Ted Malloch: Ist Donald Trumps möglicher EU-Botschafter ein Hochstapler? - DER SPIEGEL
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Jobqualifikation Ist Trumps möglicher EU-Botschafter ein Hochstapler?

Ein Wirtschaftsethiker bringt sich als neuer US-Botschafter bei der EU in Stellung. Doch ist der Mann für den Job geeignet?
Wissenschaftler Malloch
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Foto: Richard Pohle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Fragen der Moral schien sich der Gast aus Amerika bestens auszukennen, schließlich hatte er schon mehrere Bücher zum Thema verfasst. Entsprechend freudig begrüßten die Wirtschaftsethiker an der Universität Tübingen ihren US-Kollegen Ted Malloch, als er im Sommer 2014 für einige Monate zum Forschen ins Neckartal kam. Der Wissenschaftler, der schon mal in Diensten der Uno gestanden und in Oxford unterrichtet hat, hatte sich bei seinen Gastgebern zudem mit der Andeutung beliebt gemacht, er könne Kontakt zu dem ein oder anderen Spender herstellen.

Fast drei Jahre später sitzt Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Tübinger Weltethos-Instituts, über einem Stapel Akten und sagt: "Wir haben den Kontakt zu Malloch abgebrochen." Der Mann war für die Tübinger nicht nur wissenschaftlich eine Enttäuschung. Er hätte die von dem Theologen Hans Küng gegründete Forschungsstätte um ein Haar in erhebliche finanzielle Turbulenzen gestürzt.

Und so waren sie in Tübingen höchst überrascht, als sie die Meldungen hörten, nach denen Malloch vor einem Karrieresprung der besonderen Art zu stehen scheint. Seit Wochen bringt Malloch, 64, sich selbst ins Gespräch, wenn es darum geht, wer der neue US-Botschafter bei der Europäischen Union werden könnte. Das Weiße Haus widerspricht dem nicht, auch nicht auf Anfrage des SPIEGEL.

Der Moralprofessor kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Malloch ist ein Urenkel des früheren Präsidenten Theodore Roosevelt, in seinem Lebenslauf reihen sich Einträge aus Yale und Davos wie kostbare Perlen an einer Schnur, dazu kommen Stationen an der Wall Street und zuletzt an der Henley Business School in der Nähe Londons. In den vergangenen Wochen machte der Mann mit besten Beziehungen zu Brexiteer Nigel Farage mehrfach mit scharfen Attacken auf die EU von sich reden, eine Gemeinschaft, die er dem Untergang geweiht sieht.

Mallochs Sätze sandten Schockwellen nach Brüssel, gut möglich, dass es der Bewerber auf den Botschafterposten genau darauf anlegt, um sich dem amerikanischen Präsidenten zu empfehlen. Führende EU-Politiker regten sich erwartungsgemäß

auf, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker etwa drohte, Malloch die Akkreditierung zu verweigern. Seine Bedenken machte er am Montag auch im Gespräch mit Donald Trumps Vizepräsidenten Mike Pence deutlich, der in Brüssel zu Gast war.

Die Henley Business School ist ein Bau in Herrenhausoptik, in dem es so gemächlich zugeht wie in einem Sanatorium für Burn-out-Patienten. Malloch unterrichtet hier gut betuchte Wirtschaftsstudenten. Heute trägt er Karohemd und Jackett, er lässt sich in einen tiefen Stoffsessel fallen und erzählt von dem Bewerbungsgespräch, das er Anfang Januar mit Trumps Beratern in den USA geführt hat. "Sie haben mir gesagt, du bist der Einzige, mit dem wir über diesen Posten reden."

Geht es nach den Wissenschaftlern in Tübingen, soll es beim Reden bleiben, in der schwäbischen Provinz ist der Amerikaner noch heute als eine Art Felix Krull aus Connecticut in Erinnerung. Malloch hatte im Sommer 2014 für etwa dreieinhalb Monate ein Büro im Weltethos-Institut, allzu oft ließ er sich dort aber nicht blicken. Einmal hielt er einen Vortrag über den Mittelstand, ansonsten genoss der Wissenschaftstourist das süße Leben im Neckartal. "Ausflüge, gutes Essen", so erinnern sich die Mitarbeiter, "viel mehr war da nicht." Vor allem das Porsche-Museum in Stuttgart soll es Malloch angetan haben.

Das angestrebte Buchprojekt im renommierten britischen Palgrave-Verlag dagegen scheiterte. Der Grund, so erinnern sich jedenfalls die Tübinger Wissenschaftler: Malloch hatte seine Fallbeispiele einfach von den Websites der betroffenen Firmen abgeschrieben, ohne sie als Quellen zu benennen. Malloch winkt ab, wenn er am Telefon darauf angesprochen wird. "Das Buch kam nicht zustande. Fertig."

Die Tübinger hielten das Kapitel Malloch schon für erledigt, da erreichte die Institutsleitung ein Brief der amerikanischen Anwaltskanzlei Kahan, Kerensky & Capossela. Die Anwälte, ebenfalls aus Connecticut, forderten das Weltethos-Institut auf, 183.585 US-Dollar zu überweisen, sonst drohe eine Klage.

Die Forderung, so erfuhr die erstaunte Institutsleitung, stammte aus einem Insolvenzverfahren gegen Malloch. Die Schulden des Mannes und seiner Gemahlin beliefen sich auf genau 3.628.462 Dollar und 38 Cent, darunter Bankkredite und Kleinigkeiten wie unbezahlte Stromrechnungen und Parktickets für Mallochs 7er-BMW. Die Insolvenzakten, die der SPIEGEL einsehen konnte, lassen nur einen Schluss zu: Schon vor seiner Stippvisite in Tübingen lebte Malloch auf Pump.

Im wohlhabenden Städtchen Farmington in Connecticut hat das von den Mallochs gegründete Spiritual Enterprise Institute (SEI) seinen Sitz, eine Art Stiftung, die sich mit Fragen der Wirtschaftsethik befasst. Im Frühsommer 2014, das Insolvenzverfahren war längst eröffnet, überwies eine Anwältin im Auftrag des SEI rund 500.000 Dollar auf ein Konto der Kreissparkasse Tübingen. Inhaber: "Theodore Malloch, Jr. Spiritual Enterprise Institute, Hintere Grabenstr 26, 72070 Tübingen". Exakt jene Adresse des Weltethos-Instituts, an dem Malloch zu jener Zeit Gast war.

Von da an verliert sich die Spur des Geldes, sehr zum Argwohn der Insolvenzverwalter in Connecticut. Im August 2015 befragte eine amtliche Notarin Malloch per Videokonferenz offiziell zum Verbleib der Überweisung, Auszüge des Transkripts liegen dem SPIEGEL vor. Malloch sagte, 183.585 Dollar seien als "Geschenk" an das Weltethos-Institut geflossen.

Aus­riss der Mit­schrift der Vi­deo­aus­sa­ge Mallochs vom 27. Au­gust 2015 vor dem Konkursgericht in Con­nec­ti­cut

Aus­riss der Mit­schrift der Vi­deo­aus­sa­ge Mallochs vom 27. Au­gust 2015 vor dem Konkursgericht in Con­nec­ti­cut

Das Tübinger Institut wehrte sich gegen die zunehmend aufdringlicher formulierte Post aus den USA. "Wir haben nie irgendwelche Gelder von Malloch, seiner Frau oder einem Institut, das mit Malloch verbunden war, erhalten", antwortet die Institutsleitung. Als sie Malloch ansprechen, redet der sich raus: Das Ganze sei "ein Missverständnis". Auf Anfrage des SPIEGEL sagt Malloch, die Sache sei inzwischen geklärt. "Die finanziellen Probleme haben mit einem Versicherungsfonds zu tun, der in der Finanzkrise untergegangen ist." Malloch verweist auf eine Stellungnahme seiner Anwälte, die den SPIEGEL aber nie erreicht.

Fragen bleiben, auch was Mallochs Lebenslauf angeht. In Großbritannien spotten bereits mehrere Zeitungen über Mallochs von ihm als "ironisch" bezeichnete Autobiografie mit dem Titel "Davos, Aspen & Yale - Mein Leben hinter dem Vorhang der Elite". Das Buch liest sich wie ein Who's who des amerikanischen Establishments, enthält aber eine Reihe von Ungereimtheiten. Malloch behauptet darin beispielsweise, er sei von der Queen zum Ritter geschlagen worden, doch das ist offenbar reichlich übertrieben, wie die "Financial Times" herausgefunden hat. Die Medaille, die er tatsächlich erhielt, berechtigt nicht zum Tragen eines Titels. Mit einem Ritterschlag hat sie, böse gesagt, so viel zu tun wie der Aachener Karnevalsorden.

Inzwischen hat sich auch die Universität Oxford von Malloch distanziert. Malloch hatte angegeben, er habe am renommierten Wolfson College als "Senior Fellow" gearbeitet. Das sei so nicht richtig, erklärte die Uni. Malloch sei dort lediglich Gastwissenschaftler gewesen, überdies, so heißt es weiter spitz, habe Malloch keines seiner Forschungsvorhaben zu Ende gebracht.

Die Antwort Mallochs darauf wäre seines möglichen künftigen Bosses durchaus würdig: Diese ganzen negativen Berichte, so Malloch, seien nichts als "Fake News". Das Medium, in dem er sich jüngst als Opfer einer Medienkampagne stilisiert, dürfte diesem auch nicht unbekannt sein: Breitbart.com.