Koch von Heiligendamm widerspricht Giftthese von Laura Bush - DER SPIEGEL
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Koch von Heiligendamm widerspricht Giftthese von Laura Bush

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An den Tag, an dem Laura Bush dachte, sie müsse an der deutschen Ostsee sterben, erinnert sich Steffen Duckhorn gut. Er war etwas aufgeregt gewesen am Morgen, er hatte gehört, dass es George W. Bush nicht gutgehe, damals beim G-8-Gipfel im Juni 2007 in Heiligendamm. Dem US-Präsidenten, für den Duckhorn gekocht hatte, soll der Magen geschmerzt haben. "Wir haben uns gleich ans BKA gewandt, ob da irgendwas war. War aber nichts", sagt Duckhorn über seinen Kontakt zum Bundeskriminalamt (BKA). Ständig hätten Toxikologen in der Küche gestanden und mit Fläschchen Proben von allem gesammelt, was zubereitet wurde. "Vor dem Essen, während des Essens, nach dem Essen."

Fast drei Jahre später ist aus Bushs Bauchschmerz ein möglicher Mordversuch an fast einem Dutzend US-Delegationsmitgliedern geworden. In den diese Woche erscheinenden Memoiren von Laura Bush ist von möglichem Gift die Rede. Die frühere First Lady schreibt, sie habe sich eines Nachmittags plötzlich todelend gefühlt. Delegationsmitgliedern sei es ähnlich gegangen.

Duckhorn, 34, ist inzwischen Küchendirektor im Grand Hotel Heiligendamm. Er sagt: "Jeder Koch hat seine Ehre." Mit seinem damaligen Küchenchef, der jetzt in Rostock-Warnemünde kocht, hat er nun die Vorgänge beim Gipfeltreffen rekonstruiert. Die Proben der Toxikologen seien gleich vor Ort in einem kleinen Labor überprüft worden, nie habe es auch nur die geringste Beanstandung gegeben. Außerdem habe das Küchenteam zwar für die Präsidenten und Premiers, die Ehegatten und engsten Mitarbeiter gekocht, aber nicht für den Rest der Delegationen. "Die haben ihre Sachen selbst mitgeschleppt." Die Amerikaner brachten zum Beispiel ihre eigene Cola und M&M’s mit dem Logo des Weißen Hauses mit.

Die Speisefolge aller offiziellen Essen hatten die Köche vorher mit dem Auswärtigen Amt besprochen, es gab gehobene deutsche Küche, Matjes-Tatar, Zander mit Schmorgurken, Kalbsschnitzel mit frischem Spargel, Perlhuhn-Frikassee, solche Sachen. Die Zutaten kamen aus der Umgebung, die Lieferanten wurden vorher überprüft, so wie jeder Küchenmitarbeiter, und jede Lieferung noch einmal, mit Sprengstoff-Hunden und Metalldetektoren. Am Kücheneingang saßen immer Leute vom BKA. Und wenn trotzdem was gewesen wäre, "dann wären wir doch als Erste umgekippt. Wir kosten doch unsere Sachen."

Laura Bush schreibt, der Geheimdienst habe höchste Alarmstufe ausgelöst und das gesamte Hotel nach gefährlichen Stoffen durchsucht. Duckhorn bestreitet das: "Hier ist keiner nervös über den Hof gerannt." Die Amerikaner bestellten bei ihm nur eine Hühnerbrühe für George W. Bush.

Aus dem BKA ist nichts über einen Gift-Verdacht zu hören. Die US-Botschaft weiß auch nichts. Das Auswärtige Amt verweist aufs Kanzleramt, das keine Erkenntnisse hat. Ob Gift gefunden wurde, das wisse sie selbst nicht, schreibt Laura Bush. Die Ärzte hätten schließlich befunden, "dass wir uns mit einem Virus infiziert hatten, das einen Nerv nahe des Innenohrs angreift und das in Heiligendamm weitverbreitet ist". Einer ihrer Mitarbeiter hatte plötzlich Probleme mit dem Ohr, ein anderer mit dem Laufen.

"Nee, nee, nee", sagt Stefan Hummel, holt Luft vom Lachen. Hummel, 59, ist Chefarzt der Pulmologie in der Median Klinik, die gleich hinter dem Grand Hotel liegt. Magen-Darm der eine, Ohr der andere, etwas mit dem Gang der dritte? Merkwürdig. Ein hochansteckendes Virus hätte sich nicht auf eine Delegation beschränkt, so viel kann er sagen. Und wenn es viele Kranke gegeben hätte, er hätte davon gehört. Zudem herrsche am Kurort "ein geradezu virenfeindliches Klima".

George W. Bush war es an jenem Tag nach der Hühnerbrühe schon viel besser gegangen. Steffen Duckhorn traf den Präsidenten nachmittags munter auf dem Hof. Bush schüttelte ihm die Hand und lobte das gute Essen. "Hey man, good food", habe er zu ihm gesagt.