Litauen-Premier Brazauskas: "Ostsee-Pipeline wurde hinter unserem Rücken ausgehandelt"
Die baltischen Republiken wollen an ihrem Widerstand gegen das deutsch-russische Projekt einer Gaspipeline durch die Ostsee festhalten. In einem Interview mit dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL macht Litauens Premierminister Algirdas Brazauskas vor allem ökologische Gründe für diese Haltung geltend: Die 1200 Kilometer lange Leitung solle durch ein Gebiet verlegt werden, in dem die sowjetische Armee nach 1945 große Teile der deutschen Chemiewaffenvorräte versenkt hätte. Dies sei "extrem gefährlich"; allein vor der litauischen Küste, so Brazauskas, hätten die Russen mindestens 30.000 Tonnen Giftgas-Container entsorgt. Zugleich macht Litauens Premier darauf aufmerksam, dass Russland im Festlandsschelf vor der Ostseeküste nun auch mit der Ölförderung begonnen habe - zusammen mit seinen lettischen und estnischen Kollegen fordere er die EU dazu auf, in Moskau auf deutlichere Verpflichtungen zur Einhaltung des Umweltschutzes zu dringen. Enttäuscht zeigte sich der litauische Regierungschef vor allem angesichts der deutschen Haltung gegenüber den kleinen baltischen Ländern. In Gesprächen mit Bundeskanzler Schröder wie mit den Konzernen E.on und Ruhrgas habe er vergebens darauf gedrängt, die Energiebedürfnisse der neuen EU-Mitglieder im Osten zu berücksichtigen. "Sämtliche Bemühungen, mit dem Westen ins Gespräch zu kommen", seien "ohne Echo geblieben; alles wurde hinter unserem Rücken ausgehandelt", so Brazauskas. Vilnius hänge stark von Gas- und Öllieferungen aus Moskau ab und müsse deswegen nach Alternativen suchen. Eine landgestützte Gaspipeline, wie sie ursprünglich an Stelle der Ostseeröhre vorgesehen war, hätte Litauen mehr Unabhängigkeit beschert - auch für den Fall, dass Russland aus politischen oder technischen Gründen plötzlich den Gashahn zudreht, so Premier Brazauskas gegenüber dem SPIEGEL.