Spielermarkt Im Rausch
Michy Batshuayi
geschätzte Ablöse:
40 Mio. Euro
Mino Raiola presst sein Mobiltelefon so fest an sein Gesicht, dass es in seiner fleischigen Wange fast versinkt. Er sitzt in einem Terminal des Pariser Flughafens Charles de Gaulle, vor seinen Füßen steht eine braune Aktentasche. Raiola flüstert.
Wer ist am anderen Ende der Leitung? Der Sportchef von Borussia Dortmund? Von Manchester United? Von Real Madrid? Raiola, 48, ist ein gefragter Mann, er gehört zu den mächtigsten Spielerberatern der Fußballbranche. Er vertritt Superstars wie den Schweden Zlatan Ibrahimovi, den Franzosen Paul Pogba und den Belgier Romelu Lukaku. Sein Spielerportfolio hat einen geschätzten Transferwert von einer halben Milliarde Euro.
Und in diesem Sommer will er seinen Schatz vergolden.
Pogbas Wert verglich der Agent mit einem Gemälde Claude Monets, unter 100 Millionen Euro sei er nicht zu haben. Lukaku, der Belgien mit zwei Toren den Weg ins Achtelfinale ebnete, könnten sich "nur noch Europas reichste Klubs leisten".
Und für Ibrahimovi, der ablösefrei von Paris Saint-Germain zu Manchester United wechselte, soll Raiola ein Grundgehalt von 725.000 Euro aufgerufen haben. Pro Woche.
Für Agenten wie Raiola, die bis zu 20 Prozent an den Ablösesummen und den Einkünften ihrer Klienten verdienen, ist die Europameisterschaft ein Fest. Ein entscheidendes Tor, ein brillantes Spiel, ein paar spektakuläre Dribblings, schon schnellt der Marktwert eines Profis in die Höhe. In diesen Tagen reisen fast alle namhaften Berater durch Frankreich, keiner will den Moment für den nächsten großen Deal verpassen.
Am Nachmittag vor dem Achtelfinale zwischen Italien und Spanien fährt eine Limousine des französischen Spitzenklubs Paris Saint-Germain vor der Gare de Lyon vor. Auf der Rückbank sitzt Maik Barthel. Der Agent berät unter anderen den polnischen Starstürmer Robert Lewandowski. Barthel hat eine Stunde Zeit, bevor sein Zug kommt. Im Bahnhof gibt es ein Luxusrestaurant, er schlurft müde hinein. Barthel trägt ein Sakko und Turnschuhe, in der Hand hält er eine Aktentasche. Er bestellt einen Braten für 40 Euro, den er in Rekordgeschwindigkeit herunterschlingt. Sein Telefon liegt vor ihm auf dem Tisch, mit vollem Mund kann er kein Geld verdienen.
"Eine Europameisterschaft ist eine Art Fußball-Dax. Jeder hofft, auf die richtige Aktie zu setzen", sagt Barthel. Als "Volltreffer" bezeichnet er den polnischen Innenverteidiger Micha Pazdan. "Ihn kannten vor dem Turnier nur Insider. Jetzt hat er hier gezeigt, dass er auf Topniveau funktioniert, und nun will ihn halb Europa", sagt Barthel.
Sein Telefon klingelt. Barthel steht auf, begrüßt den Anrufer auf Englisch und geht aus dem Raum. Kurz darauf kehrt er hektisch zurück, zieht seine Aktentasche vom Tisch und verschwindet wieder. So wichtig wie für Fußballer Vorlagen und Tore sind, so wichtig scheinen für Spielerberater Telefone und Aktentaschen zu sein.
Zurück am Tisch, sagt Barthel: "Manche der albanischen, isländischen oder ungarischen Spieler haben hier durch ihre Leistungen ihren Marktwert um bis zu 400 Prozent gesteigert." Sein Telefon klingelt schon wieder. Er bekomme 40 Prozent mehr Anrufe von Sportdirektoren als noch bei der Europameisterschaft 2012, erklärt er, die Vereine seien in diesem Jahr sehr nervös. Gut für ihn.
Julian Draxler
letzter Transfererlös:
36 Mio. Euro
Klubchefs kontaktieren während des Turniers zuweilen mehrere Berater gleichzeitig und erteilen ihnen Aufträge, um ein und denselben Transfer vorzubereiten. Die Agenten versuchen dann oft, die Eltern oder die Ehefrau des Kandidaten zu kontaktieren, "um auszuloten, ob der Spieler überhaupt wechseln will", wie Barthel erläutert.
Ist dies der Fall, wird eine lose Anfrage bei dem Verein gestellt, bei dem der Spieler noch unter Vertrag steht. Will der Klub überhaupt verkaufen? Und wenn ja, für welche Ablösesumme? "Ich spreche niemals einen Spieler während eines Turniers an. Das machen nur Amateure. Der Spieler muss einen klaren Kopf für die EM haben", sagt Barthel.
Daran halten sich nicht alle. Um den belgischen Stürmer Michy Batshuayi gab es nach seinem Tor im Achtelfinale gegen Ungarn ein irres Wettbieten, der junge Angreifer von Olympique Marseille soll in den Tagen vor dem Viertelfinale gegen Wales von Unterhändlern von Juventus Turin, Crystal Palace und West Ham United umworben worden sein. Den Zuschlag wird wohl dennoch der FC Chelsea bekommen, für kolportierte 40 Millionen Euro. Batshuayis Marktwert vor der EM lag bei 15 Millionen.
Bundestrainer Joachim Löw betonte vor dem Turnierstart, dass er keine Berater im Mannschaftshotel sehen wolle. Seinen Spielern sagte er unmissverständlich, dass sie sich während der EM nicht mit Vereinswechseln beschäftigen dürfen.
Julian Draxler könnte das schwerfallen. Durch seinen Galaauftritt im Achtelfinale gegen die Slowakei hat der Profi des VfL Wolfsburg das Interesse der reichsten Klubs Europas auf sich gezogen (Lesen Sie hier mehr über den deutschen Nationalspieler). Sie alle suchen wendige, schnelle Offensivleute wie ihn, Spieler, die eine Partie mit einem genialen Moment entscheiden können. "Draxlers Wert ist gestiegen, für ihn wird es viele Anfragen geben", sagt Barthel.
Er hört sich jetzt eher an wie ein Broker denn wie ein Berater. Spieler reduzieren sich in den Gedanken von Klubmanagern und Agenten ganz schnell zur Ware, und kaum jemand aus der Branche macht sich aktuell noch die Mühe, das zu verbergen. "In diesem Sommer ist so viel Geld im Umlauf wie noch nie. Es wird nach den Halbfinalspielen der EM zu einem richtigen Transfersturm kommen", prognostiziert Barthel. Allein die englischen Klubs haben durch die Fernsehverträge der Premier League über eine Milliarde Euro mehr in ihren Kassen, die sie vor allem in Ablösesummen und Gehälter für neue Spieler pumpen werden.
Zlatan Ibrahimovic
Transfererlöse gesamt:
169 Mio. Euro
Barthel steht auf, sein Zug kommt. In zwei Stunden muss er am nächsten Verhandlungstisch sitzen.
"Spielerberater", sagt Lothar Matthäus in einem Tonfall, in dem andere über Fußpilz sprechen, "das wäre nie etwas für mich gewesen. Das ist ein Haifischbecken." Der deutsche Rekordnationalspieler betritt ein kleines Restaurant, wenige Schritte vom Louvre entfernt: "Bonjour! Ça va?", fragt Matthäus die attraktive Kellnerin. Er lobt ihre Frisur, tätschelt ihren Arm, die Frau beginnt zu kichern.
Matthäus nimmt an einem Tisch vor einem Fernsehgerät Platz. England spielt gegen Island. Er muss die Partie sehen, Matthäus arbeitet als EM-Experte für mehrere TV- und Onlineformate, auch in Asien. Er sagt, er erreiche an Spitzentagen bis zu 100 Millionen User. Auch für ihn ist das Turnier eine große Bühne.
Matthäus nahm an fünf Welt- und vier Europameisterschaften teil. "1986 nach der WM in Mexiko wollten mich alle Spitzenteams aus Italien verpflichten", erzählt er, der SSC Neapel habe eigens eine Delegation nach Deutschland entsandt. Diego Maradona wolle ihn unbedingt in seinem Team haben, wurde Matthäus ausgerichtet.
"Als ich ihnen absagte, boten sie mir eine halbe Million Mark an. Für die damalige Zeit ein verrückter Betrag. Und sie hatten die Kohle direkt dabei, in einem Aktenkoffer, der unter dem Tisch stand", erzählt Matthäus. Mit dem Geld sollte ihm das Versprechen abgekauft werden, dass er nur nach Neapel und zu keinem anderen Verein wechseln würde, wenn er sich denn jemals für Italien entscheiden sollte. Matthäus sagt, auch das habe er abgelehnt.
Paul Pogba
Marktwert vor der EM:
70 Mio. Euro
Und heute, bei Transfersummen, die die 100-Millionen-Euro-Schwelle überschreiten? Ein Irrsinn, findet Matthäus: "Wer Aktien kauft, sollte immer auf einen breit gefächerten Fonds achten. Das ist auf dem Transfermarkt nicht anders. Die Bayern haben mit Mats Hummels einen Bluechip gekauft, die ganz sichere Nummer. Gleichzeitig sind sie aber auch ins Risiko gegangen und haben in Start-ups wie Renato Sanches, Kingsley Coman und Joshua Kimmich investiert." Alle drei Talente haben bei der EM den internationalen Durchbruch geschafft. "Mehr Rendite geht nicht", sagt Matthäus.
Ähnlich geschickt sei auch die Transferpolitik von Borussia Dortmund. Der BVB hat mit dem Türken Emre Mor, 18, und dem Portugiesen Raphaël Guerreiro, 22, ebenfalls frühzeitig zwei Gewinner dieser EM verpflichtet. Beide Spieler sind mittlerweile um mehrere Millionen Euro teurer geworden. "Die Deutschen haben weniger Geld als die Engländer, aber sie geben es klüger aus", sagt Matthäus.
Und er hat noch einen überraschenden Tipp parat: "Wenn ich Sportdirektor eines Spitzenklubs wäre, würde ich jetzt Mario Götze kaufen." Götze? Matthäus sagt, die Performance des Bayern-Profis sei zuletzt vergleichbar mit der von Volkswagen gewesen, beide seien im Wert massiv gefallen. "Aber man soll Aktien immer dann kaufen, wenn sie ganz unten sind. Und ich bin mir sicher: Götze kann seinen Wert schneller reparieren als VW."