China: "Ökologische Flüchtlinge" als Folge des Booms
In ungewöhnlicher Deutlichkeit hat der Vizechef der chinesischen Umweltbehörde die politische Führung seines Landes vor den Folgen des überhitzten Wirtschaftswachstums gewarnt. Dramatische Bevölkerungsbewegungen drohten wegen der katastrophalen Luft- und Wasserverschmutzung, sagte Pan Yue in einem am Montag erscheinenden Interview des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL.
"Über 150 Millionen ökologische Migranten, ja womöglich sogar ökologische Flüchtlinge" seien die Konsequenz des einzig auf Zuwachs ausgerichteten Booms, sagte Vizeminister Pan und malte zum Auftakt der am Sonnabend beginnenden Sitzung des Nationalen Volkskongresses ein drastisches Bild von Chinas Umweltverschmutzung: Ein Viertel der 1,3 Milliarden Chinesen habe keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, ein Drittel der Städter müsse stark verdreckte Luft einatmen. Weniger als 20 Prozent des städtischen Mülls würden umweltverträglich entsorgt. Vizeminister Pan bezeichnete es als "Denkfehler" anzunehmen, das starke Wachstum - voriges Jahr 9,5 Prozent - werde China zu einem späteren Zeitpunkt finanziell in die Lage versetzen, die Umwelt-, Rohstoff- und Bevölkerungskrise zu bewältigen.
Pan mahnte zugleich politische Reformen an. Die Bürger müssten stärker als bisher vor dem Bau umweltgefährdender Projekte befragt werden, forderte er. Pan wörtlich: "Politische Mitsprache sollte Bestandteil der sozialistischen Demokratie sein."