Schwules Liebespaar "Vater darf es nicht erfahren"
Paar Schieß, Deyer
Foto: Janek Stroisch/DER SPIEGELAndreas Deyer, 42 (r.), und Jens Schieß, 38, sind seit sechs Jahren ein Paar und leben zusammen auf einem Bauernhof zwischen Hügeln und Gerstenfeldern in Baden. Deyer ist Landwirt, Schieß ist Berufssoldat, Hauptfeldwebel in einem luftfahrzeugtechnischen Bereich. Ihr Hof ist 500 Jahre alt und wird in fünfter Generation von Deyers Familie geführt, es ist ein Milchviehbetrieb - mit eigener Speiseeisherstellung.
SPIEGEL: Herr Deyer, Herr Schieß, wie lebt es sich als schwules Paar im Jahr 2017 in Deutschland?
Schieß: Als schwuler Soldat kann ich mich nicht beklagen.
Deyer: Kommt drauf an, wo.
SPIEGEL: Auf dem Land, in der badischen Provinz.
Deyer: Ich bin zufrieden hier, aber der Weg war nicht leicht, und das liegt auch daran, dass ich auf dem Land lebe und als Landwirt arbeite. Ich glaube, dass der Anteil der Schwulen in der Landwirtschaft gar nicht so gering ist, aber der Anteil der Menschen, die offen dazu stehen, der ist sehr gering.
SPIEGEL: Wieso?
Deyer: Es gibt noch immer einen Unterschied zwischen Stadt und Land hinsichtlich der Akzeptanz Homosexueller. In jeder größeren Stadt gibt es eine schwule Szene. Dass in der Stadt mal zwei Männer oder zwei Frauen Händchen halten, ist nicht so ungewöhnlich.
SPIEGEL: Wovor fürchten sich die schwulen Landwirte, die sich nicht outen?
Deyer: Schwule wurden in meinem Umfeld als abnormal dargestellt. Ich habe mich mit 35 Jahren geoutet. Ich war zuvor vier Jahre mit einer Frau verheiratet. Die Schwulen, die ich in den Medien gesehen habe, waren laut und trugen Federboas. Ich hatte nicht das Bedürfnis, eine Federboa zu tragen.
SPIEGEL: Was wollten Sie?
Deyer: Ich hab gewusst, ich bin anders, aber ich wollte nicht anders sein. Ich fand Männer schon immer interessant. Ich wollte nicht schwul sein und habe es deshalb verdrängt. Es ist nicht so, dass ich mich mit Frauen nicht verstehe, aber sexuell kann ich mit Frauen nichts anfangen. Der innerliche Druck, den man sich dann macht, war bei mir relativ hoch. Es dauert einfach, bis man zu sich sagen kann: Ich bin eigentlich schwul.
SPIEGEL: Herr Schieß, welche Erfahrungen machen Sie bei der Bundeswehr?
Schieß: Ich kann nichts Negatives sagen. Als ich mich geoutet habe, erlebte ich sogar respektvollen Zuspruch meiner Kameraden.
SPIEGEL: Wie lief denn Ihr Outing ab?
Schieß: Ich habe bei uns im Arbeitsbereich alle zusammengerufen, um ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Als ich bekannt gab, dass ich schwul bin, gab es keinerlei negative Reaktionen. Des Weiteren sagte ich nur, wenn jemand ein Problem damit habe, könne er sich gern melden und dann würden wir darüber reden. Offenheit ist meiner Meinung nach wichtig. Es kam auch der eine oder andere Kamerad mit Gesprächsbedarf und Fragen. Die ganzen Gespräche haben aber eher den Zusammenhalt gestärkt.
SPIEGEL: Herr Deyer, Sie haben gesagt, dass Sie zuerst mit einer Frau verheiratet waren, wie war das?
Deyer: Ich hatte eine Partnerin, wir haben uns verstanden, ich habe etwas für sie empfunden. Wir haben geheiratet, weil es hier normal ist, dass man heiratet, wenn man ein paar Jahre ein Paar ist. Kurz danach habe ich gedacht, das willst du doch gar nicht. Aber ich hatte noch nie einen Mann geküsst. Ich habe dann ein paar Jahre ein Doppelleben geführt und heimlich Männer getroffen.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich geoutet?
Deyer: Als Erstes hab ich es meiner Frau gesagt. Auf dem Land kennt jeder jeden. Wenn man sich scheiden lässt, ist das schon Thema genug. Wenn du dann noch schwul bist, wissen es alle.
SPIEGEL: Was haben Ihre Eltern gesagt?
Deyer: Ich habe in der Küche meine Mutter um einen Moment gebeten und gesagt, Mama, ich bin schwul. Sie hat geweint. Sie hat gesagt, aber der Vater darf das nicht erfahren.
SPIEGEL: Wer hat es Ihrem Vater gesagt?
Deyer: Meine Mutter. Mein Vater hat mir gesagt, das wird niemand erfahren. Er hat ein halbes Jahr lang nicht mit mir geredet. Ich denke, wenn ich zehn Jahre jünger gewesen wäre, wäre ich gegangen, oder mein Vater hätte mich rausgeschmissen, aber weil ich Zeit und Geld in den Hof gesteckt hatte, bin ich geblieben. Ich hab versucht, mit meiner Mutter zu reden. Mein Vater hat ihr gesagt, dass sie schuld sei, weil sie mich so stark verhätschelt habe.
SPIEGEL: Gab es eine Versöhnung?
Deyer: Eine Aussprache hatten wir nie. Mein Vater hat nie das Wort "schwul" gebraucht. Er sagt schon zu seinen Freunden, dass Jens mein Freund sei. Er sagt aber nicht: Mein Sohn ist schwul.
SPIEGEL: Wie geht Herrn Deyers Vater mit Ihnen um, Herr Schieß?
Schieß: Ganz normal. Ohne Probleme.
SPIEGEL: Wer hat Ihnen in der Zeit nach Ihrem Outing beigestanden?
Deyer: Erst mal hatte ich vor allem das Gefühl, hier versteht mich niemand. Meine Tante hat zu meiner Mutter gesagt, Schwule seien Kinderschänder. Eine andere Schwester meiner Mutter hat gesagt, in ihrer Familie hätte es das nicht gegeben. Ein Berater der Landwirtschaftskammer hat zu meinem Vater gesagt, wenn der Sohn schwul sei, habe das keine Zukunft mit dem Hof.
SPIEGEL: Wie haben Sie das ausgehalten?
Deyer: Ich glaube, zerbrochen wäre ich, wenn ich mich nicht geoutet hätte.
SPIEGEL: Glauben Sie, Herr Schieß, dass die Toleranz, die Sie in der Bundeswehr angetroffen haben, in der ganzen Truppe herrscht?
Schieß: In anderen Truppengattungen, wo ein ausgeprägteres archaisches Männerbild herrscht, ist es sicher schwieriger als bei mir, in einem technischen Bereich. Das kriegt man manchmal von Kameraden mit. Wer dort schwul ist, lässt sich halt versetzen. Natürlich ist hier nicht alles perfekt. Ich schätze, die Dunkelziffer der nicht geouteten Schwulen ist auch in der Bundeswehr hoch. Bei mir in der Umgebung kenne ich vier Soldaten, die geoutet sind, bei tausend Soldaten insgesamt. Das kann ja nicht sein.
SPIEGEL: Die Verteidigungsministerin versucht gerade, sich für Homosexuelle in der Bundeswehr einzusetzen. Klappt das?
Schieß: Ich bin schon von Kameraden auf das jüngste Programm der Ministerin angesprochen worden. Meine Kameraden meinten: "Was will die Uschi eigentlich? Ist doch alles gut hier mit den Schwulen." Ich glaube, das zeigt das Problem solcher Programme, weil von Truppengattung zu Truppengattung andere Bedingungen herrschen. Und ich denke, das ist dann ein besonderer Fall, weil es von der Ministerin kommt.
SPIEGEL: Wieso läuft es in der Bundeswehr anscheinend so gut und in der Landwirtschaft nicht?
Deyer: Ich glaube, wir dürfen nicht den Fehler machen und so tun, als könnten wir diese Frage beantworten. Bei Jens und in seinem Bereich der Bundeswehr läuft es gut, bei mir hier auf dem Land war es schwierig. Daraus lassen sich nur schwer Regeln ableiten. Vielleicht wäre es für Jens in einer anderen Kaserne nicht so leicht gewesen, und auf einem anderen Hof in Bayern oder in Sachsen hätte ich keine Probleme gehabt. Es kommt meiner Meinung nach nicht darauf an, wo man ist, sondern wer die Menschen sind, die einen umgeben.