Eltern des Erfurt-Amokläufers Robert Steinhäuser sprechen erstmals über ihren Sohn
Die Eltern des Erfurter Amokschützen haben sich im SPIEGEL erstmals ausführlich zu der Tat ihres Sohnes geäußert. Obwohl Robert Steinhäuser bereits ein halbes Jahr von der Schule verwiesen war, ließ er sich demzufolge jeden Morgen wecken, nahm seine Pausenbrote und gab vor, zur Schule zu gehen denn Mutter und Vater wussten nichts von dem Schulverweis, dem mutmaßlichen Grund des Amoklaufs. Am Morgen der Tat kam Robert Steinhäuser, kurz nachdem er das Haus gegen 9.45 Uhr verlassen hatte, wieder zurück, offenbar weil er vermutete, dass seine Eltern schon gegangen waren. Dann kam er ein weiteres Mal zurück und verließ mit einem Rucksack das Haus; das sah die im selben Haus wohnende Großmutter kurz nach halb elf. Nach dem Massaker, gegen 13 Uhr, warteten die besorgten Eltern noch auf Nachricht von ihrem Sohn. Da ging der Bruder, Peter Steinhäuser, in Roberts Kinderzimmer. Es war aufgeräumt, wie sonst nie, und dort fand Peter Steinhäuser eine Reisetasche voller Munition und auf dem Schreibtisch die Rechnungen für den Waffenkauf. "Und dann gehen Sie mal nach nebenan und erklären den Eltern, was sie gerade gefunden haben", sagt Peter Steinhäuser. Der Vater Günter Steinhäuser hatte eine Kontovollmacht für das Girokonto seines Sohnes Robert, "Misstrauen gab es da nicht", sagt er. Robert hatte in der letzten Zeit höhere Beträge abgehoben. Dem Vater sagte er, er überweise das Geld auf ein Sparbuch wegen der höheren Zinsen. "Heute wissen wir, wofür das Geld war", so Günter Steinhäuser. Die Eltern hatten jahrelang versucht, den exzessiven Fernseh- und Computerspielkonsum ihres Kindes einzudämmen. "Er saß immer vor dem Computer, das war wie eine Sucht", sagt Mutter Christel Steinhäuser. Einmal habe sie aus Verzwei .ung alle Kabel aus den Wänden und Geräten gerissen. Heute macht sich die Mutter Vorwürfe, dass sie den Sohn nach der fünften Klasse aufs Gymnasium schickte, "ein grauenhafter Fehler", sagt sie: "Vielleicht war er auf dem Gymnasium all die Jahre überfordert und deswegen kreuzunglücklich. Wir haben das doch nicht geahnt."
Unterdessen häufen sich die Widersprüche rund um den Verweis des Todesschützen vom Gutenberg-Gymnasium. Nach Angaben seines letzten Stammkursleiters hat im September 2001 in Gegenwart Steinhäusers ein Gespräch mit einem Fachlehrer, der Schulleitung und dem Kurssprecher stattgefunden. Dort sei beschlossen worden, Robert Steinhäuser an eine andere Schule zu verweisen. Das thüringische Schulgesetz sieht jedoch vor, dass das Schulamt die Zuweisung an eine andere Schule entscheiden muss nachdem er von einer Lehrerkonferenz beschlossen wurde. Eine solche Schulkonferenz hat es für Robert Steinhäuser aber nicht gegeben. Das Schulamt versucht nun, das ungewöhnliche Verfahren zu rechtfertigen: Steinhäuser sei gar nicht von der Schule verwiesen worden. Man habe ihm lediglich die Möglichkeit eröffnet, an einem anderen Gymnasium das Abitur zu machen, so Schulamts- Vizechef Wolfram Abbe. Ein Verbleib am Gutenberg-Gymnasium sei wegen des "gestörten Vertrauensverhältnisses" nicht mehr möglich gewesen. Dabei hatte selbst Thüringens Kultusminister Michael Krapp am 2. Mai noch an die Eltern geschrieben, ihr Sohn sei "von der Schule verwiesen worden". Für den Schützenverein rekrutiert wurde der spätere Amokschütze Steinhäuser möglicherweise durch ABM-Kräfte, die beim Erfurter Schulverwaltungsamt angestellt waren und durch Informationsveranstaltungen in Schulen versuchten, Jugendliche für den Schießsport zu gewinnen. Mehrfach war ein solcher Anwerber auch im Gutenberg- Gymnasium. Nach dem Sportunterricht verteilte er Broschüren für die Schüler und lud sie zum Schnupperschießen ein.