Britisches Geheimdienst-Dossier über Sebastian Haffner
Sebastian Haffner wurde während seiner Emigration in Großbritannien bespitzelt und überwacht. Das geht aus einem nun freigegebenen Dossier des britischen Inlandsgeheimdienstes MI 5 hervor, das dem SPIEGEL vorliegt. Die Geheimdienstler stellte der wendige Journalisten vor ein großes Problem: Sie wussten nicht, was sie von ihm halten sollten. "Unsere Unterlagen, notierte ein Mitarbeiter des MI5,"zeigen erstaunliche Gegensätze in der Einschätzung seiner politischen Ansichten. Denn einige Zuträger aus der Emigrantenszene sahen in Haffner "einen Liberalen und Anti-Nazi, andere einen Beinahe-Kommunisten, und manche nur einen Opportunisten, der sich als Nazi-Gegner ausgab, weil es ihm gelegen kam.
Haffner war 1938 nach Großbritannien eingereist, ein Dreivierteljahr später woll- te der MI 5, dass der Berliner das Königreich wieder verlässt; es gebe schon "viel zu viele deutschen Journalisten in diesem Land. Der Autor durfte dennoch bleiben, wurde allerdings 1940 interniert, weil einer der eigens etablierten Gerichtshöfe, die Deutsche nach Kriegsbeginn überprüften, ihn als Sicherheitsrisiko einstufte. Der Publizist, so steht es im nun vorliegenden Urteil, "lebt von anderer Leute Dummheit, sei "durch und durch dubios und könne gar "gefährliche Kontakte aufbauen.
Der britische Auslandsgeheimdienst MI 6 hingegen glaubte, der internierte Haffner könne im Propaganda-Krieg gegen die Deutschen von Nutzen sein. Doch dank des Einsatzes seiner Verleger kam Haffner wieder frei, und ein Wechsel der Zuständigkeiten bei den Geheimdiensten beendete schließlich das Interesse an dem Deutschen.
Als die geheime Propaganda-Einheit Political Warfare Executive (PWE) 1943 beim MI 5 anfragte, ob es Einwände gegen eine Beschäftigung Haffners im Deutschland-Referat gebe, verneinten die Kollegen. Aus dem Dossier geht allerdings nicht hervor, ob der Publizist tatsächlich mit der PWE zusammengearbeitet hat.