Interview mit CDU-Fraktionsvize Günter Nooke: "Merkel Kanzlerkandidatin"
SPIEGEL:
Herr Nooke, Sie saßen am vergangenen Freitag im Bundestag Seite an Seite mit Helmut Kohl. Wie fühlt sich ein ehemaliger Bürgerrechtler neben einem Rechtsbrecher?
Nooke: Es ist normal, dass ein Abgeordneter des Deutschen Bundestages an Plenarsitzungen teilnimmt. Helmut Kohl saß in der dritten Reihe. Ich finde, dass dies ein angemessener Platz war.
SPIEGEL: Warum haben die ehemaligen Bürgerrechtler in der CDU zum Verfassungsbruch durch Kohl nie gemeinsam Stellung bezogen?
Nooke: Ich glaube nicht, dass Bürgerrechtler immer in Rudeln auftreten müssen. Ich persönlich habe mich übrigens kritisch über sein Verhalten geäußert.
SPIEGEL: Ist die Enttäuschung über Kohl im Osten besonders groß?
Nooke: Hier setzte Enttäuschung früher ein als im Westen und ging tiefer - vielleicht ist sie deshalb auch bereits verarbeitet.
SPIEGEL: Angela Merkel wird neue CDU-Vorsitzende. Wird nun die rheinische Union verostet?
Nooke: Nein, im Gegenteil. Frau Merkel hat so manchem rheinischen Katholiken, der mit seiner Partei etwas fremdelte, der sich vielleicht so fremd im eigenen Land fühlte, wie es bis vor kurzem auch Ostdeutschen ergangen ist, wieder zu neuem Mut und Selbstvertrauen verholfen. Das ist gut für die neue Union - im Osten wie im Westen.
SPIEGEL: Der konservative Teil der Union hat das eher als Kulturschock empfunden.
Nooke: Der Abschied von der Bonner Republik findet nun auch in den westdeutschen Köpfen statt - auch in der Union. Natürlich wird vielen erst durch die Personalie Merkel bewusst, dass sich die Republik verändert hat. Das hatten wir uns schon 1990 erhofft. Jetzt kommt es zwar etwas spät, aber es wird dem Prozess des Zusammenwachsens einen zusätzlichen Impuls geben.
SPIEGEL: Angela Merkel erfüllt auch gleich zweimal die Quote: Frau und Ostdeutsche.
Nooke: Sie wird Parteichefin, weil sie die am besten geeignete Kandidatin ist. Erstmals in der Geschichte dieser Republik wird eine Frau eine der großen Parteien führen. Das ist eine historische Leistung der Union und wird die Republik verändern. Die Herkunft ist dabei nicht ausschlaggebend. Als Ostdeutscher finde ich nicht, dass sie wegen ihrer Herkunft Parteivorsitzende werden sollte. Es wäre aber auch absurd, wenn ihre DDR-Biografie ein Grund wäre, sie nicht zu wählen.
SPIEGEL: Wird der Umgang der Union mit der PDS unter der Vorsitzenden Merkel anders?
Nooke: Eine Neuauflage der Rote-Socken-Kampagne wird es nicht geben. Wir brauchen jetzt aber auch keine Dialog-Veranstaltungen. Wir sollten noch stärker als früher die Sachauseinandersetzung mit der PDS suchen. Wir müssen den Anspruch der PDS brechen, die einzig wahre Stimme des Ostens zu sein.
SPIEGEL:: Trauen Sie Angela Merkel auch zu, im Jahr 2002 gegen Gerhard Schröder anzutreten?
Nooke: Ich traue Angela Merkel jede Kandidatur zu. Schon jetzt stehen die anderen Parteien gehörig unter Druck, denn wir setzen jetzt mit einer Frau an der Spitze Maßstäbe. Warum sollte die Union nicht auch einmal eine Kanzlerkandidatin stellen? (DER SPIEGEL 12/2000, Seite 35)