Das schmutzige Patt - DER SPIEGEL
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Spiegel des 20. Jahrhunderts Das schmutzige Patt

III. DAS JAHRHUNDERT DER KRIEGE: 1. Der Erste Weltkrieg (3/1999); 2. Der Zweite Weltkrieg (4/1999); 3. Der Wahn der Atomrüstung (5/1999); 4. Vietnam und der Kalte Krieg (6/1999); 5. Die Kriege um Israel (7/1999); 6. Geheimdienst und Spionage (8/1999)
Von Christian Habbe
• aus DER SPIEGEL 8/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Christian Habbe

»Die Arbeit der Spione muß der Herrscher persönlich leiten. Die zurückkehrenden Spione ermöglichen die Kenntnis über den Gegner, darum verhalte dich ihnen gegenüber besonders großzügig.« DER CHINESISCHE PHILOSOPH SUN-TZU (4. JAHRHUNDERT V. CHR.) IN »TRAKTAT ÜBER DIE KRIEGSKUNST«

Grau in grau war Ost-Berlin an diesem Tag im Dezember 1989, und der Besucher, den Oberst Alexander Prinzipalow in der Karlshorster KGB-Dienststelle empfing, versprach auch keinen Lichtblick. Der Mann entstieg einem tristen Wartburg, blickte mit Amtsmiene und trug einen Aktenkoffer.

Immerhin - der Anblick des Gepäcks stimmte den Russen schon besser. Es war einer der kantigen Container aus mehreren Lagen Rindsleder, in denen die Kuriere des Ministeriums für Staatssicherheit das ganz Wichtige zu transportieren pflegten.

So auch diesmal. Der Koffer enthielt drei längliche Zylinderhüllen, amtlich bekannt als »Milchkannen«. In ihnen stapelten sich, säuberlich aufeinandergepackt wie Drops in der Rolle, Mikrofilme von schwer schätzbarem Wert. Der Mann von der Bruderbehörde hatte die legendäre »Mob-Kartei« der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) gebracht, das Not-Set aller Topdaten, die der DDR-Auslandsnachrichtendienst für den Mobilisierungsfall bereithielt.

Goldener Kern der Milchkanne: die Agentenliste mit Tausenden von Klarnamen und den Arbeitsberichten des weltweit wohl besten aller Spionageapparate.

Zwei von insgesamt nur drei Exemplaren der »Mob-Kartei«, so sagte der Stasi-Mann, hätten seine Oberen schon vernichtet, die letzte Kopie übergäben sie den »Freunden« zur Aufbewahrung. KGB-Mann Prinzipalow quittierte dankend.

Dann ging die DDR unter, die Stasi mit ihr, Prinzipalow samt Genossen kehrte heim. Auch die »Mob-Kartei« blieb verschwunden, aber ihr Inhalt begann Kreise zu ziehen: Amerikanische Geheimdienstler verkündeten, ihre Deutschland-Kundschafter hätten, als die Mauer fiel, schneller zugepackt als alle Konkurrenten und sich des HVA-Schatzes bemächtigt.

Als Sieger dieses Wettrennens gilt der damalige Bonner Stationschef der CIA, Ed Pechous, ein ehrgeiziger Karriere-Geheimdienstler mit viel Erfolgsaura und wenig Freunden. »Poison Dwarf« (Giftzwerg) nennen sie ihn im CIA-Klatsch und lästern genüßlich, der nicht sehr groß gewachsene Pechous kompensiere beim Tennis seine kurze Reichweite durch ein übergroßes Racket, mit dem er auch schon mal über das Netz klettere und Gegner prügle.

Um Pechous'' Beute jedenfalls setzte alsbald echtes Foulspiel ein. Befreundete Dienste beklagen sich, weil die eroberten Akten ihnen nur zögerlich und auszugsweise vorgezeigt würden. Das geschehe, um die Übermittler zu schützen, behauptet die CIA. Daß Bonns Geheimdienst-Koordinator Ernst Uhrlau das »auf Dauer nicht akzeptabel und hinnehmbar« findet, hielten die CIA-Leute für nicht so wichtig.

Auch mit der amerikanischen Bundespolizei stritten sie: Das FBI mußte sich Akteneinsicht mit einer Klagedrohung gegen den unkooperativen Pechous erzwingen. Doch von wem er die Filme gekauft hat, blieb nebulös. Auch der verdächtige KGB-Mann sagt nichts mehr. In Moskau hieß es, Prinzipalow sei vor einiger Zeit einem Herzleiden erlegen.

Das Match um die Ledertasche dürfte zu den letzten Höhepunkten in einer langen Reihe von Geheimdienst-Coups zählen, die Berlin in den vergangenen 50 Jahren zu einem Drehkreuz der Agentendienste machte. Im Kalten Krieg hatte Berlin den Rang einer »ewigen Stadt der Spione«, schrieb der Engländer John Le Carré, der mit seinem Roman »Der Spion, der aus der Kälte kam« den Berliner Showdown der Sicherheitsdienste sprichwörtlich machte.

Die Machenschaften der Geheimdienste haben dem Kalten Krieg nirgends soviel Energien geliefert und zugleich neue abgewonnen wie in Berlin. Da wurde gelauscht und gespitzelt, untergraben und desinformiert, entführt und ermordet, je nach Auftraggeber. Agenten von allen Schauplätzen brachte es hierher, und sei es zum Freitausch auf der Glienicker Brücke, wo sich schon 1962 die Wege des U-2-Piloten Gary Powers und des Meisterspions Rudolf Abel kreuzten.

Die West-Dienste hatten in der Stadt ihre größten Filialen. Von hier horchten sie in den Ostblock, führten wichtige Ost-Quellen und nahmen wertvolle Überläufer wie den Stasi-Maulwurf Werner Stiller in Empfang. Doch weit öfter noch hatte der Osten die Nase vorn - West-Berlin war ein freier Supermarkt für Nachrichten. Wohltrainierte rote Beutemacher räumten dermaßen ab, daß sogar alle in der DDR tätigen CIA-Agenten zu »Doppelagenten gegen die CIA« umgedreht wurden, wie Klaus Eichner, einst US-Spezialist bei der HVA, bilanziert.

Mager dennoch die Bilanz dieser Spionage-Weltspiele. Die Stasi, nach eigener Definition Schild und Schwert der Partei, vermochte nicht einmal ihre wichtigste Hausaufgabe zu lösen - die Lebensgefahr für ihren Staat zu erkennen, geschweige denn zu bannen. Aber auch den West-Diensten waren die Vorzeichen des Zusammenbruchs glatt entgangen.

Das Berliner Debakel der Schnüffelagenturen spiegelt den Weltmaßstab der Branche. Geheimdienste belauschten Staats-

* Sowjetbürgerrechtler Anatolij Schtscharanski (M. mit Pelzmütze) neben US-Botschafter Richard Burt beim Freitausch gegen Ost-Agenten 1986.

chefs, warben Wissensträger, zählten Raketen, stahlen Akten. Doch in der Pflicht, die Auftraggeber vor Unbill zu bewahren, versagten die »Armies of Ignorance«, wie sie der amerikanische Geheimdienst-Analytiker William Corson nennt, oft eklatant.

Nur wenige geben das so unverblümt zu wie General Patrick Hughes vom US-Militärgeheimdienst, der einem Kongreßausschuß in Washington 1997 den alten Moltke referierte: »Von den drei Optionen des Gegners, die du kennst, nimmt der für gewöhnlich die vierte.« Und nach einer Analyse des US-Spionagedienstes bezweifelte der Harvard-Historiker Ernest R. May den Sinn des Ganzen: »Wie viele Milliarden sind die Dienste wert?«

Geheimdienste haben kaum je Kriege verhindert oder folgenschwere Umstürze richtig vorhergesagt. Immer wieder mal gelingt eine spektakuläre Kommandoaktion wie die Entführung des Nazi-Mörders Adolf Eichmann 1960 aus Argentinien durch die Israelis oder wie in der vergangenen Woche das Kidnapping des PKK-Chefs Öcalan in Nairobi durch konzertierten Zugriff verschiedener Dienste (siehe Seite 22). Doch selbst der berühmte israelische Mossad und der legendäre englische Auslandsdienst MI6 versagten in entscheidenden Situationen: Rechtzeitig hatten zwar die Satelliten Angriffsvorbereitungen arabischer Staaten vor dem Jom-Kippur-Krieg 1973 und Argentiniens vor der Landung auf den Falklandinseln 1982 erspäht. Doch die Staatsführungen blieben ahnungslos.

Das gleiche Bild jenseits des Grabens. Moskaus Dienste verkannten die Entschlossenheit Präsident Kennedys in der Kuba-Krise oder das Potential der Aufständischen in Tschetschenien. In Afghanistan ließen sie die Rote Armee blind in die Stinger-Raketen der von CIA-Experten trainierten Rebellen laufen.

Trotzdem hält sich der Jahrhundertmythos von der Omnipräsenz allwissender Beobachter. Geheimdienst-Szenarien beflügeln Verschwörungstheorien überall: In den USA wappnen sich rechte Milizen gegen angeblich geplante Anschläge auf die Nation, die durch Nachtflüge schwarzgespritzter CIA-Helikopter vorbereitet würden. »So macht die Angst Idioten aus uns allen«, ulkte die »taz« über linke Reflexe auf die Dienste, denn auch bei der Spaßguerrilla hört hier schnell der Spaß auf: Die Szene der Computerhacker sah nach dem Tod eines Berliner Freundes, ungeachtet der offiziellen Freitod-Version, den langen Arm der Geheimen am Werk.

Paranoia rundum kann nicht verwundern, denn sie wird seit je von gestandenen Geheimdienstlern vorgelebt. James Jesus Angleton, CIA-Spionageabwehrchef in den sechziger Jahren, benutzte als Metapher seines Jobs gern das einem Alptraumgedicht von T. S. Eliot entlehnte Bild »wilderness of mirrors«, die Vorstellung einer unheimlichen Spiegelwelt, in der ein Schockbild viele andere reflektiert.

Dagegen steht die Wirklichkeit höchst trivialer Apparate. Selbst das Ministerium für Staatssicherheit, das effizienteste System der DDR neben den Goldmedaillen-Sportlern und Dopingspritzern, war von einem kleinkarierten Schleifer beherrscht. Erich Mielke litt neben lauter Moskau-Heimkehrern an dem Makel, als ehemals in Frankreich Internierter ein »Westemigrant« gewesen zu sein. So mußte er von ganz unten anfangen und sich im Juni 1945 gehorsam bei den Obergenossen melden: »Augenblicklich bin ich in einer Straßenzelle und nahm an einer Sitzung des 5. Bezirks des U. B. Wedding zur Bildung der Zellenleitungen teil.«

Derart mühsam aufgestiegen, ließ »Mielke, Armeegeneral« (so seine Unterschrift) gern strammstehen, HVA-Chef Markus Wolf und seine Generalskollegen mußten dem Chef gelegentlich in Operettenuniformen die Aufwartung machen.

Erst durch seine Masse war das MfS richtig groß. Die schlagstarke Behörde verfügte über 270 000 haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter (auf 60 Bürger ein Mielke-Mensch). Rund 4200 von ihnen saßen auf Planstellen für Auslandsspionage, ein Spezialistenheer, das seine westdeutschen Pendants notleidend aussehen ließ.

Verfassungsschutz (insgesamt rund 4000 Mitarbeiter) wie Bundesnachrichtendienst (6000) sind zwar hochdotierte Einrichtungen mit einem Jahresetat von, offiziell, knapp über einer Milliarde Mark. Westdeutsche Dienste waren aber durch Mielkes Truppe unterwandert bis ins letzte Glied und hatten gegen die Roten kaum etwas zu bestellen. Für westliche Kollegen waren sie »teilweise nichts anderes als eine Unterabteilung des ostdeutschen Geheimdienstes«, spottete ein Autor in der Zeitschrift »International Affairs«.

Auf der Habenseite buchten sie vor allem Negativ-Schlagzeilen. BND-Leute warben mit Dreistigkeit Journalisten als Mitarbeiter, flogen 1991 wegen Panzerschmuggel nach Israel oder 1995 wegen Plutoniumimport aus Rußland auf. Verfassungsschützer wurden während des Observierens observiert oder sprengten auch mal, wie 1978 in Celle geschehen, ein Loch in Gefängnismauern, um einen Konfidenten in die Terrorismusszene einzuschleusen. Und sie wurden natürlich dabei ertappt. »Das waren für uns die mit dem weißen Stock und der schwarzgepunkteten gelben Binde«, stichelt Klaus Kuron, früher DDR-Spion beim Verfassungsschutz.

Zwar gewann trotz allem der Westen, Mielkes scharfe Profis gingen unter. Doch darauf kam es nicht an. Denn es hatte ja der Kapitalismus gesiegt und nicht sein technisch unterlegener Geheimdienst. Nur der Direktvergleich zählte im Wettbewerb der Spionageblöcke, die ihre schönsten Siege gegeneinander feierten - wobei gewöhnlich auch der Verlierer gewann. »Jeder von ihnen verdankt sein Überleben der Existenz der anderen«, urteilt der britische Geheimdienst-Chronist Phillip Knightley. Und Hansjoachim Tiedge, einst vom MfS gekaufter Abwehrchef des Bundesamts für Verfassungsschutz, höhnt aus dem russischen Exil: »Solange Spionage betrieben wird, so lange gibt es auch sie - meine geliebte Spionageabwehr.«

Wer Kundschafter wurde, so eine frühere Auffassung, spioniere um des Guten willen. »Möge Gott ihm lohnen, was die Menschen versäumen«, ruft im Ur-Thriller »The Spy« von James Fenimore Cooper (erschienen 1821) US-Präsident George Washington einem toten Spion nach.

Bis in die neuere Zeit zierten sich Dienste gern mit Kontaktleuten aus illustren Kreisen, wie dem englischen Verleger Cecil King (MI5), Ernest Hemingway (OSS) oder dem Wirtschaftswunder-Aufsteiger Hannsheinz Porst (MfS).

Ost-Spione aus Idealismus fanden sich noch in der europäischen Linken zwischen den Kriegen und in der amerikanischen KP. Margret Boveri, Autorin des Standardwerks »Der Verrat im 20. Jahrhundert«, attestierte dieser Schicht »emotional besetzte Bejahung des Sowjetregimes« gegenüber dem »vermeintlich moralisch minderwertigen, rückständigen und in sich nicht mehr erneuerungsfähigen heimischen System«; das erzeuge einen »Schwebezustand zwischen Loyalität und den Vorfeldern des Verrats«.

Auch Späher wie Richard Sorge oder Rudolf Abel taten es noch aus politischer Überzeugung und riskierten dabei alles. Sorge, der während des Zweiten Weltkriegs für Stalins Geheimdienst die Offensivpläne von Deutschen und Japanern ausspähte, wurde in Tokio gehenkt (SPIEGEL 6/1999). Abel, der als illegaler Resident KGB-Agenten in den USA führte, kam wohl nur wegen seines Wertes als Tauschpfand mit dem Leben davon.

Doch Ehrenspione wie Sorge und Abel seien schon »Typen einer verflossenen Epoche«, beklagt der US-Historiker Walter Laqueur den Sittenverfall an der geheimen Front. Richter Klaus Wagner, der als Senatsvorsitzender beim Düsseldorfer Oberlandesgericht über hundert der prominentesten DDR-Spione abzuurteilen hatte, erinnert sich vor allem an »Skrupellosigkeit«, »üble Methoden« und Beamtendelikte »in abscheulichster Form«. Und selten, daß einmal auch einer von ihnen offenbart, ihm stinke eigentlich dieser Job, und er komme sich vor »wie eine Art Klofrau« (so einst der britische Sowjetspion Donald Maclean). Denn im allgemeinen pflegt das Genre die Tradition der Weißwäsche.

»Moment mal! Was habe ich denn verraten? Ich habe doch aufgeklärt«, verwahrte sich in einem SPIEGEL-Gespräch der Sowjetspion Heinz Felfe, der als BND-Beamter den eigenen Dienst ausgeplündert und BND-Agenten ans Messer geliefert hatte. Und die Regierungsdirektorin Gabriele Gast - gleiche Stelle, gleiche Quelle - sieht sich nicht als »Verräterin«, sondern als »Verratene«, nachdem ihr Ex-Führungsoffizier ausgepackt hatte.

Verfassungsschützer Klaus Kuron, der für über 700 000 Mark Agentenlohn der westdeutschen Spionageabwehr die schwersten Schläge versetzte, will vorher wenigstens noch »die innere Kündigung« ausgesprochen haben.

Gern wird das fischige Geschäft als Match schöngeredet, wo Sieger dem Gegner die Anerkennung nicht versagen und Verhaftete schon mal fordern: »Ich bitte Sie, meine Offiziersehre zu respektieren«, so Günter Guillaume, der seinen Freund und Chef Willy Brandt über Jahre verriet. »Wir alle spielen unsere Spiele«, doziert »C« (Traditionskürzel für den Chef des englischen Secret Intelligence Service) in Graham Greenes Roman »Der menschliche Faktor«. »C« weiter: »Es ist wichtig, kein Spiel zu ernst zu nehmen, sonst verliert man es.«

Die Realität bleibt hier der Literatur nichts schuldig. Auch Politiker aus dem Westen finden - rechtsstaatliche Beschränkungen hin oder her - Gefallen an diesem Genre, das sich lieber nach Spielregeln als nach Gesetzen richtet. Wo nötig, unterscheidet sich dabei die Handschrift nicht einmal sehr von Handlungsmustern aus den ganz unteren Schubladen der Lubjanka, der Moskauer Geheimdienst-Zentrale.

Der Sprengstoffanschlag der Geheimdienst-Agenten Dominique Prieur und Alain Maffart auf das in Neuseeland ankernde Greenpeace-Schiff »Rainbow Warrior«, das 1985 die französischen Atomversuche im Pazifik stören sollte, war von höchsten Stellen der Pariser Administration gedeckt. Wegen französischer Geheimdienst-Attacken auf Gegner des Algerienkriegs, bei denen zwischen 1956 und 1959 in der BRD sechs Menschen starben, ermitteln deutsche Strafverfolger noch heute.

Derzeit hat sich die britische Regierung gerichtlich gegen Anschuldigungen des ehemaligen MI5-Agenten David Shayler zu wehren. Der berichtete im BBC-Fernsehen über einen regierungsamtlichen Mordanschlag auf Libyens Staatschef Gaddafi. Ein arabischer Killer habe 1996 für 100 000 Pfund aus London die Wagenkolonne Gaddafis mit einer Bombe angegriffen, die den Präsidenten verfehlt, aber mehrere Unbeteiligte getötet hatte.

Der »Widerspruch zwischen freien Gesellschaften und Geheimdiensten«, den der Amerikaner Walter Laqueur demokratischen Politikern ins Gewissen pflanzen möchte, läßt seine Landsleute weitgehend kalt. Besonders unbekümmert demonstrierten sie es schon Ende der vierziger Jahre beim Aufbau des Bundesnachrichtendienstes zusammen mit alten Nazis.

Die US-Verantwortlichen hatten ihre künftigen Konfidenten gegen Kriegsende kennengelernt. Allen Dulles, Leiter beim US-Geheimdienst OSS und späterer CIA-Mitbegründer, pflegte schon 1944 an seinem Schweizer Dienstsitz Geheimkontakte zu verschiedenen Spitzen von Abwehr und Reichssicherheitshauptamt.

Man pokerte unter Profis. Dabei waren die Amerikaner auf die Osteuropanetze der Nazis erpicht, und die Deutschen - vielfach SS- und Gestapo-Ehemalige - hofften, dieses Wissen als Faustpfand gegen Straffreiheit tauschen zu können. Das Kalkül ging für viele auf. Während die Alliierten andernorts nach Kriegsverbrechern jagen ließen, kümmerten sich US-Geheimdienstler schon mal um ein neues Sicherheitssystem mit deutscher Besetzung. Das sollte unter Leitung des ehemaligen Wehrmachtsgenerals Reinhard Gehlen entstehen. So suchten US-Werber unter arbeitslos gewordenen Nazi-Schergen nach nützlichen Helfern.

Gehlen hatte im Krieg als Leiter der Wehrmachtsaufklärung »Fremde Heere Ost« vereint mit SS-Experten Erfahrung im Kampf gegen Sowjetagenten gesammelt. Nun hatte er einschlägige Helfer: SS-Standartenführer Willi Krichbaum, vormals Freund des Sicherheitschefs Reinhard Heydrich und unerbittlicher Jäger von Hitler-Oppositionellen, warb fleißig SD- und Gestapo-Ehemalige.

Daß sie jetzt einer demokratischen Gesellschaft dienen sollten, war dieser Truppe natürlich nicht zu vermitteln. Viele von Gehlens alten Kameraden brachten ihre alten Feindbilder mit in die neue Republik und betrieben rechtswidrig Inlandsaufklärung. »Kreuzzugsmentalität« und »antikommunistischen Hexenglauben« bescheinigten die SPIEGEL-Redakteure Heinz Höhne und Hermann Zolling 1971 in ihrem Buch über den BND ("Pullach intern") den braunen Gründern.

Manche aus Gehlens Traditionsverein waren derart belastet, daß sie nur außerhalb der Reichweite deutscher Staatsanwälte aktiv werden konnten, wie der frühere Eichmann-Vertraute und Juden-Deporteur Alois Brunner, der von Damaskus aus zuarbeiten durfte.

Wer in Pullach blieb, war ein erpreßbares Sicherheitsrisiko. Einige Pullacher holte sich folglich das KGB, so auch den sächsischen Polizistensohn Heinz Felfe. Der hatte im Dritten Reich vom NS-Schülerbund über den SS-Motorsturm als Kriminalbeamter eine Musterkarriere bis in die Gestapo hingelegt - also ein Fall für Gehlen. Unter Protektion des Chefs stieg Felfe in der Pullacher Spionageabwehr bis zum Leiter der Abteilung Sowjetunion auf. Als ein Überläufer den wendigen Ex-Nazi als KGB-Mann outete, kam es zum größten Spionageskandal in der Geschichte der Bundesrepublik.

Zwar versuchte Gehlen die Bedeutung herunterzuspielen - er habe »Anlaß zu der Ansicht, daß Felfe nicht so erfolgreich gearbeitet hat, wie seine Auftraggeber erwartet haben«. Doch tatsächlich war der Fall Felfe ein Desaster. Jahrelang hatte Quelle »Paul«, wie die Russen ihn nann-

* Oben: im Hafen von Auckland 1985; rechts: nach der Freilassung aus neuseeländischer Haft 1988.

ten, beispiellos gesprudelt. Felfe bekam 14 Jahre Zuchthaus, wurde 1969 freigetauscht und erhielt in Ost-Berlin eine Professur - für Kriminalistik.

So wie ihren Gegner führen Dienste auch die eigenen Auftraggeber gelegentlich in die Irre. Aus Sicht des früheren englischen Geheimdienst-Oberen George Young sind manche Politiker so unfähig, daß es nötig war, »Operationen aus eigenem Ermessen durchzuführen und sie hinterher vor vollendete Tatsachen zu stellen«.

Entsprechend reserviert begegnen Regierende den gesammelten Erkenntnissen ihrer amtlichen Geheimnisjäger. Im Kabinett Helmut Schmidts galt, der Kanzler ziehe manchmal die Lektüre der »Neuen Zürcher Zeitung« den Vorträgen des Bundesnachrichtendienstes vor. Der englische Labour-Premier Harold Wilson sah die Direktoren der Geheimdienste MI6 (Ausland) und MI5 (Abwehr) so selten, daß er bei Meetings deren Namen verwechselte.

Die Folge: Nur selten zahlen sich erkenntnismäßige Volltreffer der Dienste so aus wie bei der Operation »Ultra«, als Polen und Engländer Funkcodes der Wehrmacht knackten und dadurch die deutsche U-Boot-Strategie hart getroffen wurde. Oft aber verpufften solche Coups bei den Entscheidungsträgern. Dem Chef des Agentenrings »Rote Kapelle«, Leopold Trepper, der 1941 der Sowjetbotschaft in Frankreich den bevorstehenden Angriff Hitlers meldete, klopfte der Militärattaché nur »herablassend auf die Schulter« (Trepper). Richard Sorges zutreffende Meldungen aus Tokio nahm Stalin nicht ernst.

Im letzten Jahrhundert noch hatten US-Administrationen gänzlich auf einen Geheimdienst verzichtet - Präsident Abraham Lincoln baute selbst während des Bürgerkriegs lieber auf die Detektei Pinkerton. In England wurden zu Jahrhundertbeginn die Sicherheitsämter so nachrangig behandelt, daß sogar Literaten auf mehr Wachsamkeit drängten - wegen des »unsäglichen Zustands« der britischen Abwehr schrieb Autor Erskine Childers 1903 ein Buch über die Angriffspläne der Deutschen, den Spionageklassiker »Das Rätsel der Sandbank«.

Tatsächlich aber war im Kaiserreich das Spionagewesen noch wenig entwickelt. Der erste Nachrichtendienst-Chef des Reichs hatte 1913 einen Etat von 300 000 Mark. Es gab vier Rußland-Beobachter, berichtet Major Walther Nicolai, erster ND-Chef; über einen Amerikadienst wurde beim Kaiser selbst noch im Ersten Weltkrieg »nicht einmal gesprochen« (Nicolai).

Inzwischen sind die Dienste Großbehörden mit nahezu unbegrenzten Mitteln und höchster technischer Ausstattung. Doch die Inkompetenz wächst offenbar mit. Bürokratische Strukturen bedeuten, daß Posten auf Leitungsebene oft nur nach Politproporz vergeben werden. Geheimdienst kann Behördenklüngel in direkter Erblinie sein. Fast jeder Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz entstammte einer Beamtenfamilie. Das reizt zum Schaffen immer neuer Stellen.

Daß Staatsschützer mitsamt der Verfassung die eigene Klasse schützen, ist allerdings weltweit üblich. Als in den USA Anfang der sechziger Jahre die Dienste der Teilstreitkräfte zwecks Rationalisierung einer gemeinsamen Defence Intelligence Agency (DIA) unterstellt wurden, schrumpften die zählebigen Behörden zwar kurzzeitig. »Aber sie regenerierten sich und waren in weniger als zehn Jahren größer als vor der Gründung der DIA«, berichtete die Zeitschrift »World Politics«.

Vom Geheimdienst der Marineinfanterie bis zu dem des Finanzministers ernährt die sogenannte Intelligence Community der USA nicht weniger als 15 Agenturen. Rund 100 000 Amerikaner werden dort nach offizieller Lesart beschäftigt, andere Schätzungen gehen von etwa der doppelten Kopfstärke aus.

Die größte aller US-Stellen, die da getrennt marschieren und vereint florieren, ist die National Security Agency (NSA). Auf einem Vier-Quadratkilometer-Gelände in Fort Meade (US-Staat Maryland) analysiert die NSA Kommunikation rund um den Erdball. Die Lauschbehörde ist sogar etwas größer als die CIA. Allein in den USA beschäftigte sie zuletzt nach eigenen Angaben 21 000 Leute (CIA: 16 000), das Budget soll 3,6 Milliarden Dollar (CIA: 3,1 Milliarden) betragen haben.

NSA-Antennennester stehen auf befreundeten Territorien von Oberbayern bis in die Pampa. Sie durchkämmen E-Mails, Faxe und Telefonate, zapfen Transozeankabel und Satelliten an - »wir belauschen sie alle«, sagt ein NSA-Leiter. Dabei wird so viel Papier produziert, daß es, wie die »Washington Post« bemerkte, »selbst der liebe Gott nicht durchsehen und verarbeiten könnte, wenn er nicht bereits wüßte, was der Russe vorhat«.

Der Russe wußte das aber wahrscheinlich selbst nicht immer so genau, zu gigantisch war sein Sicherheitsapparat, zu vielfältig auch hier der Materialeingang. Das Staatssicherheitskomitee KGB ließ die Welt durch 15 000 hauptamtliche Staatsschützer bewachen. Es unterwanderte Parlamente, darunter den US-Kongreß und den Bundestag, attackierte den Papst, schlich sich in den Stab der Queen.

Im Sowjetreich sollen bis zu sechs Millionen IM gespitzelt, 240 000 KGB-Grenzer die Wacht gehalten haben. Zunächst existierten die von dem polnischen Revolutionär und Lenin-Vertrauten Felix Dserschinski gegründeten Sicherheitsorgane aus Notwehr gegen ausländische Gegner. Doch sofort wurde die Außerordentliche Kommission (Tschreswytschainaja komissija, kurz: Tscheka) ein Terrorinstrument.

Beim Wettstreit zwischen US-Agencys und Tschekisten gelang es beiden Apparaten, zu monströser Größe auszuufern. Denn Siege des einen bedeuteten meist Nachrüstung beim anderen - ein schmutziges Patt, denn das Duell mit dem totalitären Gegner korrumpierte auch. Eingerichtet wurde die CIA mit dem Ehrgeiz, »bester Nachrichtendienst der Welt« (Allen Dulles) zu werden. Hausmotto ist noch heute ein Spruch aus dem Johannes-Evangelium ("And Ye shall know the truth and the truth shall make You free"). Die fromme Absicht verflüchtigte sich aber, heraus kam ein »alternder Horrorladen«, wie die »New York Times« 1997 fand, als die Agency ihren 50. Geburtstag feierte.

Wenn die CIA zuschlägt, müssen - so der SPD-Sicherheitsexperte Andreas von Bülow - auch befreundete Länder »dumm- oder bösgläubig« stillhalten. So geschehen, als ein US-Agententrupp 1991 Jeffrey Carney, einst MfS-Spitzel bei der U. S. Army, zwecks Aburteilung in den USA aus Berlin verschleppte.

Die CIA war im Spiel, als gegen den kubanischen Feind Fidel Castro Mafia-Helfer und explosive Zigarren aufgeboten wurden, als Waffenverkäufe an iranische Mullahs Schwarzgeld für rechtsextreme Nicaragua-Contras zauberten ("Irangate") oder als 1056 Seiten Abhörprotokolle von Dianas Telefon auf den Markt kamen. »Was das KGB nicht geschafft hat, hat die CIA sich selbst angetan«, schrieb der CIA-Kritiker David C. Martin schon 1980. Enttäuscht sehen mittlerweile viele Agenten ihren Dienst verkommen, »eine traurige Mischung aus Monty Python und Big Brother«, wie ein frustriert ausgeschiedener CIA-Mann fand.

Marotten und Macken waren in den Chefzimmern immer schon zu Hause. Die berufsbedingte Zwangslage zwischen Wahn und Wirklichkeit geht den Protagonisten augenscheinlich aufs Gemüt.

So patrouillierte Commander Mansfield Cumming, der gehbehinderte MI6-Gründungschef, demonstrativ auf einem Kindertretroller über die langen Flure seines geheimen Bürokomplexes in Whitehall. Jurij Drosdow, Chef der mordberüchtigten KGB-Verwaltung »S« (Sonderoperationen), ließ seine Agenten sich bei Thrillerautoren wie Frederick Forsyth einlesen.

Reinhard Gehlen, der hinter Sonnengläsern gern unergründlich tat, lud gelegentlich führende Mitarbeiter zu Dienstgesprächen nach Hause vor. Da saß er auf einem spießigen Sofa, während seine Frau in Sichtweite Hemden bügelte. »Manche von uns fragten sich, ob seine Schlichtheit wirklich nur gespielt war«, erinnert sich einer dieser Gäste.

Das absonderlichste Gebaren von allen legte CIA-Mann Angleton an den Tag. Der langjährige Spionageabwehrchef der CIA entwickelte Sicherheitstricks bis zum Verfolgungswahn. Schon als Dienstneuling, gegen Kriegsende in Italien, verblüffte er Kollegen, wenn er täglich bis zu anderthalb Stunden unter Tischen und Schränken seines Büros nach versteckten Mikrofonen forschte.

Überall wähnte Angleton Sowjetspione. Der Gegner mit seinen vermuteten Tricks und Finten beherrschte den Abwehrmann derart, daß Obsessionen immer mehr das Urteil überlagerten. Am Ende sah er nur noch Doppelspiel, wo »Lügen Wahrheiten und Wahrheiten Lügen waren und die Reflexionen in den Spiegeln blendeten und verwirrten«, wie Angletons Kollege Peter Wright, ein Abwehrexperte vom MI5, einfühlsam schrieb.

Die »Wirrsal der Spiegel« nahm Angleton endgültig gefangen, als 1961 Anatolij Golizyn in den Westen ging. Der Überläufer, Nachrichtenauswerter in der Nato-Sektion des KGB, enthüllte einen angeblichen sowjetischen Masterplan zur Durchdringung und Desinformation der westlichen Gesellschaften. Eine Geheimdienst-Intrige von ungeahntem Ausmaß sei im Gang, warnte der Mann aus Moskau: Raffiniert als Überläufer getarnte Agenten blendeten die westlichen Dienste. KGB-Maulwürfe würden die Regierungen bis in die höchsten Ämter kontaminieren, Falschmeldungskampagnen trügerische Sicherheit vorgaukeln.

Willy Brandt, Olof Palme, Henry Kissinger - alle mutmaßlich im Sold des Kreml. Der habe sogar den an einer seltenen Pilzerkrankung gestorbenen britischen Labourführer Hugh Gaitskell umgebracht, um dem eigenen Mann, Harold Wilson, den Weg nach 10 Downing Street zu ebnen.

Dem englischen Angleton-Kollegen Michael Hanley vom MI5 schien das alles »jede Menge Rauch, aber wenig Feuer«, doch der CIA-Mann ließ sich nicht beirren. »Golizyn«, vermerkte der CIA-Sowjetexperte Leonard McCoy, »war die Erfüllung aller Träume Angletons.«

Für John Gittinger, den Chefpsychologen bei der CIA, war Golizyn sogar »ohne Zweifel paranoid«. Doch Angleton schenkte ihm Glauben und war vor allem von dem Hinweis alarmiert, bei der Agency treibe ein Meisteragent mit dem Decknamen »Sascha« sein Wesen. So setzte in der Behörde eine Hexenjagd ein, die Jahre dauerte. Gegen etwa 60 CIA-Leute wurde auf der Suche nach dem ganz großen Maulwurf amtlich ermittelt, viele von ihnen büßten ihre Jobs ein.

Sowjetische Informanten, die sich den Amerikanern offenbaren wollten, wurden nun auf einmal abgeblockt, teils sogar zurückgeschickt, was einige das Leben kostete. Das war in der irisierenden Welt Angletons ein unvermeidbarer Preis. Denn sein irrwitziges Berufsmotto konnte ihm keiner widerlegen: »Je solider die Information eines Überläufers, je weniger darf man ihm trauen.«

Ein Trauma verfolgte den Abwehrideologen seit Karrierebeginn - der Verrat durch seinen Freund Kim Philby. Ihn kannte Angleton schon aus Kriegstagen, 1949 war er als Stationschef des britischen MI6 nach Washington gekommen. Die beiden sahen sich regelmäßig zum Lunch, der ältere Brite, für den aufstrebenden CIA-Mann eine Art Mentor, war bei den Angletons zum Thanksgiving-Essen.

Philby nutzte die zahllosen, so alkohol- wie wortreichen »Jim and Kim«-Sessionen, um seine beispiellose Karriere als Sowjetspion zu stabilisieren. Zusammen mit vier anderen war er Mitte der dreißiger Jahre von Moskauer Agentenwerbern verpflichtet worden. Alle waren Absolventen von noblen Schulen und hatten in Cambridge an vornehmen Colleges studiert, wo sich der Eliten-Nachwuchs in koketten Marxismus-Debatten erging und schwule Seilschaften formte.

Geduldig beobachtete die Lubjanka den Durchstieg des Quintetts bis in die höheren Sphären des Establishments. Nach anderthalb Jahrzehnten war es soweit: Wie Philby reüssierten die Freunde Guy Burgess, Anthony Blunt und John Cairncross beim Geheimdienst, Donald Maclean, der fünfte, wurde Diplomat.

Philby saß, so lobten später FBI-Ermittler, »auf dem perfektesten Platz, den die Sowjets für einen ihrer Männer nur irgend wählen konnten«. Weil Engländer und die CIA seinerzeit im Kampf gegen sowjetische Spionage eng kooperierten, ging über Philbys Tisch amerikanisches Topmaterial. Hunderte westlicher Agenten hat er dabei verraten.

Dank Philby, so später das FBI, kannte Moskau auch den jeweiligen Stand der Ermittlungen gegen die Atomspione Klaus Fuchs und das Ehepaar Rosenberg, die in den vierziger Jahren für Moskau das US-Atombombenprojekt ausgespäht hatten.

Doch offenbar waren die Russen in Sorge, Rettungsmaßnahmen zugunsten der Kundschafter könnten Hinweise auf den Tipgeber Philby liefern. Jedenfalls überließen sie die Agenten ihrem Geschick: Fuchs erhielt in England 14 Jahre Haft und wurde später freigetauscht, Ethel und Julius Rosenberg wurden 1953 hingerichtet.

Immer wieder lenkten Tips von Agenten Verdacht auf Philby, der 1934 eine Kommunistin geheiratet und für die Komintern gearbeitet hatte. Doch Philby besaß viele Freunde. Graham Greene, Mitarbeiter während des Krieges, beschrieb Philby als »besten aller Chefs«. Für Londons Führungsetagen war der Landsmann mit den brillanten Manieren und den guten Oberklassekontakten kein Verrätertyp.

Als 1951 die »Fünf von Cambridge« durch amerikanische Geheimfunkentschlüsselung aufflogen, wurden als erste Burgess und Ma clean geortet, konnten aber - wahrscheinlich dank eines Philby-Tips - in die UdSSR wegtauchen.

Das Verschwinden der Cambridge-Zöglinge schockierte in den tonangebenden Zirkeln der englischen Politik. Von nun an galt auch Philby als Sicherheitsrisiko - nicht zuletzt weil Burgess zu seinen Freunden zählte und beim Ehepaar Philby gewohnt hatte. Philby überstand alle Verhöre. Vorsichtshalber schickten ihn die Vorgesetzten im Juli 1951 in den Ruhestand, mit 4000 Pfund Abfindung sowie einer Ehrenerklärung im Unterhaus durch den Ministerpräsidenten Harold Macmillan.

Erst 1963 gestand der Spion, inzwischen als Korrespondent in Beirut ansässig, einem MI6-Emissär seine Spionagetätigkeit seit 1934. Dann floh er in die Sowjetunion. Das Geständnis raubte vielen Standesgenossen in London die Illusionen. »Kim ist hinüber, es ist genau wie 1951, als die Jungs gingen«, jammerte Arthur Martin, Leiter der MI5-Sowjetabteilung. »Viele Menschen in der Welt der Geheimdienste alterten in der Nacht«, beobachtete MI5-Mann Peter Wright.

In Washington fand Angleton schnell die Fassung wieder, obwohl die Enttarnung seines Tischgenossen für die westlichen Dienste so etwas wie die Mutter aller Katastrophen war. Befragt nach den Aufzeichnungen seiner Lunch-Gespräche mit Philby - die amtliche Nachzählung ergab über drei Dutzend davon -, sagte der CIA-Mann in aller Schlichtheit: »Sie sind weg. Ich habe sie verbrannt. Sehr ärgerlich das Ganze.«

Die Sache traf Angleton, wie seine Ehefrau Cicely berichtete, »furchtbar und tief - es war ein Schlag, den er niemals vergaß«. Danach vertraute der Geprellte kaum noch jemandem.

Die manische Spionjagd wurde Angleton schließlich zum Verhängnis. Als er auch Universitäten und Vietnamkriegsgegner nach Sowjetinfiltranten durchkämmte, feuerte ihn CIA-Chef William Colby Ende 1974. Zurück blieben 40 persönliche Safes mit Geheimmaterial, für dessen Erfassung CIA-Spezialisten anschließend drei Jahre benötigten.

20 Jahre Paranoia mit Angleton hatten das Kriegsspiel der Dienste auf ein fast künstlerisches Niveau gehoben, aber die Erfolgsbilanz der CIA schmerzlich heruntergebracht. »Ich sehe leider nicht, daß wir unter Jim auch nur einen Spion gefangen haben«, bilanzierte Colby traurig.

1991, als Norman Mailer dem Mann, der die tragikomische Endstufe des Intelligence-Strategen verkörpert, ein literarisches Denkmal setzte ("Harlot''s Ghost"), gab Spionagestoff noch Bestseller her. Das änderte sich mit Ende des Kalten Krieges.

Die Dienste zwar konnten ihre Wasserkopfstärke retten, weil an neuen Feindbildern kein Mangel ist - Wirtschaftsspionage, Atomwaffenschmuggel, Terrorismus, Mafia (siehe Seite 154). Für ihre treuesten Begleiter, die Thrillerautoren, sieht es aber schlechter aus. Das Publikum übt Abstinenz, »weil es den Kalten Krieg einfach nicht mehr gibt«, sagt Jack Romanos, Chef des US-Verlags Simon & Schuster.

Bestsellerautoren, darunter Frederick Forsyth, Robert Ludlum und Ken Follett, wechselten die Verlage. Die Zeiten würden härter, fand Ken Follett: »Keiner mehr hat Angst vor den Russen. Aber jemanden zum Fürchten brauchst du.«

Christian Habbe, 58, ist SPIEGEL-Redakteur und berichtet seit 1982 aus Berlin und Ostdeutschland.

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Operationsfeld Berlin Schauplätze im Krieg der Agenten Werner Stiller, BND- Maulwurf im Ministerium für Staats- sicherheit, flieht 1979 in den Westen Otto John, Präsident des Bundes- amts für Verfassungs- schutz, wechselt 1954 die Seiten John le Carrés »Spion, der aus der Kälte kam« (Darsteller Richard Burton) ist eines der bekanntesten Maueropfer Stasi-Gefängnis Hohenschön- hausen - zugleich Nazi- Akten-Archiv zwecks Straf- verfolgung, Erpressung und Propaganda Terrorziele »La Belle« 1986 und »Mykonos« 1992 - bei Anschlä- gen libyscher und ira- nischer Agenten ster- ben sieben Menschen CDU-Politiker Heinrich Lummer wird beim Rendez- vous mit einer Agentin im Hotel Metropol von der Stasi kontaktiert Stillgelegte US-Ab- hörstation auf dem Teufelsberg, die bis zum Ural reichte Walter Linse, Referent beim »Untersuchungs- ausschuß frei- heitlicher Juri- sten«, wird 1952 in die UdSSR ent- führt und später erschossen Grotewohl- Sekretärin Elli Barczatis wird 1955 als BND- Spionin ver- haftet und hingerichtet Operation Gold, ein CIA-Tunnel zum An- zapfen des Sowjet-Tele- fonnetzes, 1956 ent- tarnt

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* Sowjetbürgerrechtler Anatolij Schtscharanski (M. mitPelzmütze) neben US-Botschafter Richard Burt beim Freitausch gegenOst-Agenten 1986.* Oben: im Hafen von Auckland 1985; rechts: nach derFreilassung aus neuseeländischer Haft 1988.

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