Schleswig-Holstein: Provinzkommissar schnappt Autoknackerbande - DER SPIEGEL
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Schlag gegen Autodiebe Leg dich nicht mit Manni Brodersen an

Hunderte Einbrüche und Diebstähle gehen auf ihr Konto. Doch dann kommt den Verbrechern ein außergewöhnlich hartnäckiger Kommissar aus der Provinz in die Quere - und bringt die litauische Autoknackerbande nun vor Gericht. Von Andreas Ulrich
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Hauptkommissar Brodersen: "Meistens ganz gut informiert"

Hauptkommissar Brodersen: "Meistens ganz gut informiert"

Foto: Johannes Arlt/ DER SPIEGEL

Zu erfolgreichen Ermittlungen gehört meist ein Quäntchen Glück. In diesem Fall war es ein Mobiltelefon, das der mutmaßliche Bandenchef bei einem Einbruch in Schleswig-Holstein erbeutete und offenbar so schick fand, dass er es behielt.

Schlau genug, die Sim-Karte auszutauschen, war Nerijus M., ein 36-jähriger Litauer. Er wusste aber wohl nicht, dass moderne Geräte trotzdem zu orten sind. "Wir waren meistens ganz gut informiert, was die Verdächtigen vorhatten", sagt Hauptkommissar Manfred Brodersen von den Kripo Norderstedt, nördlich von Hamburg.

Neun Angeklagte müssen sich vom 6. September an vor dem Landgericht Kiel für Hunderte Einbrüche und Diebstähle verantworten. Sie sollen Güterzüge voller Neuwagen heimgesucht, Dutzende Navigationsgeräte und Airbags Nacht für Nacht entwendet haben. Wenn sie bei Wohnungseinbrüchen Autoschlüssel fanden, nahmen sie den Wagen gleich mit. Die Klautouren begannen in Schleswig-Holstein, dann griffen sie auf andere Bundesländer über.

Ermittler schaffen es nur selten, solche Diebesbanden zu schnappen. Dass die Beamten diesmal erfolgreich waren, liegt auch an der Hartnäckigkeit eines Polizisten. Ihm gelang es, sich umfangreiche Unterstützung der Bundespolizei, der Staatsanwaltschaft und von Europol zu holen. Kommissar Brodersen, genannt "Manni", steht mit seinen 58 Jahren kurz vor der Pension. Er könnte sich zurücklehnen, die Aussicht seines Eckzimmers im ersten Stock des Kommissariats genießen und von seinem Lieblingsreiseland Kanada träumen. Aber so einer ist Manni nicht.

Schon nach den ersten Wohnungseinbrüchen und Autodiebstählen in seinem Revier im Jahr 2008 vermutete er Profis am Werk. Die Unbekannten begingen bis zu zehn Taten pro Nacht und suchten manche Orte mehrmals heim. Einige Autobesitzer mussten sich viermal neue Navigationsgeräte einbauen lassen. Kaum montiert, waren sie schon wieder weg.

Über die Jahre kamen so weit mehr als tausend Taten zusammen. Im Sommer 2013 wurden in Litauen Autos sichergestellt, die im Raum Neumünster gestohlen worden waren. Brodersen war überzeugt, dass eine Bande aus Litauen am Werk sein müsse. "Da müssen wir uns hinterklemmen", sagte Manni zum Chef.

Seine Glückssträhne begann, als Nerijus M. laut Ermittlern nach einem Einbruch in Henstedt-Ulzburg nicht nur den 5er BMW des Hausherrn, sondern auch dessen Blackberry-Handy mitgehen ließ. Und es persönlich benutzte.

Im September 2013 legte Manni Brodersen los. Er besorgte sich Gerichtsbeschlüsse, um das Handy orten und abhören zu dürfen, und stieß auf den Unterschlupf der Verdächtigen, eine Gartenlaube an der Autobahnraststätte Holmmoor. Gern hätte der Kommissar die Laube durchsucht. Dummerweise zerstritten sich die Litauer mit den russischen Vermietern, bevor er anrücken konnte. Die Verdächtigen kamen bei einem Landsmann in Bremen unter, wo sie den nahen Güterbahnhof entdeckten. Er muss ihnen wie das Paradies vorgekommen sein: Hunderte Neuwagen standen nächtelang unbewacht dort herum. Die Täter knackten Dutzende Autos pro Nacht.

Brodersen bekam das mit, aber er war ja allein und außerdem für sein Revier im Süden Schleswig-Holsteins zuständig, nicht für Bremen. Er wandte sich an die Bundespolizei, denn die verfügte über alles, was Brodersen fehlte: mobile Observationskräfte sowie moderne Technik, um Verdächtige zu orten und zu verfolgen. In der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel erklärte sich eine Staatsanwältin bereit, Verantwortung für bundesweite Ermittlungen zu übernehmen.

Das war die Geburtsstunde der Soko "Sonnenuntergang". Manni Brodersen bekam Verstärkung, Bundespolizisten lagen nächtelang auf der Lauer. Ihre Erkenntnisse, dazu mit Peilsendern ausgestattete Autos und das abgehörte Handy - so erfuhren die Ermittler, dass die Bande über Niedersachsen und das Ruhrgebiet bis nach Baden-Württemberg vorgedrungen war.

Brodersen lernte, wie die Bande funktionierte: Wer verhaftet wurde, hatte Pech. Er verlor jede Unterstützung und wurde ersetzt. Der Ersatz war schnell rekrutiert und zog nach kurzer Ausbildung los. Die Beute wurde in Garagen gesammelt, regelmäßig brachte ein Lkw-Fahrer sie von einem Brummi-Parkplatz in Essen nach Litauen.

Der Kommissar aus Norderstedt arbeitete in einer Ermittlungsgruppe mit Kollegen im Baltikum zusammen, unterstützt von der EU. Unter Federführung des Bundeskriminalamts koordinierte die europäische Polizeibehörde Europol seit 2014 zweieinhalb Jahre lang Ermittlungen gegen Banden aus Osteuropa. In dieser Zeit wurden rund 2000 Tatverdächtige ermittelt, 575 Haftbefehle ausgestellt und mehr als 70 Banden zerschlagen.

Eine davon war die Gruppe um Nerijus M., der wie die meisten seiner Komplizen aus der litauischen Großstadt Panevezys stammt. Im Herbst 2015 hatte die Soko "Sonnenuntergang" genug Beweise gesammelt. Am 20. Oktober nahm die Polizei in vier Bundesländern zeitgleich mutmaßliche Bandenmitglieder fest und durchsuchte zahlreiche Wohnungen.

"Trotz der Millionenschäden, die sie verursachten, hatten die Verdächtigen ständig Geldsorgen", sagt Brodersen. Für ein Navigationsgerät erhielten sie weniger als 100 Euro, einen gestohlenen Mercedes SL im Wert von 120.000 Euro sollen sie für 3000 Euro verkauft haben. Viel Geld ging den Erkenntnissen der Ermittler zufolge für Alkohol, Drogen und Bordellbesuche drauf.

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