Sowjets stationierten vor der Kuba-Krise heimlich Atomraketen in der DDR
Die Sowjetunion hat schon Jahre vor der Kuba-Krise atomare Mittelstreckenraketen in der DDR stationiert. Anfang 1959 seien, so berichtet das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL in der neuen Ausgabe, nach einem bereits am 26. März 1955 erlassenen Geheimbefehl des Parteichefs Nikita Chruschtschow im heutigen Brandenburg zwei Stellungen mit insgesamt zwölf Atomraketen des Typs R-5M (Nato-Code SS-3) eingerichtet worden. Stationierungsorte mit jeweils zwei mobilen Abschussrampen für die Nuklear-Geschosse, Reichweite 1200 Kilometer, seien Kasernen im Bereich Fürstenberg an der Havel, rund 80 Kilometer nördlich von Berlin, und das märkische Vogelsang, südöstlich davon, gewesen.
Die Atomsprengköpfe, die mit 300 Kilotonnen TNT die rund zwanzigfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe hatten, seien, so das Magazin, im April desselben Jahres unter starker Bewachung über den Flughafen Templin eingeflogen und nachts auf die vorgesehenen Bunker verteilt worden. Im Mai 1959 habe Marschall Matwej Sacharow, damals Kommandeur der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, Parteichef Chruschtschow persönlich die Einsatzbereitschaft gemeldet, schreibt das Blatt unter Berufung auf die Forschungsarbeiten eines Historikers der Universität Halle-Wittenberg, der in Moskau erstmals Zeitzeugen befragen und einschlägige Dokumente sichten durfte. Die Stationierung belegt, so DER SPIEGEL, dass nicht Kuba 1962, wie bislang von Militärhistorikern angenommen, sondern die DDR der erste Standort sowjetischer Mittelstreckenraketen im Ausland war. Die ostdeutschen Waffenbrüder, zitiert das Blatt den früheren DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler, hätten von der nuklearen Mission keine Kenntnis gehabt. Für die Aufstellung, Wartung und Bedienung der Raketen sei die direkt dem Zentralkomitee der KPdSU unterstellte 72. Ingenieurbrigade zuständig gewesen. Der Eliteverband, der unmittelbar nach Kriegsende bereits in Thüringen und im russischen Astrachan die von den Nazis erbeuteten deutschen V-2 testete, habe seine zwei Raketenabteilungen unter Tarnbezeichnungen in die DDR verlegt. Chruschtschow habe mit den atomaren Vorposten in Ostdeutschland, so das Blatt, ein Drohpotenzial im Hinblick auf die sich anbahnende Berlin-Krise besessen. Die Atomraketen hätten strategische Ziele in England und Frankreich ebenso erreichen können wie Zielorte, die von den USA als Stützpunkte für Bomber oder Seestreitkräfte genutzt wurden. Nur wenige Monate, nachdem die Raketen gefechtsbereit gemeldet wurden, hätten die Sowjets ihre beiden Atomstellungen aber plötzlich wieder aufgegeben und die Nuklearabteilungen der Brigade ins Kaliningrader Gebiet zurückverlegt. Der Rückzug, schreibt der SPIEGEL, könne politisch motiviert gewesen sein, sei aber auch militärisch sinnvoll gewesen. Denn in der kurzen Zeitspanne der Stationierung seien in Russland bereits neue Atomraketen mit einer Reichweite von 2000 Kilometern aufgestellt worden, mit denen, zitiert das Magazin einen russischen General, "die gleichen Aufgaben vom Territorium unseres Staates aus erfüllt werden konnten."