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MUSICAL Wahn in der Wanne

Bremen steigt mit »Jekyll & Hyde« ins deutsche Musical-Geschäft ein - dabei steckt die einst verwöhnte Branche in einer schweren Krise.
Von Joachim Kronsbein
• aus DER SPIEGEL 8/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Weg zur Wahrheit führt unerschrockene Forscher bisweilen auch moralisch durch steiniges Gelände: Darf die Wissenschaft partout alles realisieren, wozu der menschliche Genius willens und fähig ist?

Solch brisante Menschheitsfragen wirft »Jekyll & Hyde« auf, ein Musical, das am vergangenen Freitag in Bremen Premiere hatte. Das flotte Stück (Musik: Frank Wildhorn, Text: Leslie Bricusse) ist ein US-Import nach Robert Louis Stevensons Schizo-Novelle und läuft seit zwei Jahren höchst erfolgreich am New Yorker Broadway - und eben das stimmte die mit wirtschaftlichen Erfolgsnews nicht übermäßig strapazierten Bremer Stadtväter hoffnungsfroh.

Für die eigenständige deutsche Version in der Hansestadt modelte ein Konsortium für rund 45 Millionen Mark eigens das ehemalige städtische Zentralbad um. Wo früher Wannen- und Brausebäder die Bremer zu periodischer Reinlichkeit verführten, lockt nun das von Regisseur Dietrich Hilsdorf rasant aufbereitete Schicksal des wahnkranken Dr. Jekyll, der sich durch wagemutigen Selbstversuch in den mörderischen Mr. Hyde verwandelt. Klar, daß sich unter solchen schizoiden Umständen auch das Liebesleben verwirrt. Als Dr. Henry Jekyll liebt der wandlungsfähige Arzt die biedere Lisa und als Wüterich Edward Hyde das zuchtlose, aber erotisch weitaus ergiebigere Tingeltangel-Girl Lucy.

Der Überlebenskampf von Gut und Böse illustriert aufs schönste die Situation der Musical-Branche insgesamt. Nach Jahren des Booms kriselt''s jetzt kräftig. Die Spreu trennt sich vom Weizen: Marktführer Stella AG, eine Hamburger Firma, die Deutschland nahezu flächendeckend mit vertonten Geschichten über Tiere ("Cats"), Kronleuchter ("Das Phantom der Oper") oder militärischen Sextourismus ("Miss Saigon") überzieht, trifft es derzeit am härtesten. Die Auslastung aller sieben Stella-Produktionen sank im Durchschnitt von einst über 90 auf jetzt noch 78 Prozent. Am unbeliebtesten ist offenbar das Duisburger Revolutionsspektakel »Les Misérables«, bei dem in der Regel knapp die Hälfte aller Sitze am Abend hochgeklappt bleiben.

Stella stellt inzwischen Publikum und Personal vorsichtig auf Stellenabbau und sogar Theaterschließungen ein. Die Nöte der einstigen Boom-Firma verunsichern potentielle Besucher und vor allem die weit im voraus planenden Busveranstalter, die nun nicht mehr sicher sein können, daß sie ihre lukrativen Fuhren auch tatsächlich zur geplanten Zeit vor festlich erleuchteten Theatern abladen können.

Doch mit derlei Miseren hat die Branche bereits Erfahrungen. In der Einöde von Niedernhausen bei Wiesbaden gingen im Mai 1997 nach nur 18 Monaten auf Andrew Lloyd Webbers ohnehin düsterem »Sunset Boulevard« endgültig die Bühnenlichter aus. In Offenbach machte ein Jahr zuvor nach nur 415 Tagen das fetzige Rockmusi-

* Mit Lyn Liechty, Ethan Freeman.

cal »Tommy« dicht. »Gaudi« brachte in einem Kölner Zelttheater nur kurz Spaß, und in Basel floppte das »Phantom der Oper«.

Frank Buecheler, Koproduzent in der Bremer Badeanstalt, weiß auch, warum: »Es reicht nicht mehr, einfach neben irgendeiner Autobahnausfahrt am Waldesrand ein Theater zu bauen.« Und Rudi Klausnitzer, Intendant der Vereinigten Bühnen Wien, die die Menschheit mit dem Habsburgical »Elisabeth« oder dem Blutstück »Tanz der Vampire« beglückten, assistiert: »Es gibt keine Krise des Musicals, es ist die Krise der Produzenten.« Die akribisch genauen Kopien der angloamerikanischen Vorbilder verschlängen enorme Tantiemen für Autoren, Regisseure und Originalproduzenten, so daß die Kopieranstalten nur bei Höchstauslastung rentabel arbeiteten.

Für Kenner des Gewerbes kommt die Krise beim Primus Stella deshalb nicht überraschend. Helmut Baumann, Intendant des Berliner Theaters des Westens und selber Musical-Macher, wettert: »Die Herrschaften konnten den Hals eben nicht vollkriegen.« Nun werde sich der Markt »auf ein normales Maß« zurückentwickeln.

Aber danach sieht es vorerst nicht aus. Außer »Jekyll & Hyde« mit seinem aufwendigen High-Tech-Bühnenbild (Johannes Leiacker) buhlt von diesem Donnerstag an auch die Düsseldorfer Produktion »Rent« um die Gunst der verbliebenen Kundschaft - eine verwegene Aids- und Drogen-Version von Puccinis »La Bohème« und laut Eigenwerbung zudem »Die Revolution des Musicals«.

Etwas beschaulicher soll es von Ende März an dagegen in Hameln zugehen, wo der ortsansässige, märchenhafte Rattenfänger seine Auferstehung im Musical erleben soll.

Aber auch Klassikfreunde brauchen auf Zuwendung seitens des Seichten nicht zu verzichten. In Wien bringt Klausnitzer im Oktober ein Austro-Schmankerl der hausgemachten Art heraus: »Mozart!« Der Maestro aller Maestri solle »als Mensch« den Nachgeborenen nähergebracht werden - Vater-Sohn-Konflikt und »Frauen« inklusive.

Ein Stoff halt »voller Liebe und Leidenschaft«, bei dem in weiser Einsicht in die musikalischen Möglichkeiten heutiger Tonsetzer soweit wie möglich auf Originalkompositionen des seligen Wolferls verzichtet wird. Der Niveauverlust wäre wohl denn doch zu kraß. JOACHIM KRONSBEIN

* Mit Lyn Liechty, Ethan Freeman.

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