Neue Runde im DDR-Doping
Ehemalige Spitzensportlerinnen der DDR, die behinderte Kinder zur Welt gebracht haben, wollen Trainer und Ärzte für Missbildungen ihrer Nachkommen zur Rechenschaft ziehen. Das berichtet das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL in der aktuellen Ausgabe. Im Verfahren gegen den langjährigen Chefarzt des DDR-Schwimmverbandes, Lothar Kipke, werden am Mittwoch in Berlin die Folgen des Hormon-Dopings in Beweisanträgen erstmals zur Sprache kommen: Ehemalige Schwimmerinnen, die als Nebenklägerinnen auftreten, werfen Kipke vor, die Schädigung der Föten billigend in Kauf genommen zu haben.
Kipke, bei dem die Ermittler Unterlagen über schwere Nebenwirkungen von Anabolika-Gaben beschlagnahmten, ist wegen fortgesetzter Körperverletzung in mindestens 54 Fällen angeklagt.
Die Gefahr für die werdenden Mütter war DDR-Medizinern bekannt; deshalb empfahlen sie Trainern, neben Anabolika auch die Pille zu verabreichen. Trotzdem gebaren Sportlerinnen Kinder, die zum Teil schwere Schädigungen hatten: Eine ehemalige DDR-Meisterin im Rückenschwimmen brachte einen Sohn mit Klumpfuss zur Welt, eine Kollegin eine blinde Tochter.
Die Ermittlungsarbeit wird auch die Sportgeschichte verändern. Horst-Dieter Hille, Trainer von Sprint-Stars in Jena, erklärte vor dem Staatsanwalt, dass neben vielen anderen Läuferinnen "von 1975 bis 1988" auch Olympiasiegerin Marlies Göhr mit männlichen Hormonen schnell gemacht worden sei. Der Deutsche Leichtathletik-Verband wird nun die damals gelaufenen Rekorde streichen müssen. Mit Göhr lief die DDR 1985 den immer noch gültigen Weltrekord über 4x100 Meter. Auch der Vereinsrekord des SC Motor Jena von 1984 hat noch Bestand.