Verkehrsunfälle: Der alltägliche Schrecken - DER SPIEGEL
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Geschichte eines tödlichen Unfalls Der alltägliche Schrecken

Es passiert jeden Tag: Ein Mensch stirbt bei einem Unfall. Und kaum einer fragt, wer das Opfer war, wie der Verursacher mit der Schuld lebt. Wie sich Angehörige fühlen, wenn plötzlich die Polizei vor der Tür steht - so wie bei Irina G.
Unfallort an der Osdorfer Landstraße in Hamburg
Unfallort an der Osdorfer Landstraße in Hamburg

Unfallort an der Osdorfer Landstraße in Hamburg

Foto: Jörg Müller/DER SPIEGEL
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf diese Reise hatte Bronia S. lange gewartet. Im November 2015 will die Rentnerin aus Vilnius endlich einmal mehr von der Welt sehen. Als sie jung war, durfte sie nicht in den Westen reisen. Und als die Sowjetunion auseinanderbrach, als Litauen plötzlich selbstständig wurde, da hatte sie weder genug Zeit noch genug Geld: Sie wurde dringend gebraucht in ihrem Job als Ingenieurin, die beiden Töchter benötigten Hilfe bei der Betreuung der Enkel, die Preise stiegen wie noch nie.

Aber jetzt, mit 73, kann sie sich etwas leisten, sie ist noch rüstig, Zeit hat sie nun auch. Obwohl Litauen längst zur EU gehört, kennt sie Westeuropa nur aus dem Fernsehen, sucht eine Anlaufstelle. Und erinnert sich an ihre Nichte Irina G., die als Marketingexpertin schon Jobs in mehreren Ländern hatte, jetzt in Hamburg lebt und sich riesig freut, dass die Tante aus der Heimat zu Besuch kommen will. Drei Wochen lang ist Bronia S. jeden Tag unterwegs. Sie schaut sich alles an, Hafen, Speicherstadt, Michel. Streift durch die Kaufhäuser, bewundert die Schaufenster an der Binnenalster. "Abends hat sie mir immer begeistert davon erzählt", erinnert sich ihre Nichte, "sie kannte sich bald besser aus als ich, sie war in Hamburg richtig glücklich."

Am 4. Dezember, einem Freitag, möchte die 73-Jährige am frühen Nachmittag, gegen 14 Uhr, ein paar Lebensmittel und Kerzen besorgen. Viele Menschen sind in Eile, auf den Straßen beginnt schon der Feierabendverkehr. Als ihre Tante um 20 Uhr noch immer nicht zu Hause ist, das Handy auch stumm bleibt, hält Irina G. die Ungewissheit nicht mehr aus, ruft die Polizei an. Kurz darauf stehen zwei Beamte vor ihrer Wohnungstür. Da ahnt die Nichte die schreckliche Nachricht.

Auszug aus dem Unfallbericht: "Eine Frau lag auf der Osdorfer Landstraße, neben der Verkehrsinsel der Fußgängerampel. Ihr Gesicht war blutverschmiert, unter ihrem Kopf war eine große Blutlache zu erkennen. Ihr Körper lag schräg zur Fahrbahn, ihre Turnschuhe lagen neben ihr im Fußbereich. Verschiedene Dinge (vermutlich Einkäufe) waren auf der Straße verteilt, unter anderem ein Portemonnaie. Eine weiße Spur (vermutlich Mehl) zog sich vom vermutlichen Kollisionspunkt bis zum Unfallopfer hin."

Bronia S. hatte die Straße überqueren wollen, bei Grün. Mitten auf dem Fußgängerüberweg erfasste sie der Lieferwagen von Thomas B., sie wurde 14 Meter weit durch die Luft geschleudert. Alle Wiederbelebungsversuche blieben vergebens, wenige Stunden später stellten die Notärzte im Krankenhaus den Tod fest.

Rentnerin Bronia S. 2011: Bei Grün die Fahrbahn überquert

Rentnerin Bronia S. 2011: Bei Grün die Fahrbahn überquert

So etwas geschieht jeden Tag. So oft jedenfalls, dass es allenfalls in den Meldungsspalten der Lokalzeitungen registriert wird. Eine kleine Notiz, nichts weiter.

3459 Menschen starben 2015 auf Deutschlands Straßen, das sind fast zehn Tote täglich. Rund hundertmal so viele wurden verletzt, nicht wenige davon gezeichnet fürs Leben. Eine Tragödie, die mehr oder weniger achselzuckend hingenommen wird als schmerzhafter, aber irgendwie unvermeidbarer Preis für die mobile Gesellschaft. Alle haben sich daran gewöhnt.

"Was wäre denn, wenn jemand heute eine sensationelle Technologie erfinden würde, die den Menschen jede Menge Komfort und ganz neue Möglichkeiten eröffnen, aber leider jährlich 3500 Tote kosten würde?", fragt der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel, einer der Verkehrsexperten seiner Partei. "Würde die dann trotzdem akzeptiert?"

2015 starben in Berlin 48 Verkehrsteilnehmer, in Hamburg 20, in Frankfurt am Main 16. Gerade in den Großstädten trifft es schnell die Schwächsten: Fußgänger, Radfahrer, Kinder. Wie die Realität in einer Metropole wie Hamburg aussieht, zeigen fünf Tage im Herbst 2016.

  • 10. Oktober, Hamburg-Ochsenwerder: Ein elfjähriger Schüler gerät unter die Räder eines Transporters, dessen Fahrer zu spät bremst: tot.
  • 11. Oktober, Hamburg-Eilbek: Eine 19-jährige Radfahrerin stirbt, weil ein Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen nicht aufpasst.
  • 18. Oktober, Hamburg-Hohenfelde: Eine 38-jährige Fußgängerin wird trotz Grün auf dem Überweg von einem Lastwagen mit Anhänger überrollt, überlebt nur knapp.
  • 20. Oktober, Hamburg-Bramfeld: Eine 51-jährige Passantin bleibt schwer verletzt auf einem Fußgängerüberweg liegen, weil sie von einer Pkw-Fahrerin, die links abbiegen will, glatt übersehen wird.
  • 21. Oktober, Hamburg-Ottensen: Ein achtjähriger Junge, der mit seinem Tretroller ordnungsgemäß die Straße überquert, wird vor den Augen seines Vaters von einem Kleinwagen erfasst, muss ins Krankenhaus.

Wie es Irina G. schaffte, die Verwandten in der Heimat zu informieren, weiß sie selbst nicht mehr. "Es war die schwerste Aufgabe meines Lebens", sagt sie. Auch deshalb, weil Tochter Algita, die Lieblingstochter von Bronia S., die Botschaft aus Hamburg einfach nicht glauben wollte. "Wieso nicht überlebt?", fragte sie immer wieder, "ich habe doch noch am Vormittag mit ihr über Skype telefoniert."

Auch heute, mehr als ein Jahr danach, hat die Tochter den Tod der Mutter nicht verkraftet. "Ich vermisse sie jeden Tag", sagt sie, "sie war so ein liebenswerter, fröhlicher und herzlicher Mensch. Sie half mir, die Kinder großzuziehen, war ihnen oft näher als ich, kannte alle ihre Geheimnisse." Die Endgültigkeit sei nicht auszuhalten: "Du weißt, du wirst diesen Menschen im Leben niemals wiedersehen."

Dabei war für die 73-Jährige eine Überraschung geplant: Tochter Algita und ein Enkelsohn wollten ursprünglich ebenfalls nach Hamburg kommen, zusammen mit Bronia S. hier Weihnachten und Neujahr feiern und dann gemeinsam zurückfliegen. Stattdessen musste die Tochter die Urne mit den sterblichen Überresten der Mutter abholen: "Ich kehrte mit einem Häufchen Staub zurück."

Zur Trauer kam zunächst Wut auf den Autofahrer. War er betrunken? War er bekifft? Oder beides? Handelte es sich um einen vorbestraften Verkehrsrowdy? Wird er zur Rechenschaft gezogen, muss er überhaupt vor Gericht? Und wieso geht das alles nicht schneller?

Direkt nach dem Unfall trafen die Polizisten auf einen verzweifelten Fahrer. "Er saß zusammengesunken auf dem Beifahrersitz, machte einen aufgelösten Eindruck", erinnert sich einer der Beamten, "auch schüttelte er ständig den Kopf, hielt sich die Hände vors Gesicht, konnte kaum sprechen." Autofahrer, die einen schweren Unfall verursachen, stehen danach fast immer unter Schock.

Viele Unfälle werden durch permanenten Zeitdruck ausgelöst, der wiederum zu Hektik und Ungeduld führt. Oder eine Sekunde Unaufmerksamkeit, womöglich durch einen Anruf, eine SMS, eine WhatsApp-Nachricht. Die Folgen sind verheerend, für Opfer und Verursacher: ausgelöschte Hoffnungen, untröstliche Hinterbliebene, jäh unterbrochene Biografien, lebenslange Schuldgefühle.

Auch Unfallfahrer Thomas B. musste im Krankenhaus medizinisch versorgt werden. Warum er drauflosfuhr, obwohl rechts und links schon Autos vor der Ampel stoppten, ist bis heute rätselhaft. Wollte er noch schnell über die Kreuzung, dachte er, es reiche noch? Streikte sein Kreislauf? Fiel er in Sekundenschlaf? Oder passte er einfach nicht auf? Zwar sah er nach eigener Aussage noch das rote Licht, doch von da an habe er einen Filmriss. Er sei erst wieder zu sich gekommen, als er den Zusammenprall spürte, die Frau auf der Fahrbahn liegen sah und selbst in den Rettungswagen geführt wurde.

Einen "schockartigen Erinnerungsverlust" nennt das der Hamburger Psychologe Egbert Jacoby. Nach Auffassung des Psychologen könne durch eine akute Belastungssituation ein schweres Trauma mit Gedächtnisstörung ausgelöst werden. Dies könnte erklären, warum sich Thomas B. nicht mehr erinnern kann.

Die Folgen haben sein Leben verändert. Der Mittfünfziger, der noch nie einen schweren Verkehrsunfall hatte, quält sich mit Selbstvorwürfen, wird tags wie nachts von den Schreckensbildern des Unglücks überschwemmt. Er war wochenlang arbeitsunfähig, völlig gesund ist er bis heute nicht.

Gutachten über die Unglücksursache und langwierige technische Untersuchungen am Unfallwagen verzögerten das Ermittlungsverfahren. Erst ein Jahr nach dem Unglück klagte die Staatsanwaltschaft Thomas B. wegen fahrlässiger Tötung an. "Alles andere wäre für die Angehörigen auch unbegreiflich gewesen", sagt der Hamburger Anwalt René Klimaitis, der die Hinterbliebenen vertritt. Der Anwalt reiste eigens nach Litauen, um den Verwandten das schwierige juristische Tauziehen und die Verzögerung zu erklären.

Allerdings: Ihr ursprünglicher Wunsch nach harten Sanktionen wird von den Hinterbliebenen nicht mehr verfolgt. Sie wissen inzwischen, dass der Rotsünder nicht alkoholisiert war. Sie wissen, dass er selbst seines Lebens nicht mehr froh wird. Und sie schätzen, dass er ihnen einen langen Entschuldigungsbrief geschrieben hat, glauben ihm, dass er den Tod von Bronia S. tief bedauert.

"Er muss immer mit seiner Schuld leben", sagt Nichte Irina G., "das ist eigentlich Strafe genug." Die Familie lege keinen Wert mehr auf ein strenges Urteil. "Er tut uns auch leid. Wir vergeben ihm."

Auch die Hamburger Amtsrichterin Ursula Stegmann ließ Milde walten. Sie verurteilte Thomas B. am vorvergangenen Donnerstag wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 3600 Euro. Und erklärte dazu: "So ein Unfall kann jedem von uns passieren."

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