Russisch-Orthodoxe Kirche boykottiert Bischöfin Käßmann
Die Russisch-Orthodoxe Kirche lehnt es ab, Kontakt zur neugewählten Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, aufzunehmen. Man respektiere jene, die für Frau Käßmann gestimmt hätten, doch könne sich Patriarch Kirill, das russische Kirchenoberhaupt, mit keiner Bischöfin treffen. "Frauen können nicht in der Nachfolge der Apostel stehen", erklärt der Leiter des Außenamts der Russisch-Orthodoxen Kirche, Erzbischof Ilarion, in einem Interview für das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL: "Zudem würde ein Treffen von Patriarch Kirill mit Frau Käßmann den Anschein erwecken, dass unsere Kirche das Priestertum der Frau anerkennt", so Ilarion. Damit bleibt der vor 50 Jahren begonnene Dialog zwischen beiden Kirchen eingefroren; die zum Jubiläum in diesen Tagen in Berlin und Moskau geplanten Feierlichkeiten wurden abgesagt. Dies sei "eine impulsive Entscheidung" der deutschen Seite, die er sehr bedauere "man hätte so nicht reagieren dürfen", betont der Vertraute des Patriarchen, der nach Kirill die mächtigste Figur in der russischen Kirchenhierarchie ist. Er versichert jedoch, nach neuen Formen der Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland suchen zu wollen. Ilarion kritisiert zugleich die Moralvorstellungen vieler protestantischer Kirchen: "Sie rechtfertigen vom theologischen Standpunkt die Homosexualität, ja segnen gar Ehen zwischen Homosexuellen. Manche halten Abtreibung für keine Sünde", klagt der Erzbischof. Nach orthodoxer Auffassung seien die protestantischen Kirchen keine wirklichen Kirchen, sondern lediglich Gemeinschaften von Christen. Anerkennende Worte findet der Erzbischof dagegen für Papst Benedikt XVI. und dessen Eintreten für "traditionelle christliche Werte". Die Russisch-Orthodoxe Kirche wolle einen Durchbruch in den Beziehungen zur katholischen Kirche: "Wir sind Bündnispartner und stehen vor der gleichen Herausforderung, einem aggressiven Säkularismus", erklärt Ilarion. Ein Gipfeltreffen des russischen Kirchenoberhaupts mit dem Papst, über das seit Jahren spekuliert wird, sei durchaus möglich und wünschenswert unter der Voraussetzung, dass sich Katholiken und Orthodoxe nicht mehr gegenseitig Gläubige abspenstig machen, so Ilarion.