Was läuft schief mit diesem Verein? Werder-Fan Cordt Schnibben schaut seit Jahren seiner Mannschaft dabei zu, wie sie verzweifelt vergangenen Erfolgen hinterherrennt. Kann man erklären, warum ein Team seine Kraft, sein Selbstbewusstsein verliert?
Am Samstag ist eine Bundesligasaison zu Ende gegangen, die unten so spannend war wie lange nicht. Mit dem HSV, dem VfB Stuttgart und Werder Bremen waren drei ehemalige Meister der Bundesliga in den Abstiegskampf verwickelt. Als Werder-Fan schaue ich schon in der dritten Saison meiner Mannschaft dabei zu, wie sie verzweifelt vergangenen Erfolgen hinterherrennt, und ich frage mich - wie viele Fans - was in dem Verein schiefläuft. Vor zehn Jahren Meister, sechs Jahre lang Champions League, Offensivspektakel, Weltstars wie Micoud, Pizarro, Klose, Diego, Özil, und nun chancenlos gegen Mainz, Augsburg oder Freiburg.
Wenn eine Mannschaft - wie jahrelang unter Thomas Schaaf - berauschenden Fußball spielt, dann dauert ein Spiel drei Tage. Am Tag vor dem Match geht der Fan die Aufstellung der Mannschaft durch, er zittert um die Verletzten, er taxiert die Form seiner Leute, er checkt, wer beim Gegner ausfällt, er rechnet durch, auf welchem Tabellenplatz sein Verein nach einem Sieg stehen wird.
Am Tag nach dem Spiel liest er alle Spielberichte, prüft die Verletztenliste und trifft Prognosen für den weiteren Verlauf der Saison.
Für mich - Werder-Fan seit über 50 Jahren und Mitglied des Vereins - dauern Spiele von Werder Bremen nur noch 90 Minuten, manchmal nur 45 oder sogar nur 15 Minuten. Die Mannschaft, die noch 2006 vom großen argentinischen Fußball-Philosophen César Luis Menotti als Vorbild für modernen Fußball gelobt wurde - "Werder spielt revolutionär und kreativ, so untypisch für den oft erstarrten deutschen Fußball" - schafft es nur noch, sich gegen andere Mannschaften zu wehren, meist erfolglos.
Innerhalb von drei Jahren ist ein Champions-League-Team zu einer Zweit-Liga-Mannschaft heruntergewirtschaftet worden, die am Ende der Saison froh sein muss, den Abstieg vermieden zu haben, weil es immer drei Vereine gibt, die noch schlechter spielen. Schönen Dank, HSV!
Es ist mehr als das normale Auf und Ab im Fußball, und darum habe ich mit einem Dutzend Leuten rund um den Verein gesprochen, habe mir von Opta Sports jede Menge Daten besorgt, um den mysteriösen Zerfall der Mannschaft zu entschlüsseln. Kann man erklären, warum eine erfolgreiche Mannschaft ihre Schönheit, ihre Kraft, ihr Selbstbewusstsein verliert? Bis zu einem gewissen Maße ja, es ist das Ineinandergreifen von sechs, sieben Variablen, das einer Mannschaft Erfolge bringt, und darum kann man auch Misserfolge erklären. Was mir in den Gesprächen mit Werder-Spielern und Werder-Verantwortlichen auffiel: die Bereitschaft, im Handeln der anderen die Ursache für den Niedergang zu sehen, sich aber bitte nicht mit der Kritik zitieren zu lassen. Große Ausnahme: Klaus Allofs, der zu seiner Verantwortung steht und sich auch nicht scheut, sie öffentlich zu benennen.
Meine Liebe zu Werder hatte an einem kalten Januarmittwoch im Jahr 1962 begonnen, ich durfte an der Hand von Onkel Heini das Viertelfinale im Europapokal gegen Atlético Madrid besuchen; durch den Fußgängertunnel am Osterdeich näherten wir uns auf regennassem Kopfsteinpflaster dem Stadion, dessen Flutlichtmasten den dunstigen Himmel in ein geheimnisvolles Licht tauchten. Eine Überschrift aus dem "Kicker" beschrieb am besten, was die Mannschaft über Jahrzehnte für mich war: "Die Sphinx des Nordens", ein unberechenbares Team, zu grandiosen Festen ebenso fähig wie zu peinlichen Debakeln.
Auch die schmerzhaften Phasen konnte man ertragen, die Millionen-Elf der Siebziger, die 93-Gegentore-Saison, den Abstieg aus der 1. Bundesliga, die 13 Trainer in elf Jahren (1971 bis 1981), die fünf Trainer in fünf Jahren (1995 bis 1999), weil die Zuversicht blieb, die Sphinx werde sich immer wieder in etwas Mächtiges verwandeln und beim Gegner Angst und Schrecken verbreiten. Aber jetzt fehlt die Zuversicht. Der Niedergang der letzten drei Jahre macht ratlos und hoffnungslos, weil er eine Mannschaft zerstört, die in jeder Saison eine besondere Geschichte erzählen konnte.
Aus Selbstschutz habe ich meine Begeisterung für Werder inzwischen der Leidenschaft angepasst, mit der die Spieler auf dem Platz um Raumgewinn und Tore ringen. Ich denke wie sie von Spiel zu Spiel, mal begeistern sie mich, dreimal in dieser Saison, meist bewundere ich die rhetorische Leistung, mit der Kapitän Clemens Fritz und andere nach Spielschluss erklären, warum "heute die Einstellung der Mannschaft" gefehlt habe, wie sehr "ihnen die Fans leid tun", und dass man "hart arbeiten müsse, um im nächsten Spiel eine Antwort zu geben". Ich stelle mir die Spieler dann in jenem Rhetorikkurs vor, der heutzutage wohl zu jedem Werder-Trainingslager gehören muss.
Zwei, drei Jahre lang werde Werder gegen den Abstieg spielen, ließen alle meine Gesprächspartner durchblicken. Und die Hoffnung auf bessere Zeiten ziehen sie aus dem Blick zurück, aus den miesen Phasen zwischen 1971 und 1980, zwischen 1995 und 1999. "Vor 2003 waren wir ähnlich schwankend wie jetzt", sagt Baumann tröstend, der zuletzt im Verein für das Scouting verantwortlich war.
Aber auch er wird - wie Aaron Hunt - den Verein verlassen.
Was bleibt uns, den Fans der Vereine, die wohl nie mehr ganz nach oben kommen? Die Erinnerung, das Zittern, die Hoffnung, doch noch mal ganz nach oben zu kommen. Und wenn die Sehnsucht nach richtig schönem, berauschendem Fußball zu groß wird, dann habe ich mir in den letzten Jahren Spiele von Barcelona angeschaut. Aber auch für Barça scheinen leider die ganz großen Zeiten vorbei.
Die Mannschaft, mit der man groß geworden ist, spielt im Leben die Rolle eines seelischen Komplizen: Geht es dem Club gut, fällt auch das eigene Leben leichter. Darum bin ich Otto Rehagel, Thomas Schaaf, Klaus Allofs, Pico Schütz, Max Lorenz, Rudi Völler, Marco Bode, Micoud, Diego, Thorsten Frings und vielen anderen dankbar für unauslöschliche Erinnerungen und ein wenig Lebenshilfe. Den größten Dienst hat mir die Meistermannschaft von 1965 erwiesen, sie schlug drei Tage nach dem Tod meiner Mutter im entscheidenden Spiel Borussia Dortmund 3:2, ich stand - 12 Jahre alt - heulend vor Trauer und Freude auf der Tribüne des Weserstadions und sah zu, wie unten auf dem Rasen die Spieler feierten.