EU geht gegen gefährliche Kindermedikamente vor
Mit jahrelanger Verzögerung hat die EU jetzt eine Verordnung auf den Weg gebracht, die einen skandalösen Zustand beenden soll: Über die Hälfte aller in Europa bei der Behandlung von Kindern verwendeten Arzneimittel sind für diesen Einsatz weder geprüft noch zugelassen worden. Das geht aus Unterlagen des EU-Parlaments hervor. Fehlende oder unpräzise Informationen zur Dosierung erhöhen demnach das Risiko von Nebenwirkungen, gelegentlich mit tödlichen Folgen. Insbesondere in der Intensivbehandlung oder für Früh- und Neugeborene fehlen probate Mittel. Setzt der Arzt ein womöglich lebenswichtiges, aber nicht für Kinder zugelassenes Medikament ein, macht er sich unter Umständen strafbar (SPIEGEL 23/1999). Setzt er es nicht ein, stirbt vielleicht sein Patient, weil es legale Alternativen nicht gibt. Der Markt von rund 110 Millionen Kindern in der Europäischen Union ist den Pharmakonzernen bisher nicht groß und profitabel genug, um ein ausreichendes Arzneimittelsortiment für die unter 18-Jährigen anzubieten. Die EU hat acht Jahre gebraucht, bis nun in Brüssel ein Maßnahmenpaket mit Auflagen und finanziellen Anreizen für die Medikamentenhersteller sowie Förderprogrammen für die wissenschaftliche Forschung und deren Umsetzung geschnürt werden konnte. Das werde "für Innovation bei der Entwicklung von Kinderarzneimitteln" sorgen, so der Vizepräsident der EU-Kommission, Günter Verheugen, "und die Gesundheit der Kinder verbessern". Wenn das Europäische Parlament die Verordnung zügig durch die zweite Lesung bringt, könnte sie 2007 in Kraft treten.