Holtzbrinck trägt kartellrechtliches Risiko - angespannte Finanzlage
Bei der für Juli geplanten Übernahme des Berliner Verlages ("Berliner Zeitung", "Berliner Kurier") durch den Stuttgarter Holtzbrinck-Konzern, dem das Kartellamt noch zustimmen muss, haben die Schwaben das volle kartellrechtliche Risiko übernommen. Üblicherweise stehen ähnliche Verträge unter dem Vorbehalt der kartellrechtlichen Zustimmung. Sollte das Geschäft am Einspruch der Kartellwächter scheitern, müsste Holtzbrinck deshalb einen neuen Käufer für den Berliner Verlag suchen. Eine Kooperation der beide Verlage war im vorigen Jahr schon einmal an der ablehnenden Haltung der Kartellwächter gescheitert.
Auch die finanzielle Regelung der Übernahme, deren Wert bei Holtzbrinck auf 150 Millionen Euro taxiert wird, steht auf wackeligen Füssen. Im Zuge eines Tausch-Geschäfts sollen die 47-prozentige Holtzbrinck-Beteiligung an dem Nachrichtensender N-tv, ihre TV-Produktionsfirma TV-Media sowie die Holtzbrinck-Radiobeteiligungen an die Bertelsmann-Tochter RTL gehen; Geld soll keines fließen. Ob es dazu kommt, ist aber noch fraglich. Anders als bislang bekannt, haben die Holtzbrincks 38 Prozent ihrer N-tv-Anteile an die Düsseldorfer West LB übertragen, die es den Stuttgartern im Gegenzug ermöglicht hat, im vorigen Jahr ihren N-tv-Anteil für 110 Millionen Mark aufzustocken - in der Öffentlichkeit war die West LB, die sich ihren Kapitaleinsatz mit 12 Prozent teuer verzinsen lässt, bislang nicht als N-tv-Gesellschafter in Erscheinung getreten - ihr Anteil wird treuhänderisch von Holtzbrinck gehalten.
Bei der Stuttgarter Verlagsgruppe, die traditionell nur Gesamt-Umsatzzahlen veröffentlicht, ist die Finanzlage deutlich angespannter als bislang bekannt. Nach einem Verlust von 47,7 Millionen Euro im Vorjahr beträgt das operative Minus in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres bereits 65,5 Millionen Euro. Besonders gravierend sind die Einbrüche bei der Verlagsgruppe Handelsblatt, die nach einem Verlust von 18,9 Millionen Euro im Jahr 2001 auch von Januar bis Mai 2002 bereits wieder ein Minus von 8,2 Millionen Euro verbucht. Erhebliche Verluste machten im Vorjahr auch der Bereich elektronische Medien (minus 14,3 Millionen Euro) sowie die deutschsprachige Verlagssparte (S. Fischer, Rowohlt, Droemer Weltbild, Kiepenheuer & Witsch) mit einem Minus von 10,6 Millionen Euro. Auch der "Tagesspiegel" machte 8,4 Millionen Euro Miese. Der Brutto-Gesamtschuldenstand des Unternehmens lag 2001 bei insgesamt 1,23 Milliarden Euro.
Nach einem internen Finanzbericht ist der Konzern vorbehaltlich einer Kreditverlängerung bis "Ende des Jahres" flüssig. Vize-Geschäftsführer Michael Grabner spricht in einem streng vertraulichen Vermerk an Konzernchef Stefan von Holtzbrinck (SvH) vom Januar von einer sowohl "operativ-faktisch als auch emotional-psychologisch nicht einfachen Situation in der Holding und für SvH".