Domspatzen durch Misshandlungen traumatisiert
Der Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen hat größere Ausmaße als bisher bekannt. Therapeuten im Münchner Raum behandelten mehrere ehemalige Domspatzen , die durch sexuelle und andere körperliche Misshandlungen traumatisiert wurden. Ein Betroffener aus dem Allgäu berichtete gegenüber dem SPIEGEL von grausamen Ritualen im Internat Etterzhausen, einer Vorschule für jüngere Schüler, aus dem sich die Domspatzen in Regensburg rekrutierten. Dort habe Ende der fünfziger Jahre der Direktor M., ein katholischer Priester, härteste Bestrafungen exerziert: Häufig habe er auch in seinen Privaträumen ein "Nacktprügeln" betrieben, bei dem sich die acht- bis neunjährigen Kinder entblößen mussten und Schläge mit der Hand bekamen. In einigen Fällen, so das Opfer, sei es zu Penetrationen gekommen.
Der Regisseur und Komponist Franz Wittenbrink, der bis 1967 im Regensburger Internat der Domspatzen lebte, spricht von einem "ausgeklügelten System sadistischer Strafen verbunden mit sexueller Lust", das dort bestand. Der Internatsdirektor Z. habe sich "abends im Schlafsaal zwei, drei von uns Jungs ausgesucht, die er in seine Wohnung mitnahm". Dort habe es Rotwein gegeben und der Priester habe mit den Minderjährigen masturbiert. "Jeder wusste es", sagt Wittenbrink, ein Neffe des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel: "Warum der Papstbruder Georg Ratzinger, der seit 1964 Domkapellmeister war, davon nichts mitbekommen haben soll, ist mir unerklärlich." In seinem Jahrgang habe ein Mitschüler kurz vor dem Abitur Selbstmord begangen. Trotz zahlreicher Hinweise hatte das Bistum Regensburg Missbrauchsfälle bei den Domspatzen bis zu einer Anfrage des SPIEGEL am vergangenen Donnerstag nicht öffentlich gemacht. Nun will das Ordinariat alles rigoros aufklären und Ende März einen Zwischenbericht vorlegen.