so ziemlich alle, die je im Nachtleben Münchens aktiv gewesen waren, wieder gefunden.
Der Michi Kern vom Schwabinger Café Reitschule zum Beispiel ist wieder dabei und führt das Ultraschall und die Nachtkantine, die trotz lausiger Küche das Zentrum des Parks ist. Mathias Scheffels Bruder Götz, auch so ein Mensch, der »das hier« tut, »weil ich nicht im Anzug ins Büro gehen will«, ist Chef der Agentur »Die Tanzdiebe« und organisiert Konzerte, DJ-Auftritte und die Internet-Seiten.
Geld wollen sie alle machen, aber beim Verdienen wollen sie Spaß. Darum gründeten die Brüder Chris und Claudio Aulfes den Natraj Tempel, in dem viele bunte Tücher die hohen Wände verzieren und Langhaarige ihren Joint bei lila Licht und indischer Musik rauchen können. Chris starb zwar 1997, aber wenigstens starb er so, »wie er gelebt hatte - tanzend, auf einer Party«. So stand es im Nachruf.
Einen solchen Tod wünschen sich vermutlich einige, die zum Kunstpark pilgern. Sie kommen ab 22 Uhr mit S- oder U-Bahn oder, wenn sie aus Ingolstadt oder Freising in die große Stadt reisen, mit dem Pkw, der von geschultem Personal auf den Parkplatz geleitet wird. Sie essen einen Döner, manche werfen erste Pillen ein, und gegen 24 Uhr beginnt die Münchner Nacht.
Im Babylon, gewaltig wie eine Mehrzweckhalle, legt Mathias Scheffel dann selber auf. Im schwarzen Polohemd steht er auf seiner Bühne, und rund um ihn toben Menschen um die 20 zu einer Art von Musik, die jedem erlaubt, so zu tun, als wäre der ganze Irrsinn bloß Parodie: Marianne Rosenberg, Boney M., Udo Jürgens. Es riecht nach Urin, Schweiß und Bier; um zwei Uhr werden die ersten Ohnmächtigen hinausgetragen.
Und auf dem »Neverending Oktoberfest« im Wies'n World schwingen 16jährige die Maßkrüge. Sie starren der Maid am Tresen auf den Busen und kotzen vom Tisch, auf dem sie tanzen, auf den Boden. »Rätätä, rätätä, morgen hamma Schädelweh«, singen die Kinder, und hoffentlich behalten sie recht.
In dieser ganz normalen Freitag nacht, es ist vier Uhr, sitzt der Chef in der Nachtkantine vor einem Teller Pommes, einer Apfelschorle und einer leeren Packung Roth-Händle. Wolfgang Nöth redet davon, »daß man sehr alt wird in diesem Geschäft, weil kneipengegerbte Gesichter gut sind für den Blutdruck«. Und ansatzlos erzählt er dann die schöne Geschichte von dem ehemaligen SPD-Stadtrat Hans-Ulrich Pfaffmann, den der Türsteher nicht in die Milchbar ließ, weshalb der Herr Pfaffmann sich furchtbar beschwerte.
So redet Nöth: »Vor Gott und dem Kunstpark sind alle Menschen gleich, so schaut's aus, Ende, Amen, und Gott san mer hier selber. So ein Depp, aber wenn der Pfaffmann sich aufführt, kommt er halt nie rein. Also wenn er's braucht, ich hätte mich an seiner Stelle gar nicht blamiert, jetzt sitzt der im Landtag, wegen so einem habe ich in Bayern CSU gewählt, aber vielleicht gehen diese Leute ja auch im Pelzmantel ins Bett, i woaß net.«
Nöth, der mit seinem blauen Sweatshirt, der alten Lederjacke und den langen fransigen Haaren aussieht wie die Berber von der Wittelsbacherbrücke, gilt in München als Unikum. Aber es unterschätzt ihn, wer ihn nur für ein Unikum hält.
Denn auf seine Art hat Nöth München im Griff; nach zwei Jahrzehnten im Nachtleben weiß er, wie er welche Genehmigung kriegt und wo welche Information. Wenn Nöth zum Beispiel nachmittags erfährt, daß »um drei Uhr nachts 300 Polizisten das Ultraschall« stürmen werden, dann könnte sich die Freistaatsmacht die Razzia genausogut sparen.
Mancher in der Stadt mag einen wie Nöth natürlich nicht, doch andere, der OB Ude beispielsweise, himmeln ihn an. Das liegt auch daran, daß Nöth eine etwas andere Biographie hat als die Schickeria aus dem P 1.
»Zuerst war ich in Stalingrad und hab' Schnee geschaufelt«, so beginnt Nöth, kichert dann und meint: »Und dann kam die Ausstopferei, ich hab' Tiere präpariert. Da hab' ich den Merkel Max, den Trainer von 1860, angerufen und gesagt: Grüß dich, Merkel, da ist der Nöth, brauchst was? Da hat der Merkel gesagt: Drüben beim FC Bayern kannst echte Menschen ausstopfen, und mit dem Präsidenten Neudecker und seiner häßlichen Frau kannst gleich anfangen.«
Es ist dann etwa fünf Uhr, als Nöth seriös wird und erzählt, daß er ein Waisenkind war, in einem Kloster aufgewachsen ist und immer nur hinter der Mauer nachsehen wollte, was es sonst noch gab im Leben. Später war er bei Neckermann in Würzburg, bei der Post, bei einer Spedition, einer Cola-Fabrik, einer Ziegelei. Er war auch mal Dachdecker, und wie man zum Beispiel »Theater« schreibt, wußte er in all den Jahren nicht.
Doch weil er alles mal probierte, was Geld versprach, stieg Nöth auf Vermittlung eines Freundes beim Fraunhofer-Theater ein. Er rief den österreichischen Schauspieler Helmut Qualtinger an und bat um ein Gastspiel. Sagt also der Qualtinger: »Ja gut, ich komm' mit dem Karl Kraus.« Sagt der Nöth: »Ich bestell' euch zwei Zimmer im Bayerischen Hof.« Wußte er doch nicht, daß der Kraus ein toter Dichter war.
Das Fraunhofer war Nöths Einstieg, es folgten die Theaterfabrik, die Linie 5, das Lustspielhaus, München-Riem. Dort gab Nöth dem jungen DJ Mathias Scheffel die schlechtesten Termine, nämlich nach und nicht vor den Feiertagen. So lernte Scheffel das Spiel, und seither arbeiten die beiden zusammen.
Offiziell nennen sie sich Kunstpark Ost Vermietungs GmbH und sitzen sich gegenüber in einem kleinen Büro. Während Nöth viele wilde Muster auf seinen Studentenblock kritzelt, erzählt Scheffel von den 750 Arbeitsplätzen, die sie geschaffen haben, von Experimenten wie der Kletterhalle Heavens Gate oder der Beach-Volleyball-Arena. Inzwischen wird der Kunstpark in drei Schichten bespielt: Von morgens bis abends sind Künstler und Antiquitätenhändler da, nachmittags die Sportler, und nachts kommt die Masse.
Bislang stimmt das Gleichgewicht. Nöth organisiert zum Beispiel gern Konzerte, die Geld kosten - mit den Partys kommt reichlich Geld herein. Auf diese Weise funktioniert der ganze Park: Weil am Wochenende Zehntausende ihr Taschengeld dalassen, kann so etwas wie das Werk III existieren.
Das Werk III ist eine Art Plattenbau mit Laderampe. Da sie selbst die Wände hochgezogen haben, zahlen Insassen wie die Bildhauerin Julia Mangold, 32, nur 7 Mark Miete pro Quadratmeter. »Es stinkt immer noch nach Pfanni«, sagt Mangold, »bei mir wurde früher das Trockenpulver zusammengerührt.« Und heute entsteht hier eine Kunst, die dem Performance-Anspruch des Parks widerspricht. Ihre Arbeit sei »kein Sprint, sondern ein Marathon, auf Jahrzehnte angelegt«, sagt Mangold. Das Besondere am Park sind die Nischen.
Nebenan nämlich, im Forum, einer Halle über drei Etagen, passieren Dinge wie die Wiedergeburt des Münchner Theaterautors Martin Sperr, 54. Der war mit 23 ein junges Genie und Hausautor der Kammerspiele. Als er gerade Vater geworden war, erlitt Sperr eine Hirnblutung; das war 1972, und die »epileptischen Anfälle, die posttraumatischen Folgen« dauern bis heute an, erzählt Sperrs Frau Katja Barwich-Sperr. Die beiden haben triste Jahre hinter sich, »ein Leben, das man nicht beschreiben kann«, sagt sie.
Im Kunstpark durften sie ihren Sieg feiern. Die Regisseurin Schopohl brachte dort Sperrs Stück »Münchner Freiheit« auf die Bühne, erstmals in München, ein Vierteljahrhundert nach der Düsseldorfer Uraufführung. Es war eine launige, leidenschaftliche Premiere, und Sperr selbst schaffte es, die Hauptrolle zu spielen, einen für die Achtundsechziger schwärmenden Brauereibesitzer.
Geld hat es nur gekostet. Menschen wie die nackte Tänzerin Penelope und die, die sie anstarrten, hatten keine Ahnung davon, was 300 Meter entfernt passierte; Penelope hatte um Mitternacht neun Dollar-Noten in ihrem Tanga.
Doch darum geht es. Daß solche Dinge nebeneinander passieren, sagt Eos Schopohl, »läßt München auf einmal wirken wie ein Fitzelchen von New York«. KLAUS BRINKBÄUMER