Von Frederick Forsyth
Vor zehn Jahren - in London goß es in Strömen - zog ich mich nach dem Lunch in einem Club auf der St. James''s Street zum Kaffee in die Bibliothek zurück. Mein Gast war der Abteilungschef Westliche Hemisphäre (CWH) in unserem Auslandsnachrichtendienst. Ich wußte, daß er gerade den seit zwei Jahren bestellten Bericht für Margaret Thatcher übergeben hatte: Nachrichtenbeschaffung in den neunziger Jahren.
Ich fragte ihn, was er bei seinem Blick in die Kristallkugel als größte Bedrohung vorausgesehen habe? Er zögerte keine Sekunde. »Weiterverbreitung«, sagte er.
Damals fiel die Berliner Mauer, die rote Gefahr war im Begriff, Geschichte zu werden. Doch neue Bedrohungen machten sich schon bemerkbar. Zehn Monate nach unserem Gespräch überfiel Saddam Hussein Kuweit, und der Westen sah sich einem Tyrannen der Dritten Welt gegenüber, der Gefechtsköpfe mit Milzbrandbazillen sowie den Nervengasen Sarin und Tabun besaß, der an der Schwelle zu einer eigenen Atombombe stand, primitiv, doch gefährlich.
Das war es, was der CWH meinte: die starke Vermehrung von hochgradig tödlichen Waffen in den Händen von unzurechnungsfähigen Terroristen und Despoten. Eine teuflische Sache.
Ich bezweifle, daß er heute seine Meinung ändern würde, außer vielleicht, um die Liste zu verlängern: Man füge globales organisiertes Verbrechen von staatszerrüttenden Ausmaßen hinzu, Rauschgifthandel auf gleicher Ebene, Schmuggel von High-Tech-Waffen sowie religiösen Terrorismus. Diese Gefahren betreffen uns alle. Wenn wir sie bekämpfen wollen, werden wir Informationen brauchen. Und verdeckte Informationsbeschaffung ist Spionage. Nein, Freunde, der Spion ist nicht verschwunden; er erlebt eine neue Renaissance.
Erlauben Sie mir also einen kurzen Blick zurück und einen längeren nach vorn durch die Nebel des Ungewissen. Wenn der Mensch bedroht wird, hat er die Wahl - er kann kapitulieren oder sich verteidigen. Wählt er das letztere, muß er sich bewaffnen, mit konventionellen und leider auch mit unkonventionellen Waffen.
Was die Moral der Spionage anlangt, kein Problem. Wer einmal das Recht zur Selbstverteidigung akzeptiert hat, sollte seine Mittel prüfen. Es gibt zwei Arten: die statische Verteidigung - die Reaktion eines Boxers, der die Deckung hochnimmt und hofft, daß die Schläge ihn nicht weiter verletzen - und den Gegenangriff. Wenn Gegenangriff im Interesse der Selbstverteidigung moralisch gerechtfertigt ist, dann ist es Spionage auch. Der Spion und der Führungsoffizier werden einfach unsichtbare Soldaten.
Den größten Coup der Spionage hat wohl immer noch ein Deutscher gelandet. 1941 stürmten Hitlers Armeen gen Moskau. Stalin mußte dringend wissen: Wird Japan meine Ostflanke angreifen? Richard Sorge arbeitete damals als Journalist in Tokio. Weil er Deutscher war, nahm die japanische Geheimpolizei Kempetai an, er sei ein Nazi. Falsch: Er war ein engagierter Kommunist im Dienste Moskaus. Er beschaffte die Information: Die Japaner würden in der Mandschurei bleiben, sie würden Rußland nicht angreifen.
Stalin verlegte eilig 40 000 Mann sibirischer Truppen aus dem Osten nach Moskau, für ihn Kanonenfutter, um die deutschen Kugeln zu stoppen. Die Front hielt; Moskau fiel nicht, Rußland fiel nicht. Die Geschichte nahm einen anderen Lauf.
Doch so etwas ist sehr selten. Spionage hat gewöhnlich nicht mit einzelnen Stars und deren Bravourstücken zu tun. Vergessen Sie James Bond. Es geht mehr um einen Quilt, ein Puzzle, wo winzige Bruchstücke unter laserscharfer Analyse schließlich ein Bild ergeben oder wenigstens so viel davon erahnen lassen, daß die Alarmglocken schrillen.
Große Durchbrüche basieren oftmals auf dem körnigen Foto eines Satelliten, stützen sich auf ein sorgloses Gespräch, das elektronische Horcher aufgeschnappt haben, auf einen abgefangenen Telefonanruf, den Bericht eines Geschäftsmannes und schließlich auf ein paar Dokumente, gestohlen von einem Abtrünnigen der Ge- genseite. So war es mit den Raketen von Kuba im Oktober 1962.
Die amerikanischen U-2-Aufklärungsflugzeuge hatten merkwürdige Umrisse entdeckt und fotografiert. Die CIA wußte, worum es sich dabei handelte, ein russischer Oberst namens Oleg Penkowski, in westlichen Diensten und von den Briten geführt, hatte es herausgefunden. Das waren keine defensiven Luftabwehrraketen, sondern Angriffswaffen, die auf die amerikanische Ostküste zielten. Der Countdown zu einem Krieg hatte begonnen.
Und Penkowski, der ein schreckliches Risiko einging, hielt die Stellung. Als Kennedy mit Chruschtschow pokerte, stand der Russe unsichtbar hinter Herrn C. und hielt einen Spiegel hoch. Kennedy sah alles und konnte das Spiel gewinnen. Die Raketen wurden abgezogen - doch das KGB wußte, daß es verraten worden war. Penkowski wurde gefaßt und hingerichtet.
Spionage ist nichts für Zimperliche und Geltungssüchtige. Meistens funktioniert sie bedächtig, sorgfältig, langweilig, langsam, öde, und oft endet sie ohne Resultat. Ihre Praktiker müssen im Schatten bleiben, auf »Na, wie war''s denn heute im Büro?« können sie nie wirklich antworten.
Obendrein haben sie mit widersprüchlichen Loyalitäten zu kämpfen, mit verzweifelten Witwen, denen man nicht erzählen kann, was passiert ist, mit internen Untersuchungen und Gegenbeschuldigungen, wenn etwas schiefgeht, schlimmer noch, mit den Schlagzeilen, wenn etwas richtig schiefgegangen ist. Dann schlagen die Politiker um sich, suchen einen Sündenbock und zetern: »Warum hat uns niemand gewarnt?« Ein klassisches Beispiel war die argentinische Invasion der Falklandinseln von 1982.
Wir hätten es wissen müssen. Selbst als die argentinische Flotte schon unterwegs war, verhandelten die Briten noch vergebens mit dem hinterhältigen Außenminister Costa Mendez. Er schwor, niemand im Präsidentenpalast Casa Rosada denke im Traum an Aggression. Wir glaubten ihm, was unter anderem dazu führte, daß Lord Carrington, der damalige britische Außenminister, seinen Rücktritt erklärte. Als die argentinischen Kriegsschiffe in Comodoro Rivadavia und Ushuaia Ladung faßten, nahmen sie Landungsboote an Bord.
Man braucht keine Landungsboote für Seemanöver. Wir hätten die Boote sehen müssen. Wir hätten einen Spion in ihrer Marine gebraucht. Wir hatten keinen, weil schon die Wilson-Regierung den Haushalt bis auf die Knochen beschnitten und 90 Prozent der Aufmerksamkeit auf die Sowjets gerichtet hatte.
Als der Falkland-Krieg vorbei war, hatte er auf britischer Seite mindestens 700 Millionen Pfund und 255 hoffnungsvolle junge Leben gekostet, ganz zu schweigen von noch viel mehr argentinischen Bauernjungen, die für den Traum des Präsidenten Galtieri gestorben waren.
Heute und morgen dürften die Gefahren anders sein, doch sie sind nicht verschwunden. Die Drogenflut schwappt über Westeuropa, durch jede Stadt, durch jedes Dorf, sie schwächt die Dynamik, den Schwung, die Kraft und Begeisterung unserer Jugend. Inzwischen schätzt man, daß schon 50 Prozent der übrigen Verbrechen durch Drogen finanziert oder ausgelöst werden. Der Augenblick muß bald kommen, wo die Politiker aufhören, daran vorbeizureden, daß Drogenhändler eine ebensolche Bedrohung für die Gesellschaft sind wie einst Baader-Meinhof oder die Roten Brigaden.
In Großbritannien haben sich Nachrichten- und Abwehrdienste schon lange auf Terroristen und Drogenhändler umgestellt - Europa muß sich hier anschließen, wenigstens teilweise.
Der Gedanke an russische Atomwaffen in den Händen von Menschen, die seit einem Jahr kein Gehalt bekommen haben, ist haarsträubend genug. Weniger sichtbar, weniger öffentlich bekannt sind die Fabriken für Nervengas und chemische Kriegführung, die überall in der Dritten Welt entstehen. Klein, billig und äußerst todbringend wird der erste größere Schlag eines Tages die Nachfolger des Atompilzes ins Weltbewußtsein bringen.
Das wird die Zukunft sein - im Untergrund. Nicht ein Hauptgegner wie das KGB nebst Anhang im Kalten Krieg. Keine überschaubare Zentrale wie Moskau, dafür Tausende Fanatiker, Gangster, Drogenhändler, Killer und Verräter im Sold von hundert Kriegsfürsten der neuen Aggression.
Sind wir, ist Westeuropa bereit? Absolut nicht. Wir müssen mehr wissen, viel mehr. Kommen Sie also zurück, Herr Spion, und fangen Sie wieder an.
Forsyth, 60, englischer Autor, war BBC-Reporter und schreibt Polit-Thriller ("Die Akte Odessa«, »Der Schakal").
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT:
I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. DAS JAHRHUNDERT DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT:I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III.DAS JAHRHUNDERT DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DERMEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DESGETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DESSOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS;XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR