Tim Wiese, "the Machine": Vom Nationaltorhüter zum Bodybuilder - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Karriere Die wahre Geschichte des Tim Wiese

Die Muskeln, die Tim Wiese jetzt hat, hätte er als Torwart nicht geschenkt haben wollen. Nun hat er überall Muskeln, einen Stiernacken, der im normalen Leben zu nichts zu gebrauchen ist. Was treibt ihn an?
Ex-Fußballprofi Tim Wiese: "Ich war ein Lauch"
Ex-Fußballprofi Tim Wiese: "Ich war ein Lauch"

Ex-Fußballprofi Tim Wiese: "Ich war ein Lauch"

Foto: Dennis Williamson /DER SPIEGEL
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dieser Text wurde im SPIEGEL 12/2016 veröffentlicht


Im Fernsehen läuft Champions League, Wolfsburg gegen KAA Gent, ein Spiel, das niemanden in seinem Haus interessiert, schon gar nicht Tim Wiese selbst. Er wollte eigentlich schon bei Sergio sein, seinem Lieblingsitaliener, um ordentlich zu Abend zu essen, denn bis jetzt ist er noch nicht auf die 3000 Kilokalorien gekommen, die er in der "Fettabbauphase" pro Tag für seine Muskeln braucht. In seinem Kühlschrank hat er noch Hüttenkäse und Magerquark, in Halbkilopackungen, sein Standardprogramm für den Abend, aber heute sollte es was Besonderes geben.

Es ist der Tag, an dem sein neuer Lamborghini geliefert werden soll, ein Sondermodell, Aventador LP 700-4, Pirelli Edition, 450.000 Euro, ein Modell, das es nur 120-mal in der Welt gibt, Karbonfaserkarosserie, perlmuttfarben lackiert. Eigentlich sollte er schon mittags kommen, dann hieß es nachmittags, schließlich abends, erst um sechs, dann um sieben, und nun ist es schon nach neun, und sein "Lambo", wie er ihn nennt, ist noch immer nicht da.

Er nimmt sein iPhone und wählt die Nummer des Transporteurs. "Was, Sie sind Oberneuland runtergefahren?" Eine Ausfahrt zu früh. Wiese muss sich beherrschen. Seine Frau schätzt, dass es von der falschen Abfahrt an noch etwa drei Kilometer bis zu ihnen sind. "Noch drei Kilometer!", ruft Wiese empört. "Das nervt mich jetzt, echt!" Er geht an den Wohnzimmerschrank und nimmt sich eine Lucky Strike. "Jungejungejunge", sagt Wiese. "Da ist er wieder, der Stress, und ich fang wieder mit dem Rauchen an."

Früher, als er noch Fußballspieler war, hat er auch geraucht, in den langen Stunden vor einem Spiel. Er saß immer in irgendwelchen Hotels, meistens im selben Zimmer. Vom Bremer Park Hotel, wo er mit Werder Bremen die Nacht vor dem Heimspiel verbrachte, hat er noch seine Nummer im Kopf, er hatte immer die 204. Es war eine Zeit, an die er sich heute nicht gern erinnert, seine Fußballvergangenheit. Aber immer wieder holt sie ihn ein.

Drei Jahre ist es her, dass ihn die TSG 1899 Hoffenheim in die "Trainingsgruppe 2" verbannte, eine Strafeinheit. Einen Exnationalspieler mit 269 Bundesligaspielen, 6 Länderspielen, eben noch Kapitän bei Hoffenheim und Spitzenverdiener mit 3,5 Millionen Euro im Jahr, dann stürzte er innerhalb weniger Wochen ab. Er kassierte 27 Tore in 9 Spielen, allein 4 gegen den Viertligisten Berliner AK, 3 gegen den Aufsteiger Greuther Fürth, verlor seinen Stammplatz, trainierte noch ein paar Wochen vor sich hin, ohne zu spielen. Bis er wenig später ganz mit dem Fußball aufhörte, für immer. Er war 31 und hatte bis dahin nur Fußball gespielt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Besuch im EM-Quartier mit Tim Wiese

Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Besuch im EM-Quartier mit Tim Wiese

Foto: DPA

Wiese war ein Hoffnungsträger, ein Torwarttalent, aber außer einem Titel im DFB-Pokal blieben ihm die großen Erfolge verwehrt. Zweimal verlor er das Pokalfinale, zweimal wurde er Vizemeister mit Werder Bremen, was nichts anderes ist als das Synonym für den ersten Verlierer. Sonst bleiben nur große und kleine Niederlagen, Ärger, Verletzungen, Pannen. Seine zwei Kreuzbandrisse 2005. Der Tritt 2008 gegen den Stürmer Ivica Olic. Oder das Champions-League-Achtelfinale gegen Juventus Turin, als ihm kurz vor Schluss der Ball aus den Händen rutschte und Bremen ausschied. Und schließlich sein Auftritt als "Knacki" auf einer Faschingsveranstaltung in Neckarsulm. Er geriet in eine Pöbelei, und die Polizei musste einschreiten.

Wenn er heute Bilder von sich aus dieser Zeit sieht, dann findet er nicht, dass er sehr aus dem Rahmen gefallen war, zumindest optisch, sondern eher, dass er zu angepasst aussah, zu brav, zu bubenhaft, die Haare nach hinten gekämmt, ein Schwiegersöhnchengesicht, vor allem aber zu dünn. "Ich habe damals nur 90 Kilo gewogen", sagt Wiese. "Ich war ein Lauch." Heute ist er so, wie er sich mag: ein muskelbepackter Fleischberg, solariumgebräunt, nackenlanges Haar und ausrasierte Schläfen, Stiernacken, Bizepsumfang 50 Zentimeter, 120 Kilogramm Gesamtgewicht, 10 Prozent Fettanteil. Er mag sich als Tier, nicht als Gemüse.

Es ist Montag, ein Tag nach dem 22. Bundesligaspieltag, der ausgesprochen langweilig war, ein Spieltag ohne große Überraschungen. Wiese sitzt im Bianconero, einem Italiener in der Innenstadt, schwarz-weiße Ledergarnitur, ein Chic wie in seinem Lamborghini. Gerade hat ein Journalist der "Bild"-Zeitung angerufen. Er wollte wissen, ob Wiese etwas zum letzten Spieltag der Bundesliga einfalle. Spontan, sagt Wiese, sei das schwierig. "War 'n Scheißspieltag, oder?"

Wiese schreibt jetzt eine Kolumne in der "Bild", die mit "Dieser Mann ist Klartext pur!" beworben wird. Es ist eine Kolumne, in der es vor allem darum geht, ein bisschen herumzurüpeln und herumzukalauern im deutschen Fußballgeschäft, aber "mit Augenzwinkern", wie Wiese das nennt. Einmal schrieb er über Felix Wiedwald, den jungen Werder-Torhüter. Dieser sehe aus, "als ob ihm seine Omma eine Milchschnitte eingepackt hat". Ein anderes Mal nannte er Wolfsburgs Manager Klaus Allofs "Klausi-Mausi".

Was er in der nächsten Kolumne schreiben soll, weiß er noch nicht. Er habe sich überlegt, was über Thomas Schaaf zu schreiben, seinen alten Trainer, der jetzt Hannover 96 trainiert, den Tabellenletzten, sagt er. Er habe Schaaf im Fernsehen gesehen, und Schaaf habe schlimm ausgesehen, alt, richtig faltig. "Aber was soll ich über ihn schreiben?", fragt Wiese. "Dass er sich am besten mal Botox spritzen sollte?" Es hat sich viel bei ihm angestaut.

Offiziell ist er noch immer bei Hoffenheim beschäftigt, auch knapp drei Jahre nach seinem Sturz. Er darf kein schlechtes Wort über den Verein verlieren und für keinen anderen Verein spielen, das ist der Preis für die vielen Millionen Euro, die er in den vergangenen drei Jahren kassiert hat, ohne ein einziges Mal Fußball spielen zu müssen. Seit drei Jahren muss er mit dem Widerspruch leben, dass er von dem Verein bezahlt wird, der seine Karriere zerstörte. Voriges Jahr musste er sogar zittern, dass Hoffenheim nicht absteigt, damit er weiter seine Millionen bekommt.

Im Sommer läuft sein Vertrag bei Hoffenheim aus. Dann ist er frei, dann ist alles egal, dann kann Hoffenheim sogar absteigen, ohne dass er einen Euro verliert, und er kann endlich sein neues Leben beginnen. Vielleicht als Wrestler? Das wäre sein Traum. Ein Traum, der ihm die Flucht aus seinem jetzigen Leben ermöglichen soll. Wiese würde als Wrestler einen neuen Namen bekommen und ein Drehbuch für sein zweites Leben, das zu ihm passt, eine neue Identität. Dazu das Scheinwerferlicht, den roten Teppich, die vielen Fans. Wiese sehnt sich nach Bewunderung. Wrestler zu werden ist die größtmögliche Verwandlung, die er sich im Moment vorstellen kann, ein Neubeginn, mit dem er seine Fußballvergangenheit hinter sich lässt. Er tut viel für diesen Traum.

Tim Wiese mit seinem Coach in einem Döner-Imbiss in Bremen

Tim Wiese mit seinem Coach in einem Döner-Imbiss in Bremen

Foto: Dennis Williamson /DER SPIEGEL

Sechsmal in der Woche geht er trainieren, ins Universum Gym, eine kleine Hantelbude in Bremen-Schwachhausen, versteckt hinter einer Toreinfahrt, in der ältere Leute trainieren, die nicht dauernd ein Selfie machen wollen mit dem gefallenen Torhüter Wiese. Immer um 10.40 Uhr ist er da, trinkt einen Kaffee ohne Milch, wegen der Low-Carb-Diät, um fünf vor elf kommt dann Murat Demir, sein Personal Trainer, Mr. Olympia 2011, der sich "The New Ripper" nennt. Er trägt schon den "shredded look", den Wiese erreichen will, einen Körper aus Haut und Muskeln.

Um elf Uhr beginnt dann das Training, auf die Minute genau.

Es ist immer das gleiche Programm, immer der gleiche Rhythmus. Montags: Brust, Trizeps, Bizeps. Dienstags: Beine. Mittwochs: Rücken, Schultern, Bauch. Donnerstags geht alles wieder von vorne los. Eine Stunde wird immer trainiert, drei Wiederholungen an jeder Maschine. Danach "Pure Whey Isolate 95" mit Erdbeergeschmack, 700 Milliliter Eiweißdrink, der die Muskeln aufbaut, und ab in die Sauna, manchmal nur für einen Gang, manchmal für zwei, am besten im Stehen, sagt Wiese, damit der Puls richtig hochgeht, bis auf 160, und das überflüssige Wasser zwischen Muskeln und Haut ausgeschwitzt wird. Nur so wirkt der Körper richtig hart, treten die Adern hervor, die Fasern der Muskeln.

Die Muskeln, die er jetzt hat, hätte er früher nicht geschenkt haben wollen. Sie wären ihm als Fußballer nur im Weg gewesen, als Torhüter sowieso. Ein Torhüter muss fliegen können, er muss groß und leicht sein, er braucht Muskeln in den Oberschenkeln zum Springen. Nun aber hat Wiese überall Muskeln, er hat ein Kreuz, das ihn zu Boden drückt. Einen Bizeps, der dick ist wie die Oberschenkel anderer Leute, und einen Stiernacken, der schon im normalen Leben zu nichts zu gebrauchen ist, vom Fußball mal ganz abgesehen. Fliegen kann Wiese nicht mehr. Er hat sich den Fußballspieler wegtrainiert.

Einmal war Wiese schon zur Probe auf einer Veranstaltung des Wrestlingverbandes WWE im Ring, im November 2014 in der Frankfurter Festhalle, nur um eine Idee davon zu bekommen, wie sich das anfühlt. Im Juli 2015 flog Wiese dann nach Florida, ins Performance Center in Orlando, zum Probetraining der amerikanischen Wrestlingorganisation. Er zeigte ihnen dort, was er kann: sich bis an die Schmerzgrenze zu quälen. Und umgekehrt war er begeistert von den Amerikanern, von Florida und den brutalen amerikanischen Trainingsmethoden. Er will das jetzt auch in Deutschland durchziehen, mit seinem türkischstämmigen Trainer, der gern und viel über Amerika erzählt.

Tim Wiese beim WWE Live in Frankfurt

Tim Wiese beim WWE Live in Frankfurt

Foto: Simon Hofmann/ Bongarts/Getty Images

Sie liegen nun nebeneinander im Ruheraum, vor der Sauna, nur ein Handtuch um die Hüfte. Es geht wieder einmal um den großen Traum, Florida, Wrestling, das amerikanische Leben.

"In Florida darf man alles", sagt Demir. "Da können auch Schwule heiraten."

"Echt?", sagt Wiese. Er findet eigentlich alles über Amerika interessant.

"Ja", sagt Demir, "da kann man sogar Dinge heiraten."

Dinge? Wiese schweigt. Stimmt das? Wird er gerade verarscht?

"Weißt du was, Tim", fährt Demir vergnügt fort, "da könntest du sogar deinen Lambo heiraten. Der würde dann Lambo-Wiese heißen. Gut, ne?"

Tim Wiese hasst es, auf den Arm genommen zu werden. Aber sein Trainer darf alles. Er hat schon Fotos von ihm auf seine Facebook-Seite gestellt, eine Tatsache, die Wieses Manager mit Sorge beobachtete, aber Wiese hat nichts gesagt. Wiese redet mit Demir über alles, seine Stärken, seine Schwächen. Für seine Kunden sei er so was wie ein Arzt oder Friseur, sagt Demir, jemand, dem man alles erzählt. Wieses Frau hätte sich schon gewundert. Ihr Mann hätte es sonst nie so lange mit jemandem ausgehalten wie mit ihm und sich so viel sagen lassen.

Demir plant das Leben von Tim Wiese, er ist wie eine Mutter, die ihm sagt, dass er sich nach dem Training die Haare föhnen soll, damit er sich nicht erkältet. Er ist es, der ihm sagt, dass er seinen Eiweißdrink nicht zu Hause, sondern erst im Gym anmischen soll, damit der auf dem Weg ins Gym nicht in der Sporttasche ausläuft, und Demir ist es, der Wiese sagt, was er zu essen hat, Low Carb, keine Kohlenhydrate, dafür viel Fleisch, Fisch, Gemüse, und davon 3000 Kilokalorien am Tag. Er sagt, was gut und was schlecht ist, gut ist Hüttenkäse, Magerquark, Thunfisch in der Dose, schlecht sind Kartoffeln, Reis, Nudeln und, natürlich am schlimmsten, Alkohol. Demir predigt Disziplin und Askese. Und das ist es, an was Wiese jetzt glaubt. Es ist ein Leben, das ihm Sicherheit geben soll, ein Leben, portioniert in Millimeter, Kilogramm und Kalorien.

Mittags sitzen sie wieder im Bianconero, sie wollen Hühnchenspieße essen, Hühnchen mit Gemüse, aber es gibt nur eine Portion. "Dann essen wir Fleisch", sagt Wiese. "Habt ihr genug?"

Der Kellner, den er "El Presidente" nennt, schlägt ihm eine Portion Tatar vor. "Rohes Fleisch ist am besten", sagt Wiese, "aber es ist immer so wenig."

"Doppelte Portion, doppelter Preis", sagt der Kellner.

"Mach einfach 'ne große Portion", sagt Wiese. "Rinderfilet kostet 20 Euro das Kilo im Einkauf. Ich kenn mich da aus. "

Er weiß inzwischen alles über Essen. Essen, sagt er, sei das Wichtigste überhaupt. Er weiß, wie viele Kalorien ein Rindersteak hat, ein Hähnchenspieß, eine 500-Gramm-Portion Magerquark. Er kauft selbst ein, bei der Metro, Rindfleisch in der Großabnehmerportion. Zu Hause portioniert er das Rindfleisch, verschließt es in Tüten und legt es in den Kühlschrank, manchmal friert er es ein, damit er immer etwas hat, wenn er zu Hause ist. Er will immer die richtigen Kalorien vorrätig haben für seine Diät. "30 Prozent ist Training, 70 Prozent ist Ernährung", sagt sein Trainer immer. Wiese sagt: "Morgens trainiere ich, den Rest des Tages esse ich."

Es klingt bei Wiese immer alles ein bisschen größer, verrückter, als es in Wirklichkeit ist. In der Sauna steht er nicht, wie er es angedroht hat, sondern sitzt, weil er findet, dass die Sauna im Universum Gym zu klein sei, um zu stehen. Tim Wiese verprasst sein Geld nicht, er legt es an, für ihn ist auch der Lamborghini zuallererst eine gute Wertanlage. Wenn er mit dem Auto durch Bremen fährt, hält er sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung, an einer roten Ampel hält er an, und als er im Halteverbot von einer Politesse erwischt wird, fragt er nur: "Warum schaust du mich so böse an?" Und sie lässt ihn fahren. Manchmal wirkt Tim Wiese wie ein Fremdkörper in seinem eigenen Leben. Als er noch auf dem Höhepunkt seiner Karriere war, hätte er nach Spanien gehen können, zu Real Madrid. Aber er wählte Hoffenheim, weil er Angst hatte, als Deutscher in Madrid unterzugehen.

Er wohnt jetzt am Rande von Bremen, am Ende einer Neubausiedlung in einem Wendehammer, ein freistehendes Einfamilienhaus hinter einer akkurat gestutzten Hecke. Das Haus ist ein Spießbürgertraum, gefüllt mit Trockengestecken, Glücksklee und einem großen Tulpenstrauß. Über der Sofaecke, weiß, wie fast alles im Haus, hängt das Hochzeitsfoto der Wieses.

Sportler Wiese mit seinem Lamborghini

Sportler Wiese mit seinem Lamborghini

Foto: Dennis Williamson /DER SPIEGEL

In der Doppelgarage steht nun der neue Lambo, daneben sein Chevrolet Camaro, ein amerikanischer "Muscle Car", von dem Wiese sagt, dass es 1015 PS habe, die von Hennessey getunte Version, und schon wenn man es starte, bekomme man Angst. "Soll ich mal anmachen?", fragt er.

Der Camaro ist tatsächlich sehr laut. Wiese sagt, dass der Camaro mehr als 400 Kilometer pro Stunde fahren könne. Aber er hat sich das nicht getraut. Er ist mit ihm nur 280 gefahren, weil er Angst hatte, dass er abheben und sich überschlagen würde. Er zieht den Zündschlüssel wieder raus. Rumfahren will er jetzt nicht. Er nimmt lieber seinen weißen Mercedes-AMG, der normaler aussieht und "nur um die 600 PS" hat, die Sonderedition für aktuelle und ehemalige Nationalspieler.

Danach sitzt er beim Essen bei Sergio, diesmal ohne seinen Trainer. Es ist schon spät, kurz nach zehn, der Abend, nachdem der Lambo geliefert wurde. Der Laden ist leer, aber er kennt den Besitzer, ein alter Freund, der einen Schlaganfall erlitten hat und im Rollstuhl vor einem kleinen Fernseher sitzt und Champions League schaut. Er hat dafür gesorgt, dass die Küche noch offen ist. Der Abend, sagt der Besitzer, geht aufs Haus.

Er lässt Austern servieren, Muscheln aus der Lagune von Venedig und gegrillte Calamari. Eiweiß. Eiweiß. Eiweiß. Aber dann kommt ein Primitivo, ein guter, schwerer Rotwein. Alkohol.

Wiese zögert. Vorhin hat er schon eine Bruschetta genommen, Weißbrot, Kohlenhydrate, eine Todsünde, das weiß Wiese von seinem Trainer. "Ach komm", sagt Wiese, "was soll's? Wir trinken jetzt ein Glas. Ein Glas auf den Lambo."

Am nächsten Morgen ist Wiese wieder im Universum Gym, wieder um 10.40 Uhr, wieder ein Kaffee ohne Milch, dann kommt sein Trainer. "Und?", fragt Demir. "Was macht der Lambo?"

Wiese berichtet vom Abend. Er beichtet den Wein. Die Bruschetta verschweigt er.

Demir sagt: "Ich sehe jedem den Wein im Gesicht an. Einer wie du, Tim, der sieht, wenn eine Mannschaft auf Abseits spielt, ich, wenn jemand ein Glas Champagner getrunken hat." Und dann rechnet er Wiese vor, wie viele Kalorien Alkohol hat. "Ein Gramm Alkohol gleich sieben Kilokalorien. Und weißt du, was das Schlimmste ist? Der Körper bildet Wassereinlagerungen unter der Haut."

Wiese schaut ihn irritiert an, aber sein Trainer fährt ungerührt fort: Der Alkohol blockiere die Lipolyse mindestens drei Tage lang. Das heiße: mindestens drei Tage lang kein Fettabbau. "Drei Tage lang kannst du pumpen, wie du willst, und du verlierst kein Gramm Fett." Das tut weh.

"Echt?", sagt Tim Wiese.

Er will nie wieder der Depp sein, das hat sich Wiese geschworen. Als er noch Torwart war, hat Wiese einmal gesagt: "Manchmal denke ich, wäre ich doch besser Feldspieler geworden. Als Torwart spielst du ja immer auf einem Grat. Immer zwischen Volldepp und Superheld." Als Wrestler soll alles anders werden, als Wrestler ist er der "Superheld", garantiert. Und nach allem, was er bisher gehört hat, freuen sich die Leute auf ihn als Wrestler.

Tim Wiese mit WWE-Wrestlerinnen Summer Rae (l.) und Alica Fox

Tim Wiese mit WWE-Wrestlerinnen Summer Rae (l.) und Alica Fox

Foto: Affonso Gavinha/ dpa

Er erzählt, dass er gerade zu Hause im Rheinland gewesen sei, an Karneval, Köln, Bergisch-Gladbach. Und alle wollten immer nur wissen: "Geil, wann geht es los mit dem Wrestling?" Keiner hat ihn mehr nach Fußball gefragt. Kölns Ersatztorhüter Thomas Kessler hatte sich sogar als Wiese verkleidet, als der neue Wiese mit Muskeln, nicht als der alte, der Torhüter Wiese. Er hat ihn vorher angerufen, um zu fragen, ob das okay sei. "Klar", hat Wiese gesagt.

Es ist Donnerstag, fast schon Wochenende. Am Morgen hat er wieder trainiert, Brust, Trizeps, Bizeps, am Nachmittag muss er nach Berlin, wo er am nächsten Morgen einen Geschäftstermin hat. Er sitzt wieder im Bianconero und bestellt wieder Tartar, um sich für die Fahrt zu stärken.

Draußen steht sein weißer Mercedes, mit dem er nach Berlin fahren will. Eigentlich wollte er den Camaro nehmen, aber dann las er den Wetterbericht: ein Grad plus, vielleicht Schnee, vielleicht Regen. Das, sagt er, sei ihm doch zu riskant.

Wiese sagt, ihm habe bisher noch niemand ins Gesicht gesagt, dass jemand etwas an ihm nicht mag, das passiere immer nur hintenrum, in den sozialen Netzwerken.

El Presidente, der Kellner, setzt sich zu ihm. Er hat ein Bild von ihm gegoogelt, Tim Wiese als Torwart, noch ohne die Muskeln. "Ich hab dir das schon mehrmals gesagt, früher sahst du besser aus."

"Echt?", sagt Tim Wiese.

Er hat nicht mehr viel übrig für das moderne Fußballgeschäft. Es sei langweilig geworden. "Die jungen Leute sind alle angepasst, sie sagen immer: ja klar, Herr Trainer. Das wird ihnen schon so in den Fußballschulen beigebracht. Leute wie ich sterben aus." Stefan Effenberg. Oliver Kahn. Toni Schumacher. Mario Basler. "Man muss da auch mal 'nen Spruch raushauen. Aber das macht heute keiner mehr." Auch deswegen will er jetzt Wrestler sein. Es ist für ihn die Gegenwelt, laut, grell, tabulos, politisch so unkorrekt, wie er als Fußballer immer sein wollte, aber nicht durfte.

Er sitzt in seinem weißen Mercedes auf dem Weg nach Berlin. Er ist irgendwo auf der A7, kurz vor Hannover. Er muss noch die Kolumne durchgeben, die Kolumne für "Bild", aber er fährt von einem Funkloch ins nächste. "Hallo?", ruft er in sein iPhone. "Hallo?" Schon wieder kein Netz.

Einen Satz hat er schon durchtelefoniert, den wichtigsten Satz über Thomas Schaaf. Fast eine Woche hat er den Satz nun mit sich herumgetragen: "Er wird mit jeder Niederlage ein bisschen faltiger, er sollte sich mal Botox spritzen lassen." Der größte Teil seiner Kolumne ist schon geschafft. Er braucht nur noch irgendwas für den Schluss, vielleicht zur Frage, warum Schaaf sich das antut, in die Bundesliga zurückgegangen zu sein.

Wiese überlegt. Er würde das nie machen, zurückkehren in die Bundesliga, niemals, sagt er. Er ist verheiratet wie Schaaf, er hat Geld. "Warum also tut sich Schaaf das an?", fragt Wiese ins Telefon. "Ich hätte das nicht gemacht. Aber wahrscheinlich war ihm alles zu langweilig - oder die Frau hat genervt. Kann man schreiben, oder?"

Ein guter Schlussgag, findet Wiese. Er legt auf. Noch 250 Kilometer bis Berlin. "Und, welche Note krieg ich jetzt? 'ne eins, oder?"

Im Video: Ein Spieler namens "Spiegel"

kicker.tv

Mehr lesen über