Russischer Top-Spion kassierte auch beim BND
Die Affäre um den mutmaßlichen estnischen Top-Spion Herman Simm, der offenbar jahrelang für den russischen Geheimdienst arbeitete, hat nun auch Deutschland erreicht. Experten der Bundesregierung und der Nato gehen dem Verdacht nach, dass geheime deutsche Verschlüsselungstechnik über Simm in russische Hände fiel. Die Nato nutzt seit 2004 das deutsche Elcrodat-System, mit dem Telefongespräche, Dokumente und Faxe zwischen Brüssel und den Mitgliedstaaten verschlüsselt werden. Simm, 61, hatte als hochrangiger Beamter des estnischen Verteidigungsministeriums Zugang zu fast allen innerhalb von Nato und Europäischer Union ausgetauschten Geheimdokumenten sowie Einblick in die Arbeitsweise von Elcrodat. Die Ermittler untersuchen derzeit, ob es dem russischen Nachrichtendienst mit seiner Hilfe gelang, Elcrodat zu knacken. In diesem Fall wäre das Nato- Verschlüsselungssystem nicht mehr sicher. Der Este war im September unter dem Verdacht festgenommen worden, spätestens seit den neunziger Jahren für den KGBNachfolger SWR spioniert zu haben (SPIEGEL 47/2008). Während dieser Zeit diente sich Simm auch erfolgreich dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) an. Die Pullacher führten den estnischen Beamten mehrere Jahre lang als vertrauliche Quelle in Tallinn und bezahlten ihn gut. Die Treffen fanden in der Regel in westeuropäischen Großstädten statt. Der Doppelagent sollte ausgerechnet über russische Aktivitäten im Baltikum sowie kriminelle Strukturen berichten. Noch offen ist, ob Simm dem BND dabei in russischem Auftrag Falschinformationen unterschob oder schlicht doppelt Kasse machen wollte. Der BND schaltete ihn kurz vor dem EU-Beitritt Estlands 2004 ab. Der Festnahme im September war eine monatelange Abwehroperation mehrerer europäischer Geheimdienste vorangegangen, bei der ein ganzes Kontaktnetz des russischen Nachrichtendienstes aufflog.