Die jüdische Philosophin Hannah Arendt wurde im Piper-Verlag von einem ehemaligen SS-Obersturmbannführer betreut
Die emigrierte Philosophin und Holocaust-Forscherin Hannah Arendt veröffentlichte seit 1958 ihre Bücher im Piper-Verlag. Verlagsleiter war dort Hans Rößner, ehemaliger Abteilungsleiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), der Terrorzentrale des Dritten Reiches, die den Holocaust maßgeblich organisierte. Mehrfach trafen sich Rößner und Arendt, die nicht wusste, mit wem sie es zu tun hatte. In mindestens zwei Fällen versuchte der ehemalige Nationalsozialist Arendts Manuskripte zu verändern, wie nun der Hamburger Historiker Michael Wildt herausgefunden hat. Rößner stieß 1934 zum Sicherheitsdienst (SD), dem Nachrichtendienst der SS. In seiner Doktorarbeit schimpfte der SS-Mann über die "Verjudung des deutschen Geisteslebens". Rößner beobachtete für den SD das Kulturleben und denunzierte mehrere Germanisten. 1940 kam er zum RSHA. Sein Vorgesetzter lobte noch 1944 Rößners "tiefe Durchdringung der nationalsozialistischen Weltanschauung"; der Geisteswissenschaftler wurde zum SS-Obersturmbannführer befördert. 1958 warb Verleger Klaus Piper den Germanisten für sein Unternehmen. Rößner schrieb Star-Autorin Arendt unterwürfige Briefe und hat sie nach Angaben seiner Witwe "wirklich verehrt". Der Verlagsleiter wollte aus dem Untertitel von Arendts Buch über die jüdische Aufklärerin Rahel Varnhagen den Hinweis auf Varnhagens jüdische Herkunft streichen. Als Arendts Manuskript über den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem vorlag, gab er ein Rechtsgutachten in Auftrag, angeblich, um das Risiko möglicher Verleumdungsklagen abzuschätzen. Die Juristen zählten seitenweise Passagen auf, die sie problematisch fanden. Arendt vermutete hinter den Einwänden Sympathie der Anwälte für die Nazis. Allerdings lassen sich für Rößners Einwände immer auch verlegerische Gründe finden. Historiker Wildt sieht denn auch in Rößner nicht den verkappten Alt-Nazi, sondern ein Beispiel "für die Kälte, mit der Täter in Nachkriegsdeutschland den Opfern gegenübertraten".