So schrieb Tom Wolfe
Skyline von Downtown Miami
Foto: Thomas Eisenhuth / dpaMiami ist der Schauplatz von Tom Wolfes Roman "Back to Blood" (deutscher Titel "Die Maden"): ein Schmelztiegel des modernen Amerikas, in dem die Latinos längst die Mehrheit stellen. Wolfe verknüpfte in diesem Buch die Schicksale von Kubanern und Schwarzen, von Milliardären und Habenichtsen, von Anpassern und Gangstern zu einem Sittenbild einer Stadt ohne Moral und ohne Sinn. Der SPIEGEL druckte Auszüge aus dem zehnten Kapitel des Romans, der auch als Fortsetzung von Wolfes Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" über das New York der achtziger Jahre zu lesen ist. Norman, ein Sex-Therapeut für Millionäre, und seine Freundin Magdalena, eine kubanische Krankenschwester, besuchen zusammen mit dem Milliardär Maurice Fleischmann die Art Basel Miami Beach und erleben dort das Rattenrennen der Superreichen um die begehrtesten Kunstwerke.
Wolfe
Foto: Shannon Stapleton / REUTERSEs war Dezember, der meteorologisch langweiligste Monat in Miami Beach. Stellen Sie sich einen Bildband vor, in dem auf jeder Seite das gleiche Foto zu sehen ist ... auf jeder Seite ... 12 Uhr mittags unter einem makellosen, wolkenlosen, grellblauen Himmel ... auf jeder Seite ... eine tropische Sonne, die diese seltenen alten Vögel auf den Gehwegen, Fußgänger, in plumpe abstrakte schwarze Schatten verwandelt ... auf jeder Seite ... endlose Ansichten vom Atlantischen Ozean, wobei mit "endlos" der Abstand zwischen den Häuserblocks gemeint ist ... auf jeder Seite ... und wenn Sie also alle paar Wohntürme genau richtig hindurchspähen, können Sie einen flüchtigen Blick auf einen kugelschreiberminendünnen senkrechten Streifen Ozean erhaschen - blip - und schon ist er weg ... auf jeder Seite ... flüchtig - blip - und schon ist er weg.
Um 12 Uhr mittags an diesem speziellen Dezembertag, Viertel vor, um genau zu sein, befanden sich Magdalena und Norman allerdings nicht unter freiem Himmel ... sondern in der erlesenen Gesellschaft von Maurice Fleischmann und seiner künstlerischen Beraterin Marilynn Carr, "A.A.", wie er sie nannte ... kurz für "Art Adviser". Tatsächlich benutzte er das Kürzel als Spitznamen für sie ... "Hey, A.A., schau dir das mal an" ... oder so in der Art ... Die vier versuchten in Würde, soweit das möglich war, ihren Platz in einer Warteschlange zu verteidigen, die weniger einer Schlange als einem Gedränge vor einem iranischen Flugschalter ähnelte. Bei den etwa 200 unruhigen Menschenseelen handelte es sich hauptsächlich um Männer mittleren Alters, von denen, wie man Magdalena mitteilte, elf Milliardäre - Milliardäre - waren, wenn man Maurice mitzählte, zwölf. Sie wanden sich wie Maden in Erwartung dessen, was sie auf der anderen Seite einer zentimeterdicken Glaswand, gleich hinter einem schmalen Einlass, Eingang D des Miami Beach Convention Center, erwartete. Ein normaler Mensch konnte jahrelang an diesem Eingang D vorbeigehen, ohne ihn überhaupt zu bemerken. Genau darum ging es. Normale Menschen wussten nicht und sollten auch nicht wissen, dass sich da drinnen ... 15 Minuten vor Beginn des Gegockels auf der Miami Basel ... Milliardäre und zahllose dreistellige Millionäre wanden wie Maden.
Die Maden! Mit sechs oder sieben hatte Magdalena auf einem Gehweg einen kleinen toten Hund gesehen, einen Straßenköter. Ein Schwarm Insekten wühlte sich in eine klaffende Wunde im Hinterteil des Hundes - nur dass es eigentlich keine Insekten waren. Sie sahen mehr wie Würmer aus, kurze, weiche, leichenblasse Würmer; und es herrschte auch nicht die Ordnung wie in einem Schwarm. Es war ein chaotisches Schlängeln, Glitschen, Winden, Schlingern, Sich-ineinander-Verknoten und Gegeneinander-Kämpfen, wuselnde Maden, die über- und untereinander, rücksichtslos, buchstäblich kopflos, wie in Raserei an das tote Fleisch zu gelangen versuchten. Sie hatten keinen Kopf. Sie hatten nur die Raserei. Sie hatten keine fünf Sinne, sie hatten nur einen, den Trieb, und der Trieb war alles, was sie spürten. Sie waren vollkommen blind.
Um ehrlich zu sein, Magdalena war das alles ziemlich egal. Sie hielt es für lustig. In erster Linie war sie neidisch auf A.A. Diese Americana war hübsch und jung und, was sich fast von selbst verstand, blond. Sie war elegant, aber sehr einfach gekleidet ... und sehr sexy ... ein makellos schlichtes, praktisches, ärmelloses schwarzes Kleid ... aber kurz ... es zeigte jede Menge von ihren schönen schlanken Oberschenkeln ... und wirkte, als betrachtete man ihren ganzen schönen schlanken Körper. Magdalena hatte nicht den geringsten Zweifel, dass sie sexyer war als dieses Mädchen, schönere Brüste, schönere Lippen und schöneres Haar, langes, volles, dunkel glänzendes Haar im Gegensatz zu dem sexlosen blonden Bob dieser Americana ... Sie wünschte nur, sie hätte nicht diese enge weiße Hose angezogen, die hauptsächlich die tiefe Spalte ihres perfekten kleinen Hinterns hervorhob. Aber dieses A.A.-Mädchen hatte noch etwas anderes. Sie wusste Bescheid. Es war ihr Beruf, reiche Menschen wie Fleischmann dabei zu beraten, welche Kunst sie zu kaufen hatten, und sie wusste alles über diese "Messe", die offiziell Art Basel Miami Beach hieß, aber die, die Bescheid wussten, und A.A. war so jemand, der daraus keinen Hehl machte, nannten sie Miami Basel. Sie konnte sechzig Ich-weiß-Bescheid-Sprüche pro Minute abfeuern.
In diesem Augenblick sagte A.A., "Also frage ich sie, was sie interessiert, und sie sagt, ,Ich suche etwas, das weit vorne ist ... einen Cy Twombly oder so.' Und ich denke, ,Einen Cy Twombly?' Cy Twombly war in den Fünfzigern mal weit vorne! Ich glaube, er ist vor ein paar Jahren gestorben. Die meisten seiner Zeitgenossen sind auch schon tot oder machen es nicht mehr lange. Wenn deine ganze Generation tot ist oder so gut wie, dann gehört man nicht mehr zu denen, die weit vorne sind. Man ist vielleicht bedeutend, vielleicht sogar eine Ikone, so wie Cy Twombly, aber man ist nicht mehr weit vorne."
Sie sagte das nicht zu Magdalena. Sie schaute sie nicht mal an, nie. Warum Aufmerksamkeit, geschweige denn Worte, an einen kleinen Niemand verschwenden, der wahrscheinlich von nichts eine Ahnung hatte? Magdalena hätte darauf gewettet, dass auch Norman nicht ein Wort von dem verstanden hatte, was unsere sexy Miss A.A. gerade gesagt hatte. Aber Norman erzeugte eine Aura um sich, die die Leute glauben ließ, er wüsste alles über alles, egal was wer gerade erzählte.
Die wuselnden Maden wurden immer nervöser.
Eine Frau sagte: "Heutzutage würde Koons bei einer Auktion untergehen!"
"- Hirst, wenn Sie mich fragen. Der würde noch so viel bringen wie ein toter Fisch, der 15 Minuten in der Sonne gelegen hat."
"- Was haben Sie gerade gesagt? Prince ist doch der, der total out ist."
"- Meinen Sie den Fisch bei Stevie's, das 40-Millionen-Teil, das schon angefangen hat zu stinken!"
"- Ikonisch, dass ich nicht lache."
Magdalena kannte die Stimme sehr gut, von der Dinnerparty gestern Abend, die Michael du Glasse und seine Frau Caroline Peyton-Soames im Casa Tua gegeben hatten. Sie erinnerte sich sogar noch an den Namen, Heinrich von Hasse. Er hatte Milliarden gemacht mit der Produktion von ... irgendwas mit Industrierobotern? ... Egal, jedenfalls hatte er vor sechs Monaten auf der Art Basel in der Schweiz so viele Millionen für Kunst ausgegeben, dass man praktisch auf jeder Party, bei der Maurice, Norman und sie gewesen waren, über ihn gesprochen hatte.
Es war, als hätte eine dieser Märchenfeen aus diesen Kinderbüchern ihren Zauberstab über Miami geschwungen ... und - Hexhex! - die Stadt in die Miami Basel verwandelt ... Die Zauberformel wirkte nur eine Woche lang, eine magische Woche in jedem Dezember ... wenn Wichtigtuer aus Amerika, Europa, Japan, sogar aus Malaysia, sogar aus China, Hongkong und Taiwan, sogar aus Südafrika, aus todo el mundo, in Schwärmen von Privatflugzeugen vom Himmel herabschwebten ... um teure zeitgenössische Kunst zu kaufen ... oder den Wichtigtuern beim Kaufen zuzuschauen ... die gleiche Luft wie sie zu atmen ... kurz, um da zu sein, wo die Post abgeht ... bis die Fee eine Woche später wieder ihren Zauberstab schwang und - Hexhex! - alles verschwand ... die Kunst aus aller Welt, die Privatflugzeuge aus aller Welt, die Wichtigtuer, die aus aller Welt vom Himmel herabgeschwebt waren und - pfffft! - jede Spur von Kultiviertheit und Weltläufigkeit.
In diesem Augenblick jedoch standen all diese Kreaturen noch unter dem Bann des Feenzaubers.
Für die Öffentlichkeit wurde die Miami Basel erst zwei Tage später geöffnet ... aber für diejenigen, die Bescheid wussten, war die Miami Basel schon seit drei Tagen eine Tour de Force aus Stehempfängen, Dinnerpartys, After-Partys, Kokainorgien und der Jagd nach Frischfleisch. Fast überall Berühmtheiten aus Film, Musik, Fernsehen, Mode und sogar aus dem Sport, die alle nichts über Kunst wussten und auch gar keine Zeit hatten, sich darum zu kümmern, aber deren Anwesenheit den Status aller, die dabei sein durften, aufwerteten. Und für sie war die Miami Basel in dem Augenblick vorbei, wenn der erste Ahnungslose aus dem Volk seinen Fuß in die Hallen setzte.
In schätzungsweise fünf Minuten würde sich eine Doppeltür in der Glaswand öffnen, und die alten Männer, die alten Maden, würden als Erste die Schätze auf der anderen Seite in Augenschein nehmen ... Miami Basel! ... Zwei Stunden lang hätten die Maden, und nur sie, den ganzen Laden exklusiv für sich ... was im Namen Gottes das auch war, der "ganze Laden".
"- Verpissen? Verpissen Sie sich, Sie fette -"
"AhhggghHAHAHHHHock hock hock hock", gackerte Norman. "Hast du den großen Ochsen gesehen, der sich da gerade zwischen den beiden Leuten durchquetschen wollte? Zu eng, ist einfachhhaaagghHAHHHHock hock hock hock stecken geblieben! War einfach zu fett, sein BauchahhHock hock hock!"
Maurice Fleischmann schaute Norman ausdruckslos an. Norman fing immer dann an zu gackern, wenn er verunsichert war, besonders in Gegenwart von Leuten, denen er sich unterlegen fühlte. Zum Beispiel Fleischmann. Jeder, sogar ein richtiger Wichtigtuer wie Fleischmann, musste schon ein Herz aus Stein haben, um nicht zu lächeln und das Spiel dieses Burschen mitzuspielen, der so von seinem eigenen Gelächter mitgerissen, durchgeschüttelt und paralysiert wurde ...
Ganz vorne in der Schlange gab es irgendeine Auseinandersetzung ... der große Ochse, pausenlos quatschend, allem Anschein nach wütend ... wenn das Kinn in die Höhe fährt, bildet sich ein Reifenstapel aus Fett in seinem Nacken. Und was der anhat! ... ein gewöhnliches weißes T-Shirt, eigentlich ein Unterhemd. Wie das aussieht! ... spannt sich über dem aufgedunsenen Bauch ... lässt ihn aussehen wie einen dieser großen Gymnastikbälle aus Plastik.
"Hey, A.A.", sagt Fleischmann. "Komm mal her." Sie kommt, und er sagt, "Ist das nicht Flebetnikow?"
"Oh, ja", sagt sie. "Unverkennbar." Fleischmann beugt sich zu A.¿A. vor und senkt die Stimme: "Dieser fette Arsch. Er weiß, dass ich mich für die Kunst von Doggs interessiere - und jetzt schau ihn dir an. Räumt mit seiner Sumoringerwampe die Leute aus dem Weg, und jetzt steht er direkt vor der Tür."
A.¿A., ebenfalls mit gesenkter Stimme: "Aber warum sollte er deshalb persönlich herkommen? Glauben Sie nicht ..."
"Er ist Milliarden schwer und einer von Putins Lakaien. 'Ich reiße mir alles unter den Nagel, was du willst, nur um dir zu zeigen, dass du gegen mich keine Chance hast.' Deshalb!"
"Wer ist er?", fragte Norman.
Fleischmann nahm Norman eindeutig übel, dass er sich in die Unterhaltung einmischte. "Haben Sie vielleicht schon mal was über russische Oligarchen gehört?" Dann wandte er sich wieder an A.¿A. und sagte, "Das Einzige, was wir jetzt ..."
Es war das "vielleicht", das Norman ärgerte. Sprach Fleischmann da zu ihm in diesem geduldigen, aber gereizten Ton, mit dem man einen Trottel abfertigt? Norman wollte sich das keine Sekunde lang bieten lassen.
"Über russische Oligarchen?", sagte er. "Von russischen Oligarchen, das trifft's schon besser ahaaahhhHAHAHAHock hock hock ! Ich wurde bei diesen Typen schon von drei verschiedenen Psychiatern zu Rate gezogen. Ob ich schon was über russische Oligarchen gehört habeaaahHAAAHock hock hock!"
In diesem Augenblick verstummte die Madenmeute. Jenseits der Glaswand war aus dem Nichts eine Frau aufgetaucht, eine blonde, knochigknorpelige Frau, die versuchte, in einer Röhrenhose in Art World Black und einem T-Shirt mit V-Ausschnitt in Art World Black jung auszusehen. Sie öffnete die Glastüren, setzte ein sprödes Lächeln auf und deutete in die Halle. Es war geradezu gespenstisch, wie die Masse der Maden schweigend in die Halle quoll.
Flebetnikow platzte wie ein riesiger Korken durch den Eingang. Er kam kurz aus dem Tritt und musste einen kleinen Zwischenschritt einlegen, um das Gleichgewicht zurückzugewinnen. Der große Bauch hüpfte und schwankte unter seinem T-Shirt. Der Russe führte die Meute an ... mit abgewinkelten Ellbogen, als wollte er sichergehen, dass niemand ihn überholte. Erst jetzt fiel Magdalena auf, dass er Basketballschuhe trug.
Jetzt quetschten sich Magdalena, Fleischmann, Norman und A.¿A. durch die Tür. Um den hechelnden alten Männern nicht in die Quere zu kommen, war die Frau in Art Black klugerweise einen Schritt zurückgetreten. Der Strom geriet nicht völlig außer Kontrolle ... aber Magdalena konnte trotzdem den Druck spüren ... Ein Mann war so dicht hinter ihr, dass sie neben ihrem Ohr seinen röchelnden Atem hören konnte. Sie wurde von der Flut der alten Knochen mitgerissen, die es nicht erwarten konnten, da reinzukommen, was immer da auch war.
Der schmale Durchgang führte in die Hauptausstellungshalle. Dieser Raum sah aus, als hätte er die Größe eines ganzen Häuserblocks ... die Decke war - wie hoch? - drei Stockwerke? - vier Stockwerke? - und lag im Dunkeln. Die Lichter hingen darunter, wie die Lichter einer Stadt - Lichter von unglaublich langen Gassen, Straßen, Avenuen - die Lichter der Ausstellungsstände von Galerien aus ganz Europa, Asien und den Vereinigten Staaten ... sicher Hunderte! Kunst zu verkaufen! Ein gigantischer Basar ... der sich vor ihnen ausbreitete, den bedeutendsten Maden der Welt ... Alles für sie! ... Ein Blick! - Okay? - Gekauft!
Der Pulk der überreizten alten Männer begann sich aufzulösen ... sie fanden ihre Sprache wieder, doch alle wurden übertönt von einer belfernden Stimme.
"Verpiss dich, Schwachkopf! Steck dir dein Stück Papier sonst wohin!"
Es war Flebetnikow, der versuchte, seinen dicken Bauch an einem Wachmann vorbeizuschieben, der sich zwischen ihm und den unwiderstehlichen Schätzen aufgebaut hatte. Der Wachmann trug eine blaugraue Uniform, die mit polizeiähnlichen Insignien bepflastert war, inklusive einer glänzenden Dienstmarke. Das war nicht irgendein Sicherheitsmann, sondern ein klassischer Florida-Redneck ... dichtes kurzgeschorenes rotblondes Haar ... fleischig, schwabbelig ... massige Unterarme, die wie zwei Schinken aus einem kurzärmeligen Hemd ragten ... Mit einer Hand hielt er Flebetnikow ein offiziell aussehendes Schriftstück unter die Nase.
Flebetnikow schlug es zur Seite, schob sein Gesicht vor und brüllte mit seiner spuckesprühenden Stimme, "Geh mir aus dem Weg! Verstanden?" Dann drückte er mit dem Handballen gegen die Brust des Rednecks, als wollte er ihm sagen, "Ich meine es ernst! Entweder lässt du mich durch oder ich schaffe dich eigenhändig aus dem Weg!"
Großer Fehler. Schneller als Magdalena schauen konnte, packte der Redneck den Arm des Russen und verdrehte ihn so, dass Flebetnikow augenblicklich erstarrte, seine Stimme, sein Körper, seine Seele. Instinktiv schien er zu wissen, dass er es hier mit einem Burschen zu tun hatte, der nichts lieber täte, als einen fetten Russen bewusstlos zu prügeln und an die Schweine zu verfüttern.
Magdalena drehte sich zu Fleischmann und Norman um - aber sie waren schon einen Meter weiter. Fleischmann stieß Norman in die Seite, und die beiden schauten sich grinsend an. Ihnen voraus marschierte in sagenhaftem Tempo A.¿A., die vermutlich schnurstracks auf den Stand mit den Doggs-Exponaten zusteuerte, um den Vorsprung zu nutzen, den der Wachmann ihnen verschaffte hatte.
Überall wühlten und wimmelten die Maden mit ihren Beratern hektisch den Ausstellungsständen ihrer Träume entgegen. Da drüben! - da werden sie handgreiflich! ... Anscheinend die beiden Hedgefonds-Manager - irgendwoher aus Connecticut - hatte Fleischmann gesagt ... Noch weiter vor Magdalena ein lautes gackerndes HaHaHHHHock hock hock und Norman, der sich zu den beiden Faustkämpfern umdrehte ... aber nicht Fleischmann. Er und seine A.¿A., Miss Carr, denken nur ans Geschäft und gehen direkt auf einen Stand zu. Eine große Made - Magdalena erkennt ihn wieder, aus der Warteschlange - tritt von der Seite auf die beiden zu, lächelt herzhaft und sagt, "Na, wie läuft's Marilynn?" A.¿A. schaut ihn für den Bruchteil einer Sekunde mit einem genervten Blick an, der nur fragt, was das denn für eine Kreatur ist, die in einem derart kritischen Augenblick meine Aufmerksamkeit beeinträchtigt, attackiert? Sie ignoriert ihn.
Norman betritt nach ihnen den Stand und stellt sich neben sie ... und neben einen großen Mann, der, obwohl er noch gar nicht so alt wirkt, graue Haare und gruselig blassgraue Augen hat, die aussehen wie die schiefen Augen eines Huskys.
A.¿A. sagt, "Maurice, Sie kennen sicher Harry Goshen."
"Nein, tut mir leid", sagt Fleischmann. Er wendet sich dem Mann mit den gruselig grauen Augen zu, lächelt ihn knapp und kühl an und schüttelt ihm dann die Hand.
Diese blassen Augen ... sie waren gespenstisch und bedrohlich. Der Mann trug einen Anzug, der ebenfalls blassgrau war, und eine hellblaue Krawatte ... der erste Mann mit Jackett und Krawatte, den Magdalena heute zu Gesicht bekam ... schwarze Schuhe, die so perfekt poliert waren, dass die Falte zwischen Zehen und Fußrücken schimmerte. Das musste der Besitzer der Galerie sein ... oder zumindest ein Händler ... Reiche Sammler, das hatte sie jetzt kapiert, gingen in Lumpen und Sneaker.
Fleischmann, A.¿A. und Harry Goshen standen vor einer Reihe Schachteln aus Ahornholz, jede etwa 10 Zentimeter hoch und zwischen 20 und 60 Zentimetern lang, farblos, makellos, aber mit so vielen Schichten Klarlack überzogen, dass sie einen förmlich anschrien. Harry Goshen öffnete den Deckel einer der größeren Schachteln ... die vollständig, inklusive Deckel, mit schokoladenfarbenem Wildleder ausgekleidet war ... und hob eine große runde Platte aus durchsichtigem, mattem Glas heraus, vielleicht fünf Zentimeter dick ... Harry Goshens Haltung, seine angespannten Hände und Arme verrieten, dass das verdammte Ding schwer war. Er drehte es um 45 Grad ... und das Glas wurde überflutet von Licht ... und da, tief ins Glas eingraviert ... meisterhaft eingraviert, bis ins kleinste Detail -
"Geht in Richtung Art déco", sagte A.A. zu Fleischmann.
- wurde ein Flachrelief sichtbar, eine junge Frau mit langen welligen Haaren -
A.A. hielt eine Fotografie hoch. "Sieht ihm ziemlich ähnlich, was meinen Sie?"
- und ein junger Mann mit kurzen welligen Haaren ... die fickten ... und man konnte "alles sehen", wie es so schön heißt, und "alles" wurde überflutet von durchscheinendem Licht.
Norman war so aufgeregt, dass sich ein dümmliches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete und er sich weit vorbeugte, damit ihm nicht das kleinste Detail von "allem" entging. Fleischmann schien total perplex. Sein Blick wanderte von dem pornografischen Relief zu A.A., zurück zu dem pornografischen Relief und wieder zu A.A. ... Was soll ich davon halten, A.A.?
Der blassgrauäugige Goshen hebt aus einer anderen lackierten Kiste eine weitere runde Platte ... dreht sie, bis ... da! ... ein Mann und eine Frau sichtbar werden ... die es auf andere Art treiben ... die nächste Platte ... anal ... die nächste ... drei Gestalten, zwei Frauen und ein Mann ... treiben es in anatomisch unmöglicher Kombination ... die nächste ... zwei Frauen und zwei Männer ... treiben es ... mit Fingern, Zungen, Mündern, ganzen Unterarmen, die in schmutzigen Öffnungen verschwinden ... Fleischmanns panischer Blick wandert von der lichtdurchfluteten Glasplatte zu Marilynn Carr ... und wieder zurück ... Zeit ist der entscheidende Faktor ... andere Käufer werden jeden Augenblick auftauchen ... Flebetnikow, um genau zu sein ... Magdalena tritt näher heran ... Fleischmann schaut seine A.¿A. an ... bettelnd ... Sie dreht den Kopf um einen Hauch zur Seite, was heißt, nein ... Magdalena kann ihre leiser als leise geflüsterten Worte hören, "Kein ikonischer Doggs" ... Die nächste ... treiben es ... Fleischmanns panischer Blick wandert zu Marilynn Carr. Ohne ein Wort hebt und senkt sie ganz langsam das Kinn ... was heißt, ja! ... Fleischmann wendet sich sofort an den gespenstischen Husky, der mit gespenstisch leiser Stimme sagt, "Drei." Fleischmann wendet sich zu Marilynn Carr und schaut sie verzweifelt an ... Wieder hebt und senkt sie ganz langsam das Kinn ... Fleischmann wendet sich verzweifelt an den gespenstischen Goshen und flüstert mit kehliger Stimme, "Ja" ... und Goshen klebt einen roten Punkt auf die lackierte Kiste mit der Platte ... Wieder werden schnelle Blicke ausgetauscht ... hin und her ... Flüstern, verzweifelte Signale ... Goshen sagt, "Zweieinhalb." Fleischmann krächzend, "Ja" ... und wieder ein roter Punkt auf einer anderen lackierten Kiste ... Keine 45 Sekunden sind vergangen.
Ein Grölen! Ein Brüllen! Da kommt er! Flebetnikows massige T-Shirt-Gestalt hat sich anscheinend losreißen können. Er stürmt auf den Stand zu. Er ist wütend, brüllt etwas auf Russisch, zu wem auch immer ... dann auf Englisch, "Gottverdammter Hurensohn, ich reiß dir die Eier ab!" ... Goshen tut so, als hätte er nichts gehört oder als wäre es ihm einfach egal ... Kein tobender Russe würde ihm dies versauen! Flebetnikow knurrt und brüllt und schwört, dass er allen die Eier abreißen würde. Er kommt näher. Fleischmann macht einen gelassenen Eindruck, beschleunigt aber sein Unternehmen ... noch ein roter Punkt ("dreieinhalb") ... noch ein roter Punkt ("eins") ... rote Punkte rote Punkte rote Punkte ("zwei," "vier" für das Orgienrelief, großer Gott! ... dann "neun eins sieben" -) ... all die roten Punkte ... Das meinen sie wahrscheinlich, wenn sie von "Masern" sprechen.
Wenn diese Zahlen bedeuteten, was Magdalena glaubte, das sie bedeuteten, dann hatte Fleischmann gerade in weniger als 15 Minuten 17 Millionen Dollar ausgegeben, oder 17 Millionen Dollar minus 83.000 Dollar, wenn "neun eins sieben" für 917.000 Dollar stand. Und wenn Marilynn Carr mit ihren hellen weißen Oberschenkeln und ihrem Bob zehn Prozent vom Verkäufer bekam, dem gespenstischem Husky, und zehn Prozent vom Käufer, Fleischmann, dann hatte sie gerade 3.400.000 Dollar verdient, vorausgesetzt, es stimmte, was Norman ihr über die Provisionen erzählt hatte. Flebetnikows russisches Gebrüll kam näher und näher.
A.A. sagte zu Fleischmann, "Ich glaube, es ist besser, wir verschwinden jetzt. Ich kenne Flebetnikow. Das ist nicht der rationale Typ."
Zum ersten Mal seit Beginn der Transaktionen lächelte Fleischmann. "Aber dann entgeht uns doch der ganze Spaß."
Fleischmann bestand darauf zu bleiben. Er baute sich direkt vor dem Eingang des Ausstellungsstands auf. A.A. sah nervös aus. Fleischmann bot plötzlich ein Bild der Glückseligkeit.
Unter russischem Gebrüll erreichte Flebetnikow den Stand. Ein großer, dunkelhäutiger, ängstlich dreinblickender Mann begleitete ihn.
"Das ist Luschnikin", flüsterte A.¿A. Fleischmann zu. "Er berät die meisten Oligarchen."
Flebetnikow knurrte wie ein Bär. Er brüllte Luschnikin auf Russisch an ... das letzte Wort war "Goshen". Erst jetzt bemerkte er Fleischmann. Verwundert und argwöhnisch schaute er Fleischmann an.
"Genosse Flebetnikow", sagte Fleischmann mit dröhnender Stimme. "Ich höre, Sie interessieren sich für Doggs." Er deutete mit dem Daumen hinter sich. "Ich auch. Aber der gute Stoff ist schon weg. Auf der Miami Basel muss man schnell sein. Man muss sich ranhalten. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, einfach nur artig in der Gegend rumstehen, das reicht nicht. ,Ein Blick! - Okay? - Gekauft!' Sie verstehen."