Entführter Deutscher trickste kolumbianische Kidnapper aus
Mit einer Finte ist dem Deutschen Thomas Künzel nach neun Wochen Geiselhaft die Flucht aus der Hand kolumbianischer FARC-Rebellen im Hochland der Anden gelungen. Wie das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL in der am Montag erscheinenden Ausgabe berichtet, hatte Künzel vorgegeben, austreten zu müssen. Er habe dazu ohne Bewachung in ein Gebüsch am Rande eines Behelfscamps gehen dürfen, von wo er geflüchtet sei. Künzel war am vergangenen Dienstag in seinen niedersächsischen Heimatort Nienstädt am Rande des Weserberglandes zurückgekehrt.
Erstmals gab Künzel im SPIEGEL Einzelheiten über seine zweitägige Flucht und die Behandlung durch die Geiselnehmer preis. Guerrilleros der marxistischen Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) hatten demnach ihn, seinen Bruder Ulrich und den Barsinghausener Volkshochschulleiter Reiner Bruchmann am 18. Juli bei einem Ausflug gekidnappt. "Wir hatten Angst, erschossen zu werden", zitiert DER SPIEGEL Thomas Künzel. Sein Bruder Ulrich und Reiner Bruchmann sind noch immer in der Gewalt der Entführer.
Laut Künzel wurden die Deutschen gezwungen, mit ihren Entführern in sieben verschiedenen Behelfscamps unter freiem Himmel oder in einer Lehmhütte zu übernach-ten. Sie seien aber nicht geschlagen oder anders drangsaliert worden. Eine "Qual", so Künzel, sei es gewesen, dass die Menschenräuber sie vier Wochen über das Motiv und das Ziel der Entführung im unklaren gelassen hätten. Erst als sie mit den Rebellen Nachrichten im Radio gehört hätten, hätten die Geiseln erfahren sie, dass ihre Entfüh-rer zur Farc gehörten.
Wie DER SPIEGEL weiter schreibt, bastelte Reiner Bruchmann zum Zeitvertreib aus dem Karton einer Zigarettenstange ein Skatspiel, nach neun Wochen und 630 Skat-runden habe er mit 3000 Punkten vor Thomas und UIrich Künzel geführt. Die Männer hätten sich, so Künzel, nach Reisen, Schnaps aus dem Wasserglas und "Bratkartoffeln, Bratkartoffeln, Bratkartoffeln" gesehnt.
Ein ausschlaggebendes Motiv für seine Flucht, sagte Künzel dem SPIEGEL, sei die Sorge um seine 80jährige Mutter gewesen. Sein Bruder habe geträumt, dass sie die Entführung beider Söhne nicht verkraftet habe und gestorben sei.
Am 20. September, einen Tag vor dem 81. Geburtstag seiner Mutter, sei Thomas Kün-zel unter Lebensgefahr aus dem Camp geflüchtet. In der Provinzhauptstadt Popayán angekommen, habe er seine Mutter angerufen und ihr gratuliert.
Thomas Künzel hatte seinen Bruder und Reiner Bruchmann laut SPIEGEL nicht über seine Fluchtpläne informiert. "Ich hoffe, dass sie mich verstehen, aber ich fürchte, dass sie mir das übel nehmen", sagte er dem Magazin. Der Gedanke, dass seine Flucht ihnen geschadet habe, belaste ihn sehr. "Es quält mich jede Stunde", zitiert ihn das Blatt.