Homestory Alles piept
Ich komme aus einer kinderreichen Familie. Je älter ich werde, umso besser gefällt mir das Konzept, obwohl ich mir von Freunden, die Einzelkinder sind, habe versichern lassen, dass sie ganz froh waren, sich nicht um die letzte Schale Pudding prügeln oder mit der Demütigung fertigwerden zu müssen, dass die tolle neue Freundin sich eigentlich für den älteren Bruder interessiert. Vor allem aber, will ich sagen, habe ich ganz gern Stimmen um mich herum.
Menschliche Stimmen.
Zu spät habe ich begriffen, dass man das beim Einkauf elektronischer Geräte inzwischen betonen muss: dass man zwar nichts gegen natürliche Stimmen hat, sehr viel aber gegen technisch produzierte, vor allem gegen solche im hohen Frequenzbereich, die sich im festgelegten Rhythmus wiederholen.
Diese Erkenntnis geht auf einen Umzug zurück, der ja bei vielen Menschen, so auch bei mir, zur Anschaffung einer neuen Küche führt. Wie auf Verabredung sagen zu einem solchen Termin Küchenhelfer ihren Dienst auf, die bisher schweigend und zuverlässig funktioniert haben, ein Wasserkocher zum Beispiel.
Man verbringt also einen Nachmittag seines Lebens in einem für sein Gute-Laune-Diktat berühmten Möbelhaus und entledigt sich der Aufgabe, eine Küche zu kaufen, indem man - das war meine persönliche Abkürzung - grundsätzlich die preiswerteste Lösung wählt. Das Kalkül dahinter: Man spart Zeit. Dampf, Induktion, Extragrill, Gas-Elektro-Kombination: nicht mit mir. Reduktion von Komplexität, das ist mein Motto, denn Optimierungsangebote aller Art sind die Bürde der weißen Frau.
Man verbringt eine weitere trostlose Stunde in einem Kaufhaus des Westens damit, einen Wasserkocher zu erwerben, der eine Stufe unter 100 Grad Celsius anbietet, für Gäste, die auf grünen Tee bestehen. Trostlos ist die Stunde deshalb, weil die technischen Raffinessen in keinem erkennbaren Verhältnis zur Gestaltung stehen. Ich bin ästhetisch nicht besonders belastbar, aber auch robustere Naturen müssen erschrecken, wenn sie Exemplare aus gebürstetem Edelstahl oder farbigem Plastik in der Größe junger Doggen in einer Reihe sehen und sich vorstellen, eines davon mit nach Hause zu nehmen.
Ich wähle auch hier das kleinste und primitivste Modell.
Ich starte in der neuen Küche mit einfachen Dingen: Wasser erhitzen, Nudeln kochen. Ich stelle fest: Ich bin nie mehr allein. Denn alles spricht zu mir. Der Wasserkocher piept, und zwar fünfmal, in enervierender Unerbittlichkeit, sobald er die Temperatur erreicht hat, die ich ihm vorgegeben habe. Der Herd piept, sobald ich einen Topf darauf abgestellt habe, auch wenn er noch nicht eingeschaltet ist. Er piept außerdem, wenn etwas überkocht, er piept, wenn man den Topf von der Platte nimmt, und er piept, wenn man ihn sauber macht. Er verträgt eigentlich überhaupt keinen Druck.
Die Mikrowelle piept, sobald ich sie öffne, und sie piept, wenn ich sie schließe, und sie lässt mich durch Piepen wissen, wann sie ihren Auftrag erledigt hat.
Die Waschmaschine piept sowieso, wenn sie fertig ist, die Spülmaschine auch. Ich bin froh, dass ich keine Kaffeemaschine habe. Denn jene Modelle, die ökologisch und geschmacksmäßig in Ordnung sind, weil sie ohne Kapseln guten Cappuccino fabrizieren, sprechen fortwährend; sie brauchen Wasser oder Milch, müssen gereinigt, entleert oder anderweitig gewartet werden.
Jene Kollegen, die noch Auto fahren, versichern mir, dass ihr PersonenKraftWagen kommunikativer ist als ihr LebensAbschnittsGefährte.
Einig sind wir in der Verstörtheit, unterschiedlich in der Reaktion. Das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun erweist sich auch hier als aufklärender Helfer in der Not: Wir können das Piepen als Sachaussage verstehen ("Waschgang beendet"), als Selbstoffenbarung ("Ich bin bedürftig"), als Beziehungserklärung ("Du kümmerst dich schon wieder nicht um mich") oder als Handlungsappell ("Schalt! Mich! Aus!").
Führungsnaturen scheint eher die Sachaussage zu nerven, sie wollen das Kommando auch da nicht aus der Hand geben, wo es um den Dialogbeginn geht. Stark harmoniebedürftige Typen geraten durch die Beziehungserklärung unter Druck, weil sich diese in unguter Weise mit ihrem allzeit bereiten Schuldbewusstsein verbindet. Ich zähle zur vierten Gruppe, ich würde sie die cholerischen Faulenzer nennen, denn ich reagiere auf den Handlungsappell mit einem spontanen "Halt! Die! Fresse!", was natürlich auch keine Lösung ist.
Stattdessen kann es in manchen Fällen helfen, die Bedienungsanleitung zu lesen. Bei dieser Gelegenheit sehe ich, dass mein druckempfindliches Kochfeld "Barmhärtig" heißt, was ich als nordische Ironie verstehe. Im Land der schweigenden Wälder und der Liebe zur Sicherheit erfüllt das Piepsen gleichzeitig mehrere Bedürfnisse, es informiert, es warnt, weist hin und suggeriert Geselligkeit, was die Schweden eigentlich nicht nötig haben, sie haben ja mehr Kinder als wir. Sie haben allerdings auch eine flächendeckende Kita-Versorgung und funktionierende Ganztagsschulen, sodass es trotzdem still ist im Haus. Außerdem ist das Hausfrauendasein dort ein längst überwundener Standpunkt.
Die Gedanken irren ab. Nur noch ein gutes Stündchen die Betriebsanleitungen lesen, mit den Herstellern telefonieren ... Nicht in jedem Fall gibt es eine Lösung. Aber Geräte gehen ja irgendwann auch mal kaputt. Vielleicht eher sie als ich.