Serben-Premier Djindjic schockiert über "Farce" der West-Hilfe
In einem dramatischen Appell warnt Serben-Premier Zoran Djindjic den Westen, durch bürokratische Blockademanöver bei der Auszahlung versprochener Aufbauhilfen in Milliardenhöhe den Bestand seiner demokratischen Regierung in Belgrad zu gefährden. Er sei "schockiert über die Farce", die gegenwärtig mit seinem Land veranstaltet werde, sagt der Regierungschef in einem Interview mit dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL. So würden von den für August zugesagten 300 Millionen Euro nun 225 Millionen zur Tilgung von Jugoslawiens Altschulden einbehalten. Die restlichen 75 Millionen kämen frühestens im November, "das heißt: Man gibt einem Schwerkranken die Medizin, wenn er tot ist. Unsere Krisenmonate sind Juli, August, September."
Djindjic hatte in Belgrad gegen erhebliche Widerstände die Auslieferung des ehemaligen Präsidenten Slobodan Milosevic an das Den Haager Kriegsverbrecher-Tribunal durchgesetzt. Am Tag danach sagte in Brüssel eine Geberkonferenz von 42 Staaten der Bundesrepublik Jugoslawien Soforthilfen in Höhe von rund 1,3 Milliarden Dollar zu.
Ohne sofortige Finanzspritze werde sich seine Regierung "spätestens im September Demonstrationen und sozialen Unruhen" ausgesetzt sehen, sagte Djindjic dem SPIEGEL. "Ich verliere meine Glaubwürdigkeit und kann das Land nicht mehr stabilisieren." Die Folge könnten seine Abwahl, die Regierungsübernahme durch radikale Kräfte, ein Comeback der Sozialisten und neue Krisen auf dem Balkan sein. Dann werde "die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal nicht mehr existieren, und wie immer werden Hunderttausende von Flüchtlingen das Weite suchen". Er warne den Westen ernsthaft, fügte der serbische Premier hinzu: "Wenn meine Regierung fällt, kostet dies die Internationale Gemeinschaft zehn Milliarden Dollar." (DER SPIEGEL 29/01, Seite 114)