Thüringer Paläontologen jagen einen Knochendieb - DER SPIEGEL
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Spektakulärer Fossilienfund Wie ein Dieb die Steinzeitforschung auf den Kopf stellte

Ein Hobbypaläontologe wies nach, dass der Urmensch früher nach Mitteleuropa gekommen ist als gedacht. Eine Sensation, doch leider: Das Beweismaterial war geklaut.
Verdächtiger auf Foto von Wildtierkamera
Verdächtiger auf Foto von Wildtierkamera

Verdächtiger auf Foto von Wildtierkamera

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An einem Wintertag vor etwa einer Million Jahren ging es im Werratal um Leben oder Tod. Nach vermutlich tagelangem Starkregen überfluteten gewaltige Wassermassen die Auenlandschaft. Hunderte Tiere, darunter viele kranke und altersschwache, wurden mitgerissen. An einer ruhigeren Stelle blieben die Kadaver liegen, stauten sich, Aasfresser zerfleischten sie, bis roter Flusssand schließlich alles unter sich begrub.

Wissenschaftlich betrachtet war das günstig, denn viele der Knochen sind bis heute erhalten geblieben. Sie machen das Areal im Norden der Gemeinde Untermaßfeld in Thüringen zu einer wichtigen paläontologischen Grabungsstelle. Forscher aus vielen Ländern waren an der Freilegung und Analyse der Fossilien beteiligt. Was sie herausfanden, deutet auf eine reichhaltige Fauna hin, die eher an die Serengeti als an Ostdeutschland erinnert.

Die Wissenschaftler haben auf einer nur etwa 680 Quadratmeter großen Fläche mittlerweile etwa 14.000 Fossilien großer Säugetiere gefunden, darunter Knochen von Flusspferden, Nashörnern und Elefanten. Sie stießen auf Überreste von Hyänen und entdeckten den Schädel eines Geparden, der deutlich größer war als heutige Exemplare aus Afrika. Sie holten auch Reste von Bisons, Säbelzahnkatzen und Makaken aus dem Erdreich. Was sie nicht entdeckten, waren Knochen von Urmenschen.

Es fehlte jeder Hinweis darauf, dass sich zur damaligen Zeit schon Hominiden in der Region getummelt hatten. Dann aber beugte sich ein Hobbyforscher aus der hessischen Provinz über einige Funde aus Untermaßfeld und fand: geheimnisvolle Spuren, die, wie er glaubt, von der Menschheitsdämmerung in Zentraleuropa zeugen.

Der Mann, der tagsüber als Arzt sein Geld verdient, veröffentlichte gemeinsam mit Co-Autoren mehrere Aufsätze, die angeblich belegen, dass Steine und Fossilien aus Untermaßfeld auf die Präsenz von Urmenschen hindeuten. So habe man auf mehreren Tierknochen Schnittspuren entdeckt, die durch Hominiden herbeigeführt worden seien.

Das klang nach einem wissenschaftlichen Coup, doch nun deutet einiges darauf hin, dass die Forschungsergebnisse des Arztes eher mit einer Straftat zu tun haben als mit einer Sensation. Der Freizeitwissenschaftler und die Kollegen haben aus Sicht mehrerer Experten wohl nicht nur Stuss zusammengeschrieben, sondern stützen sich auch auf Material, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in Untermaßfeld geklaut worden ist.

Die Geschichte begann im Jahr 2002, als die Grabungsstelle gleich zweimal von einem oder mehreren Raubgräbern heimgesucht wurde. Damals fuhr nur gelegentlich eine Polizeistreife vorbei, zwecks Abschreckung. Der oder die Täter hatten Glück und stahlen unerkannt Mittelhand- und Fußwurzelknochen, Kieferfragmente, ein Geweihstück, dazu wohl etliche kleinere Fossilien, die noch im Erdreich steckten. Außerdem wurde versucht, noch nicht ganz freigelegte größere Teile aus dem Erdreich zu brechen. Dabei richteten die Diebe erheblichen Schaden an.

Bei der Senckenberg-Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar, die die Grabungen durchführt, war man irritiert. Derlei Vorfälle waren aus Arealen bekannt, in denen Sondengänger Münzen, Gewandfibeln, Waffen und andere Metallartefakte aufspüren können. Mit Knochenjägern hatte man es bislang nicht zu tun gehabt, doch das sollte sich nun ändern: Mindestens achtmal schlug der Dieb (oder waren es mehrere?) während der sommerlichen Grabungskampagnen zu. Der Verlust von fast 400 Fossilien könnte auf sein Konto gehen. Außerhalb der meist zehnwöchigen Saison sichern tonnenschwere Stahlplatten die Stelle, an der gerade gearbeitet wird.

Wegen der großen Zahl der Knochen, die abhandenkamen, wollten sich die Senckenberg-Forscher nicht mehr nur auf die Polizeistreifen verlassen, sondern installierten 2009 mehrere Wildtierkameras, die zum Beispiel von Jägern genutzt werden und immer dann auslösen, wenn sich jemand nähert. Ihre Hoffnung war, damit nicht Hasen oder Füchse, sondern Knochenjäger zu erwischen. Die Apparate schossen etwa 10.000 Fotos - auch von Menschen. So tappte im Jahr 2011 ein Mann in die Falle, aus dessen Rucksack ein Spatenstiel ragt; es könnte auch der Griff einer Axt sein.

Um die Sicherheit weiter zu erhöhen, wurde 2013 eine Videoanlage im Grabungszelt installiert, die Wirkung zeigte: Fortan wurden keine Knochen mehr gestohlen, sondern kurioserweise wieder zurückgegeben.

Im Frühjahr 2014 gingen dem Naturhistorischen Museum Schloss Bertholdsburg im thüringischen Schleusingen zwei Pakete zu. Das eine enthielt Steine und wurde an der Kasse abgegeben, das andere war voll mit Knochen, kam per Post, dabei lag ein mysteriöser Brief. Der Sender schrieb, dass er "nicht mehr der Jüngste" und es "nun langsam Zeit" sei, die aus der Sandgrube Untermaßfeld stammenden und noch zu DDR-Zeiten geborgenen Fossilien einem hiesigen Museum zu überlassen. Der Spender gab sich nicht mit vollem Namen, sondern nur mit der kryptischen Unterschrift "Ihr S.F.A.R." zu erkennen.

Anonymes Paket an das Museum Schloss Bertholdsburg

Anonymes Paket an das Museum Schloss Bertholdsburg

Foto: J.-A. Keiler Senckenberg

Museumschef Ralf Werneburg fand die Einlieferungen "äußerst ungewöhnlich" und tat etwas, mit dem "S.F.A.R." wohl nicht gerechnet hatte: Er verfrachtete die Post nicht ins Depot, sondern ließ sie der Senckenberg-Forschungsstation in Weimar zukommen. Es dauerte zwei Jahre, dann ahnten Senckenberg-Grabungsleiter John-Albrecht Keiler und sein Chef Ralf-Dietrich Kahlke, wer hinter dem Kürzel S.F.A.R. stecken könnte: der Arzt aus der hessischen Provinz.

2016 gelang es dem Hobbyforscher nämlich, einen Artikel im angesehenen "Journal of Human Evolution" zu platzieren. Es würden in der Arbeit "zum ersten Mal Beweise" erbracht, dass es nicht nur eine reichhaltige Tierwelt, sondern auch Tierschlachtungen durch prähistorische Menschen im Werratal gab, schrieben der Arzt und sein Co-Autor großspurig. Der vermeintliche Beleg: Schnittspuren an Tierknochen, die von menschlichen Werkzeugen stammten.

Die Arbeit sei "wissenschaftlich eher ein schlechter Witz", sagt Keiler. Kahlke und Sabine Gaudzinski-Windheuser sehen das genauso. Die Archäologin ist auf Artefakte aus dem Paläolithikum spezialisiert und hat nun gemeinsam mit dem Paläontologen eine Arbeit als Reaktion auf die vermeintliche wissenschaftliche Sensation verfasst. Die Knochenkratzer gingen auf Raubtierfraß, Nagetiere und Wurzelätzungen zurück, schreiben die Forscher in dem Papier. Außerdem könnten sie bei einem "nicht sachgerechten Entfernen" durch einen Laien entstanden sein, vermutet Gaudzinski-Windheuser.

Die Experten ärgerten sich aber nicht nur über den Inhalt des Aufsatzes, sie fragten sich auch, woher die dort untersuchten Knochen stammten. Daher recherchierte Keiler in der Grabungsdokumentation und stellte fest, dass in dem Aufsatz abgebildete Fossilien zum Diebesgut zählten.

Zudem wird in dem Aufsatz ein Foto von der Grabungsstelle gezeigt, das definitiv in der Zeit zwischen Freitagmittag, 6. Juli 2007, und Montagmorgen, 9. Juli 2007, gemacht worden sein musste. Das konnte Keiler deswegen so genau rekonstruieren, weil die Ausgrabung an jedem einzelnen Arbeitstag von den Senckenberg-Mitarbeitern genau durchfotografiert wird. Das im Aufsatz abgebildete Foto entspricht dem Zustand vom 6. Juli.

Der Autor selbst musste also im Grabungszelt gewesen sein und das Bild aufgenommen haben. Da passte es, dass am Montagmorgen, als Keiler und seine Leute zur Arbeit kamen, ein Bisonzahn fehlte.

Nun ergab auch das anonyme Paket von S.F.A.R. einen Sinn: Der Dieb wollte die wahre Herkunft der Knochen offenbar verschleiern, nichts sollte mehr auf einen Diebstahl hindeuten - so, wie der hessische Hobbyforscher 2016 in seiner Arbeit recht vage umschreibt, woher er sein Material bezog. Elf Steine, die an der Museumskasse abgegeben wurden, fanden sich 2013 auf Abbildungen in einer anderen Arbeit des Arztes im Fachblatt "Quaternary International".

Keiler besorgte sich Porträts des Arztes aus dem Internet. Die verglich er mit den Fotos von der Wildtierkamera. Ergebnis: Der Mann mit dem Spaten- oder Axtstiel sieht dem Mediziner verblüffend ähnlich.

Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Dabei gab es allerdings ein Problem: Einfacher Diebstahl verjährt im Strafrecht nach fünf Jahren, und die meisten Fossilien wurden vor 2011 geklaut. Nur im Falle eines Knochens vom sogenannten Hundsheimer Nashorn war die Frist noch nicht verstrichen, und daher kam es im Mai zu einer Hausdurchsuchung. Dabei fand die Polizei in den Privaträumen des Arztes allerdings nicht das besagte Rhinozerosfossil, sondern nur einen Schuhkarton mit Knochen, die mutmaßlich aus Untermaßfeld stammen und vor 2012 entwendet wurden. So wurde das Verfahren gegen Geldauflage eingestellt. "Für uns war das natürlich sehr enttäuschend", sagt Keiler, "zumal wir den Herrn doch überführt hatten."

Der Freizeitforscher, gegen den die Beweislast so erdrückend ist, dass sie für eine Verurteilung gereicht hätte, weist alle Vorwürfe von sich. Er unterstellt den anerkannten Experten Kahlke und Gaudzinski-Windheuser, nicht richtig hingeschaut zu haben.

Sämtliches Material, das Grundlage seiner Arbeit von 2016 war, sei schon zu DDR-Zeiten ausgegraben worden und ihm von einem Sammler 2007 vorübergehend zur Begutachtung angeboten worden. Es könne sich deshalb unmöglich um Diebesgut handeln, und wer genau hinschaue, der entdecke im Falle des Nashornknochens "signifikante Unterschiede" zwischen den von ihm abgebildeten und dem gestohlenen Fossil. An den Namen des geheimnisvollen Knochenbesitzers kann sich der Mann partout nicht mehr erinnern.

Das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie will nun zivilrechtlich gegen den vergesslichen Arzt vorgehen. Die dubiosen Spenden ans Schleusinger Museum umfassten schließlich nur einen kleinen Teil der gestohlenen Knochen; der andere werde noch immer vermisst und habe für die Forschung einen unschätzbaren Wert, sagt Kahlke: "Wir wollen die Knochen wiederhaben - und zwar unbedingt."

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