"Neoliberalismus ist wie Aids" - klagt der Soziologe Bourdieu
Europas Regierungen, auch die sozialdemokratischen, hätten den Neoliberalismus verinnerlicht. Zwar würden sie noch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit beschwören, aber in Wahrheit ließen sie der Globalisierung ihren Lauf. In einem Interview mit dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL kritisiert der renommierte französische Soziologe Pierre Bourdieu mit Blick auf den Weltwirtschaftsgipfel in Genua die Kapitulation der Politik vor den neoliberalen Kräften der Wirtschaft.
"Die ökonomistische Sicht tötet jede Utopie", klagt der prominente Globalisierungsgegner. Der Neoliberalismus verkünde einen "ökonomischen Fatalismus, gegen den jeder Widerstand zwecklos erscheint. Er ist wie Aids." Vor dem G-8-Gipfel in Genua bedauert Bourdieu im SPIEGEL, dass die angekündigten Gewaltakte von Globalisierungsgegnern alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen: "Jede Analyse geht darin unter." Immerhin würden die organisierten Einsatztruppen die Protagonisten des Neoliberalismus zwingen, ihre eigene Gewalt vorzuführen.
Die Mahnung von Papst Johannes Paul II. an die acht Akteure des Weltwirtschaftsgipfels, die Hilferufe der Armen nicht zu überhören, tut Bourdieu ab: "Die katholische Kirche ist nicht antikapitalistisch. Sie möchte nur etwas Messwein in das Wasser des Neoliberalismus gießen." (DER SPIEGEL 29/01, Seite 120)