Embryonenforschung soll intensiviert werden
Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn will menschliche Embryonen künftig auch in Deutschland für wissenschaftliche Zwecke nutzen. In einem Interview mit dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL sagte die SPD-Politikerin: "Wenn es nach einer Debatte einen sehr breiten Konsens gibt, bin ich dafür, die Forschung an überzähligen Embryonen zuzulassen." Derzeit gebe es etwa 100 bis 150 künstlich befruchtete Embryonen, die die Befruchtungskliniken nicht einsetzen konnten, weil die betroffenen Frauen erkrankten oder verstarben.
Zudem sprach sich Bulmahn für die Präimplantationsdiagnostik aus, mit der künstlich erzeugte Embryonen per Gentest auf schwere Erbkrankheiten untersucht werden können. Sie wolle "Mütter in gesundheitlichen Konfliktsituationen die Möglichkeit geben, sich zu entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft wollen oder nicht."
Bulmahn kündigte an, das Präsidium der SPD werde sich Anfang Juni mit Fragen der Biomedizin befassen. Sie "habe den Eindruck, dass dort viele meine Position teilen." In der vergangenen Woche hatte die SPD-Spitze eine Entscheidung vertagt. Grund war ein Streit zwischen Bulmahn und Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin, die Embryonenforschung und Gentests an künstlich befruchteten Eizellen ablehnt.
Unterdessen lehnen es deutsche Reproduktionsmediziner entschieden ab, überschüssige Embryonen für die Stammzellforschung zur Verfügung zu stellen, wie es die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefordert hatte. "Wir sind nicht die Zulieferindustrie für die Embryonenforscher", sagte Michael Thaele, Vorsitzender des Bundes der Reproduktionsmedizinischen Zentren in Deutschland, zum SPIEGEL. (DER SPIEGEL 20/01, Seite 253)