SPIEGEL: Abschiebung, Udo Lindenberg, Chemnitzviadukt - DER SPIEGEL
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Im neuen SPIEGEL Treffen mit dem Abschieber

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Polizist bringt Flüchtlinge aus Deutschland fort, Udo Lindenberg wird 70, die Bahn will ein Baudenkmal abreißen: Diese Geschichten empfehle ich aus dem aktuellen SPIEGEL.

Foto: Bernhard Riedmann / DER SPIEGEL

An dieser Stelle stellt Ihnen die SPIEGEL-Redaktion ihre Lieblingsgeschichten aus der neuen Ausgabe vor.
In dieser Woche: Martin U. Müller, 34, seit 2009 beim SPIEGEL. Er arbeitet im Wirtschaftsressort.

Wir führen SPIEGEL-Gespräche mit Staatsoberhäuptern, Kinostars oder den Chefs von Dax-Konzernen. Doch ein Interview mit einem "Rückführer" habe ich noch nicht gelesen. Norbert H. ist 45 Jahre alt, isst offenbar gern Rosinenbrötchen mit Nutella, interessiert sich für historische Flugzeuge. Er ist Polizeihauptkommissar und hat bisher 220 Abschiebeflüge aus Deutschland begleitet. Weil die Bundespolizei um seine Sicherheit fürchtet, dürfen wir seinen Namen nicht nennen.

Mein Kollege Takis Würger hat ein sehr interessantes Interview mit H. geführt. Er fragt etwa, wie man "ein guter Abschieber" wird, und möchte wissen, warum der Rückführer bisweilen Handgeld an die Menschen verteilt, die abgeschoben werden. Auffällig ist die technokratische Sprache des Bundespolizisten: So spricht er beispielsweise von einer "Zulieferung vom Sondereinsatzkommando" oder einer "Sammelrückführung". Und nicht selten tun die Abgeschobenen ihm leid. Ein packendes Gespräch, das viele Hintergründe liefert.

Ich habe gerade das wunderbare Buch "Panikherz" von Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen. Und weil es darin auch um Udo Lindenberg geht, habe ich das Porträt über den im Hotel Atlantic lebenden Panikrocker verschlungen. Kollege Thomas Hüetlin hat mit ihm allerhand erlebt: Er machte vor einem roten Chesterfield-Sofa mit dem Sänger gymnastische Übungen, wurde von Udo mit 25 Stundenkilometern im Porsche durch Hamburg kutschiert und kaufte mit ihm nachts Sashimi und Red Bull in der Wandelhalle am Hamburger Hauptbahnhof (Lindenberg zahlte mit Scheinen aus einem "Tausi"-Paket, das er sich gegen 50 Euro Trinkgeld im Hotel Atlantic besorgt hatte). Ich weiß nach der Lektüre des Porträts nun mehr über den Mann, der "zum Inventar des Landes wie die Grünen und das 'aktuelle Sportstudio'" gehört. Lindenberg klinge, schreibt Hüetlin, in seinen neuesten Liedern wie jemand um die Siebzig. Aber ohne Resignation, Bitterkeit oder Zynismus.

Wissenschaftskollege Christian Wüst, der selbst von sich sagt, keine Ahnung vom Autokauf zu haben, schreibt regelmäßig äußerst amüsant über alle Facetten der Transport-Industrie. Mal geht es um übermotorisierte Oberklasselimousinen, mal um Geländewagen aus russischer Produktion. Im neuen SPIEGEL widmet er sich mal wieder der Bahn, dem, wie er schreibt, "traditionsreichsten Transportunternehmen des Landes". Konkret geht es um das Streitobjekt Chemnitzviadukt, eine 275 Meter lange Brücke aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die sollte abgerissen werden, weil die Restnutzungsdauer bald erreicht sei. Da aber das Geld fehlte, wurde "wie durch ein Wunder" der Zustand der Brücke neu bewertet: Sie trage doch noch. Wüst konstatiert: "Worauf ist Verlass im Land der Ingenieure? Sind Berechnungen über die Tragfähigkeit von Brücken so subjektiv wie Theaterkritiken?" Eine spannende Frage, die ich mir jetzt als regelmäßiger Bahnfahrer auch stelle.

Hier kommen Sie zur Digitalausgabe des neuen SPIEGEL.

Eine aufschlussreiche Lektüre wünscht

Martin U. Müller

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