WDR-Chef Pleitgen "hatte fast keine Lust mehr, den ARD-Vorsitz zu übernehmen"
Der neue ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen hat massive Kritik an der bisherigen Online-Strategie seines Unternehmenverbundes geübt. "Die ARD ist die Nachrichtenfabrik Nummer eins in Deutschland, aber im Internet merkt man davon wenig", sagte er in einem Gespräch mit dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL. Die ARD habe lange nicht begriffen, ihre Chancen zu nutzen: "Ich hatte deshalb fast keine Lust mehr, den ARD-Vorsitz zu übernehmen."
Spätestens im April solle nun ein Gesamtkonzept verabschiedet werden, mit einem Hauptportal "ARD.de" sowie einem Nachrichtenportal "Tagesschau.de" mit allen Quellen aus Fernsehen und Hörfunk. Später könnten Angebote für Sport, Bildung, Kultur und Wissenschaft dazukommen. Auch Werbeerlöse will Pleitgen für die Online-Angebot nicht ausschließen: "Die Politik sollte von einer Deckel-drauf-Regelung absehen."
Im SPIEGEL-Gespräch fordert Pleitgen einen "zusätzlichen Sendeplatz für Hochglanz-Dokumentationen" - wie die BBC, die dafür großes Geld einsetze und so großes Publi-kum erreiche. Auch plädiert der WDR-Intendant für einen speziellen Pool von Reportern bei ARD aktuell, die für Einsätze in Krisenfällen zur Verfügung stünden: "Die hätten dann das nötige Know-how".
In der Programmplanung fordert der neue ARD-Chef, dass künftig politische Magazine wie "Monitor" nicht von Übertragungen zweitklassiger Fußballspiele verdrängt werden. "Zweieinhalb Stunden Gekicke der Amateure von Kickers Offenbach gegen den 1. FC Kaiserslautern brauche selbst ich nicht. Da hat es ein Überengagement gegeben."
Zu den kurz vor Abschluss stehenden Verhandlungen der ARD mit der Kirch-Gruppe über den Erwerb der Rechte an der Fußball-WM 2002 merkte Pleitgen kritisch an, dass die Bedingungen bei Finanzen und Produktion stimmen müssten: "Dazu gehören gute Arbeitsmöglichkeiten für unsere Leute vor Ort - und 2006 müssen wir auch unbedingt dabei sein." (DER SPIEGEL 2/01, Seite 86)